An der Schifflände

Über meine wilde Jugend als Bibelverkäufer

 

"Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort."

Johannes 1,1, Lutherbibel

 

 

Als Schulabbrecher musste ich irgendetwas machen. Und das Erste, was einem Schulabbrecher in den Sinn kommt, wenn er über seine Zukunft nachdenkt, ist die Möglichkeit, eine Buchhändlerlehre zu machen. Also entschloss ich mich zu einer Buchhändlerlehre. Die Evangelische Buchhandlung an der Schifflände war nicht meine erste Wahl. Viel lieber hätte ich beim Jäggi gearbeitet, der grössten und bekanntesten Buchhandlung in Basel. Als Kind hatte ich mir beim Jäggi jedes Jahr ein Geburtstagsbuch aussuchen dürfen. Hier gab es alles: vom Kreuzworträtselbuch bis zum Ausmalbuch, vom seriösen Roman bis zum weniger seriösen Roman, vom Ramschbuch bis zum Edelbildband. Zum Jäggi ging man nicht, um zu schmökern. Oder weil man beim Stadtbummel vom Regen überrascht wurde. Meistens ging man nur in die Stadt, um in den Jäggi zu gehen. Und wenn man in Zürich oder in Bern jemandem sagte, man wohne in der Nähe von Basel, hiess es sofort: "Ah, das ist doch die Stadt, wo es diese berühmte Buchhandlung gibt." Der Jäggi animierte zum Kaufen, während jede andere Buchhandlung nur zum Schmökern animierte. Zum Jäggi ging man mit einem Wunschzettel, mit dem Auftrag, eine Schullektüre zu beordern, mit einer aus der BaZ gerissenen Buchbesprechung, mit dem Wunsch, eine eigene Bibliothek einzurichten, mit dem Bedürfnis, den umfangreichsten Brockhaus zu erstehen. Wer zum Jäggi ging, sprang mit Anlauf in einen Swimming Pool voller Bücher. Zum Jäggi ging man, wie man in die Migros, ins Freibad oder in die Schule geht, der Jäggi war eine Lebensinstitution.

 

Doch beim Jäggi war gerade keine Lehrstelle frei. Und so landete ich in der Evangelischen Buchhandlung, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Das Wort "evangelisch" schreckte mich ab. Branchenkenner versicherten mir, dass man kein Frömmigkeitsattest brauche, um dort arbeiten zu dürfen. Eine ganz normale Buchhandlung, hiess es. Eine Fachbuchhandlung für Theologie, die auch ganz normale Bücher verkaufe. Aber irgendwie komisch war es schon. Dieses Umfeld, eine Mischung aus aufgeklärtem Protestantismus und halbvergreistem Patriziertum, war für mich, als ich die Zusage erhielt, wie ein Tombolagewinn in Form eines Geranienstocks. Es war nicht gerade das, was ich mir erträumt hatte. Ich war zwar konfirmiert worden, hatte aber mit Religion nicht allzuviel am Hut. Und schon gar nicht mit christlicher Theologie. Ausserdem war ich achtzehn Jahre alt - und hatte gerade damit angefangen, in einer Punkrock-Band zu spielen. Das Übungslokal befand sich in Birsfelden neben dem Coop. "Wo arbeitest du?" - "In einer evangelischen Buchhandlung." - Wie peinlich!

 

Am ersten Arbeitstag begrüsste mich mein Chef mit den Worten: "Wir sind keine religiöse Buchhandlung. Wir sind eine theologische Buchhandlung. Beten müssen Sie bei uns nicht. Damit die Kasse stimmt, müssen Sie in allererster Linie klug geschäften können. Vom Beten wird niemand feiss." Als ich dann die hundert Regalmeter mit der theologischen Fachliteratur zum ersten Mal abstaubte, wobei ich jeden Band von Karl Barths Dogmatik herausnahm, 9000 Seiten insgesamt, und mit einem Pinselchen akribisch abwischte, dozierte mein Chef die ganze Zeit über biblische Hermeneutik. Ich verstand natürlich Bahnhof. Wenn die Frommen wüssten, was ihnen da alles entgeht, dachte ich. Es war mir damals noch nicht bewusst, dass diese kleine verstaubte Fachbuchhandlung eine ins Abseits gedrängte, bildungsbürgerlich aufgeklärte Religiosität behütete, die es hier noch gab. Als Hauptlieferantin der Münstergemeinde und der Theologischen Fakultät versorgte die Evangelische Buchhandlung Pfarrherren, Vikare, Diakone, Katecheten, Dekane, Theologieprofessoren und Theologiestudenten mit Bibeln und Andachtsbüchern, mit Werken der systematischen und praktischen Theologie, mit Büchern über Gottesdienstgestaltung, Diakonie, Liturgie, Seelsorge und Psychoanalyse, mit Exegesen und Synopsen, mit Kompendien der Kirchen- und Dogmengeschichte, mit altsprachlichen Lehrbüchern, mit Schriften zum Kirchenrecht, mit Büchern über Eschatologie, Skramantlehre, Ekklesiologie, Pneumatologie, Soteriologie, Christologie und vergleichender Religionswissenschaft, aber auch mit kirchen- und religionskritischen Werken von Feuerbach bis Deschner. Und mit der ganzen Philosophie von Platon bis Jaspers, wobei die Theologen und Kirchenfunktionäre nicht einmal vor Heidegger und Nietzsche zurückschreckten. In meiner Freizeit büffelte ich Fachbegriffe. Ich musste ja verstehen, was ein Kunde von mir wollte, wenn er eine kulturgeschichtliche Abhandlung über die "Perikope" suchte. Am meisten Mühe machte mir das Wort "Transsubstantiation". Bis heute kommt es mir nicht fehlerfrei über die Lippen. Als sich Luther und Zwingli über die "Transsubstantiation" gestritten haben, muss das ein Disput im Stil von "Fischers Fritz fischt frische Fische" gewesen sein.

 

Hin und wieder verlangte ein emeritierter Theologieprofessor eine Hauslieferung. Dann packte ich die bestellten Bücher in ein Einkaufswägelchen und marschierte los. Das machte ich am liebsten. Ich war gerne an der frischen Luft. Ausserdem gab es reichlich Trinkgeld. Und manchmal setzte ich mich unterwegs kurz hin und rauchte einen Joint. Die emeritierten Theologieprofessoren waren freundlich, wenn auch etwas konfus. Wenn sie etwas sagten, war ich nie ganz sicher, ob sie nur mit sich selbst sprachen oder auch mit mir. Ich merkte: das sind Menschen, die in höheren Sphären zu Hause sind. Dort, wo man über das Göttliche und Ewige nachdenkt. Über das Unaussprechliche, wie zum Beispiel die "Transsubstantiation". In die Buchhandlung kamen sie nie. Ihre Bestellungen tätigten sie schriftlich. Niemals hätten sie sich in die Niederungen des normalmenschlichen Umgangs begeben, in die profane Sphäre der Erdfüssler, wo man arbeitete, einkaufte, spazierte, Kinderwägen herumschob und Joints rauchte. Wenn sie sich ausserhalb ihrer Studierstuben und Schreibkammern blicken liessen, eilten sie wie in geheimer Mission durch die Altstadt und dem Münster entgegen. Im ehemaligen Domherrenhaus, wo die Allgemeine Lesegesellschaft untergebracht war, schmökerten sie in althumanistischen Folianten und studierten die grosse Basler Geistesgeschichte von Erasmus bis Jakob Burckhardt. Oder lasen, wie lichtscheue Ketzer, die sich in einem dunklen Kellergewölbe in das Sechste Buch Mose vertiefen, die Neue Zürcher Zeitung.

 

Ende der Achtzigerjahre, als ich meine Buchhändlerlehre machte, gab es in Basel vier christliche Buchhandlungen. Jede hatte einen bestimmten Grad an Frömmigkeit anzubieten - und eine eigene konfessionelle Ausrichtung, wobei das eine mit dem andern zusammenhing. Es gab die Frommen von der Freikirche, die mehr oder weniger Frommen von der Basler Mission und die eindeutig weniger Frommen, die über verschiedene Kanäle mit der evangelisch-reformierten Landeskirche oder der katholischen Una sancta verbunden waren. Die Evangelische Buchhandlung war die am wenigsten fromme protestantische Buchhandlung in Basel. Sie war die Hausbuchhandlung der mit der Landeskirche verkoppelten Ökolompadianer, der universitären Barthianer, der theologisch interessierten Altphilologen und der kirchlich engagierten Bildungsbürger. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter") war in der Evangelischen Buchhandlung genauso Stammkunde wie das Fräulein Doktor Stähelin aus dem Basler Teig. Förmlich und betulich ging es hier zu, zuweilen auch etwas akademisch, aber fromm nicht. Die katholische Entsprechung zur Evangelischen Buchhandlung war die Buchhandlung Vetter an der Spiegelgasse. Allerdings fehlte hier das religiöse Umfeld. Alles in allem eine ziemlich normale Buchhandlung. Wenn nicht gerade Fastenzeit war, verkaufte man hier mehr Kochbücher als Bibeln. Nur zwei Strassen weiter, auf der anderen Seite des Fischmarkts, in der kleinen Buchhandlung an der Schifflände, fragten wir uns manchmal im Scherz, ob denn die Katholiken überhaupt lesen können. Und wofür die drei bis vier gläubigen Christkatholiken, die es in Basel gab, überhaupt eine eigene Buchhandlung brauchten. Diese Frage war leicht zu beantworten. Katholisch war die Buchhandlung Vetter nur pro forma. Für die kleine katholische Exil-Kommunität genügte das. Wie auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Pilger auf dem Weg nach Mariastein in die Spiegelgasse verirrte. In den beiden Schaufenstern türmten sich Bildbände über die Rhätische Bahn, die Schwarzwaldbahn, die Preussische P10 und die Firma Märkli. Irgendwie stand das eher mit dem Modelleisenbahnen-Shop am oberen Spalenberg als mit dem Papst in Verbindung. Etwas frommer gelagert war die Missionsbuchhandlung an der Missionsstrasse, nicht zu verwechseln mit der Pilgermission am Spalenberg, dem späteren Bibelpanorama, einem Ableger der freikirchlichen Chrischonagemeinde. Die Missionsbuchhandlung hatte zwar ebenfalls einen pietistischen Einschlag, aber ohne das gefühlige Jesus-hat-dich-lieb-Getue der Pilgermission. In der Missionsbuchhandlung herrschte die pingelige Nüchternheit eines Kontors. An die Buchhandlung war eine Verlagsauslieferung angeschlossen, und das Ganze stand in einer namengebenden Verbindung zur altehrwürdigen Basler Mission, die in Afrika und Indien den protestantischen Glauben verbreitet hatte. Und natürlich auch die mitteleuropäischen Tischmanieren. Beim Anblick der Basler Missionarsgattinnen seien die afrikanischen Giftschlangen augenblicklich in die Büsche geflohen, um nicht gebissen zu werden, schrieb einmal Urs Widmer, der das bestimmt nicht bös gemeint hat. Selbstverständlich haben die Basler Missionare sehr viel Gutes getan. Mit schwäbischem Fleiss und Pflichtbewusstsein haben sie Spitäler, Schulen und florierende Handelsniederlassungen gegründet. Ein Hauch dieser Weltläufigkeit war in der blitzblank aufgeräumten Buchhandlung an der Missionsstrasse immer noch zu spüren. Neben Bibeln und Andachtsbüchern konnte man hier auch Kokosmatten und Negertrommeln kaufen. Neben verschiedenen Bibelausgaben (Elberfelder Bibel, Schlachter Bibel, Gute Nachricht etc.) prangte im Schaufenster ein Plakat von Terre des Hommes mit einem grossäugigen Drittewelt-Kind, und auf einem zerknüllten Batiktuch lagen die dazugehörigen hand- oder fussgefertigten Originalprodukte: exotische Teemischungen, Haarpulver aus Khadi, holzgeschnitzte Elefanten und Ohrgehänge aus Vogelknochen. Man fand hier alles, was man auch in einem Weltladen finden konnte, ausser Meditationskissen und Räucherstäbchen: die galten nämlich als heidnisch. Das Christliche stand hier eindeutig im Vordergrund - wie auch der gute alte protestantische Ordnungssinn. Die Missionsbuchhandlung war die aufgeräumteste und modernste Buchhandlung weit und breit. Schon in den Achtzigern, als die meisten Buchhändler noch Buchlaufkarten vollkritzelten und Auslieferungskataloge herumfugten, die an Schwere und Dicke jede Bibel übertrafen, besass die Missionsbuchhandlung ein eigenes Computersystem. Davon war die Buchhandlung an der Schifflände noch weit entfernt. Hier gab es noch Bakelit-Telefone und eine mechanische Kasse. Und die mechanische Türglocke schepperte so laut, dass ich sie mit einer Socke umwickeln musste, wenn viel Betrieb war. Und dann die Wandregale: dreieinhalb Meter hohe Ungetüme aus Massivholz. Die obersten Regale erreichte man mit einer Leiter, die an einer Schiene eingehängt war. Beim Abstauben, Büchereinräumen und Büchersuchen war ich immer sehr vorsichtig, anders als mein Chef, der zwar über sechzig Jahre alt war, aber doch sportlich genug, um wie ein Flughund auf die Leiter zu springen, sich seitlich abzustossen, sodass die Leiter ein Stückweit nach links oder rechts sauste, und mit einem gewagten Sprung wieder auf dem Boden zu landen. Auf mich wirkte dieses Leitersystem nicht allzu vertrauenerweckend, zumal man oft über das oberste Regal hinausgreifen musste. Im Zwischenraum unter der Decke gab es ein zweites Zweitlager. Das erste Zweitlager befand sich im Sockel der Regalwände. Bei der Inventur musste man die beiden Zweitlager sauber auseinanderhalten. Und da durfte man auch den Estrich nicht vergessen. Der Estrich war das dritte Zweitlager. Vor allem aber war der Estrich eine Art Wunderkammer. Bis unter die Dachbalken staute sich das Dekorationsmaterial: Weihnachtssterne und Weihnachtskugeln, Schaufensterpuppen und Fasnachtslarven. Ein einziges sperriges Durcheinander. Aufräumen durfte hier niemand. Niemand durfte in das ausgeklügelte Such- und Ortungssystem hineinpfuschen, auf das sich mein Chef verliess, wenn er im Estrich mit Matthäus 7,8 ("Wer sucht, der findet") auf Schatzsuche ging. Seltsam war auch seine Methode der Geldaufbewahrung. Unter dem Bestellpult gab es einen Tresor für die Tageseinnahmen. Jedes Mal, wenn mein Chef das Geld versorgen wollte, musste er unter das Pult kriechen. Einmal verklemmte sich seine Krawatte in der Tresortür, die er nicht mehr aufbrachte. Mit strampelnden Beinen lag er unter dem Pult und rief um Hilfe, bald schon röchelnd, weil sich die Krawatte immer enger zuzog. Mit einer Schere konnte ich ihn schliesslich befreien.

 

Als ich in das letzte Lehrjahr kam, stand die Evangelische Buchhandlung kurz vor dem Konkurs. Mein Chef war nervös wie ein Ameisenhaufen, in dem jemand herumstochert. Es kursierten Gerüchte. Kirchenratsmitglieder und Pfarrherren tauchten mit besorgten Mienen im Laden auf und liessen sich vom Chef die Geschäftslage erklären. Irgendetwas war im Busch. Vor allem im Hinblick auf die andere evangelische Buchhandlung, die es in Basel gab: die Missionsbuchhandlung. Deren Chef, der umsichtig-väterliche Herr Kellenberger, war ganz anders als unser Chef. Er war die Ruhe in Person. Ausserdem kannte er sich mit Buchhaltung besser aus als mit Büchern und managte seine Firma nicht anders als jemand, der eine Metzgerei oder ein Brillengeschäft leitet. Seit einiger Zeit trafen sich die beiden Chefs regelmässig im Café Spillmann. Das war verdächtig. Als mein Chef eines Tages mit zerstreutem Blick, zerzausten Haaren und verrutschter Krawatte von so einem Treffen zurückkam, wusste ich, dass auf höchster Ebene etwas Weitreichendes beschlossen worden war. Und bald lag es auch schon auf dem Tisch. Die Evangelische Buchhandlung und die Missionsbuchhandlung würden fusionieren. Vom Sortiment her war das natürlich naheliegend, die theologische Ausrichtung war nahezu gleich - wie auch der Frömmigkeitsgrad. Beide Buchhandlungen blieben an ihrem Standort. Ansonsten wurde alles auf den Kopf gestellt. Da die Missionsbuchhandlung den ganzen Postversand und die Gesamtadministration übernahm, konnte das Büro an der Schifflände zur Ladenfläche umgestaltet werden. Auf einmal gab es Platz für eine moderne Multitask-Theke mit einer Sichtfront für Taschenbücher und Prospekte. Dort bediente man den Computer oder sortierte die angelieferten Bücher. Und oftmals machte man beides gleichzeitig, sozusagen vierhändig, während man nebenbei auch noch einen Kunden bediente. Die Multitask-Theke war so konzipiert, dass man sich beliebig auffächern konnte. Ihre eigentliche Bedeutung erhielt sie aber durch den Computer. Der Computer war die Neuerung des Jahrhunderts, auch für mich persönlich. Am Arbeitsplatz kam ich zum ersten Mal mit so einem Gerät in Berührung. Und es war gar nicht so schlimm! Man konnte damit umgehen, man konnte es lernen, und wir alle lernten es, sogar mein Chef, obwohl er sich nur ungern von seiner mechanischen Schreibmaschine trennte, einer Hermes, die er allerdings nicht fortwarf oder zum Trödelhändler brachte, sondern im Estrich verstaute. "Falls mal der Strom ausfällt, ist sie uns vielleicht noch von grossem Nutzen," flüsterte er mir zu, und wir wussten natürlich beide, dass es nie wieder eine Evangelische Buchhandlung mit einer mechanischen Schreibmaschine geben würde. Kurze Zeit später flog ich bereits mit einem Flugsimulator um die halbe Welt und überlebte dabei etliche Abstürze. Allerdings tat ich das nur im Privaten. Im Geschäft benutzte ich den Computer ausschliesslich zum Arbeiten. Das buchhändlerische Gekritzel und Gekratzel wurde überflüssig. Jede Katalogangabe, jede Empfehlung, jede Buchliste, jede Statistik konnte sauber ausgedruckt werden. Auf einmal herrschte die totale Transparenz. Mein Chef hatte nicht so richtig Freude daran. Er kämpfte um seine berufliche Reputation. Eigentlich stand er kurz vor der Pensionierung. Unter normalen Umständen hätte er einfach gehen können. Nun musste er noch ein Weilchen ausharren, weil der Kapitän das sinkende Schiff nicht verlassen darf. Alles stand auf der Kippe. Auch für die Missionsbuchhandlung, die insofern noch ein bisschen besser dran war, als sie eine Verlagsauslieferung betrieb. Damit schrammte sie knapp an den roten Zahlen vorbei. Das war gut, aber keine Rettung. Aufatmen konnte niemand. Die Angestellten beider Buchhandlungen verbrachten ihre Kaffeepausen mit dem Studium von Stelleninseraten. Sie wussten, dass hier nichts mehr zu retten war. Sie konnten nicht so viel Wasser ausschöpfen, wie in das Boot eindrang. 

 

Der Zusammenbruch des protestantischen Buchhandels kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, schrumpfte die Trägerschaft des gebildeten Protestantismus dahin. Die traditionsbewussten Kirchgänger starben weg, und die Landeskirche verlor an Einfluss. Und so erwies sich selbst die Fusion als vergeblich. Kaum hatte ich meine Lehre abgeschlossen, verschwanden die beiden evangelischen Buchhandlungen für immer aus dem Stadtbild. Ausserhalb des Basler Teigs fiel das niemandem gross auf. Die Presse nahm es kaum zur Kenntnis. Es war der sprichwörtliche Reissack, der in China umfällt. Es gab ja noch genügend andere Buchhandlungen, und die goldenen Neunzigerjahre, in denen die Buchverkäufe einen Rekordstand erreichten, hatten eben erst begonnen. Die Buchhandlung Vetter existiert noch heute. Gut getarnt katholisch hat sie sich erfolgreich durchgewurstelt. Und wenn ich "erfolgreich" sage, meine ich damit die buchhändlerische Definition von Erfolg: das Hinauszögern der Insolvenz. Die grosse Gewinnerin war jedoch die Pilgermission am Spalenberg. Sie war die Hausbuchhandlung der Evangelikalen. Und sie ist es bis heute, auch wenn der Name und die Besitzverhältnisse seitdem mehrmals gewechselt haben. In den Achtzigerjahren legte die Pilgermission kräftig zu. Nicht nur, weil die protestantische Konkurrenz wegbrach. Die Freikirchen wuchsen rasant. Sie nutzten den Zeitgeist. Hier gab es keine Gottesdienste, sondern Happenings, keine Predigten, sondern Entrückungserlebnisse, keine Gebete, sondern Briefings mit Gott, keine Matthäus-Passion, sondern Gospel-Geschrei und Pop-Gesäusel. Überall schossen evangelikale Gruppen aus dem Boden, die einen "erlebbaren Jesus" verkündeten, einen Jesus, der keine Sandalen mehr trug, sondern Adidas-Turnschuhe - und der sich entsprechend erfolgreich vermarkten liess. Diesen Jesus nannte man denn auch nicht Jesus, sondern "Tschises". Es war der Jesus von Billy Graham und Konsorten. Bei den protestantischen Althumanisten, die der Basler Münstergemeinde die Treue hielten, kam das natürlich schlecht an. Es war nicht nur Neid. Es war eine riesige Kluft, ein gegenseitiges Unverständnis, das den Protestantismus bis zur Wurzel hinab spaltete. Es war die Spaltung zwischen alt und neu. Aber eben nicht so, wie man vielleicht denken könnte. Mit Barth, Bultmann und dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren die evangelischen Althumanisten in der Moderne angekommen, während die hipen, auf jugendlich getrimmten Evangelikalen - oder Freikirchler, wie sie häufiger genannt wurden - ein Bibelverständnis pflegten, das die Bibel zum Fetisch machte. Hier versuchte man den Glauben nicht durch Beherrschung von Komplexität zu bewahren, sondern durch radikale Vereinfachung. So kam es, dass die Evangelikalen alles Biblische direkt auf das gegenwärtige Leben übertrugen, ohne Rücksicht auf historische Bezüge, hermeneutische Feinheiten und geisteswissenschaftliche Interpretationsspielräume. Eine theologische Plattheit, die das Wort beim Wort nahm. Als ob die Bibel im heutigen Deutsch vom Himmel herabgefallen wäre, blitzsauber redigiert und von Gott persönlich signiert. Die tautologische Prämisse der Evangelikalen lautete: wer an die Schrift glaubt, hat Recht, weil die Schrift göttlich ist. Und wer daran glaubt, dass die Schrift göttlich ist, muss demzufolge natürlich doppelt Recht haben! Eine wasserdichte Schlaumeier-Logik. Kurzum: die Evangelikalen glaubten an die Schrift. Tautologisch und total. Ganz anders die evangelischen Protestanten: sie glaubten nicht an die Schrift, sondern an das, worauf die Schrift hinweist, wodurch sie das Bibelverständnis öffneten und relativierten. Sie glaubten der Schrift, nicht an die Schrift. Kleiner Unterschied, grosse Wirkung. Die einen lasen die Bibel wie eine Gebrauchsanleitung, die andern wie eine historische Schrift, die uns noch etwas angeht. Für die einen war der Wortlaut der Bibel etwas Göttliches und Unverrückbares, für die anderen etwas Menschengemachtes, das man ständig wieder neu zurechtrücken musste. Die einen sprachen von Bibelvergötzung, wenn sie den Glauben der anderen kritisierten, und diese wiederum warfen den anderen Bibelverfälschung vor. Die schismatische Unterscheidung zwischen "An etwas glauben" und "Etwas glauben" war mehr als nur Wortklauberei. Es lagen Welten dazwischen. Die evangelischen Protestanten - aufgeschlossene, moderne Christen - vertrugen sich mit allen Religionen und Konfessionen und gewannen sogar dem Atheismus etwas Positives ab, mit allem und jedem kamen sie zurecht. Nur nicht mit den Fundamentalisten im eigenen konfessionellen Lager, die von Offenheit und Toleranz so gar nichts wissen wollten. Wenn es heute so aussieht, als wäre dieser Graben verschwunden, so liegt es daran, dass die aufgeklärten Protestanten durch ihren fortgesetzten Mitgliederschwund gezwungen sind, mit den Fundamentalisten zu kooperieren. Also heisst es nun auch dort: Friede, Freude, Eierkuchen. Damals wäre das undenkbar gewesen. Wenn der Eierkuchen überhaupt zum Einsatz kam, dann nur für einen gezielten Tortenwurf. Mein Chef verbrachte die Hälfte seiner Arbeitszeit damit, sich über die Evangelikalen aufzuregen, die er samt und sonders für einfältige Tröpfe hielt. Besonders entsetzte ihn ein Buch, das sich damals sehr gut verkaufte. Darin behauptete ein evangelikaler Pastor, Goethe sei ein gottloser Mensch gewesen, ein Verräter am christlichen Glauben. Mein Chef knallte das Buch auf meinen Tisch, zeigte auf Goethes Konterfei auf dem Titelblatt und danach auf die Fotografie des Autors auf dem Bucheinband. "Jetzt vergleichen Sie mal," sagte mein Chef triumphierend. "Hier das Gesicht eines zerquetschten Apfeltörtchens, und hier das markante Gesicht eines geistigen Giganten. Das sagt doch eigentlich schon alles!"

 

Mein Chef - man wird es erraten haben - war ein feuriger Goethe-Fan. Was er an Goethe ständig hervorhob, war dessen Lebensphilosophie der unbedingten Tätigkeit. Goethe sei ein lebenspraktischer Dichter gewesen, ein Dichter der Weltzugewandtheit, sagte mein Chef. Der Staatsminister habe sich immer auch um das Gemeinwesen gekümmert, den Ausgleich, die Mässigung und den praktischen Nutzen... Dafür war ich nun wirklich nicht zu begeistern. Ausser dem Werther, ein paar Gedichten und einigen Teilen des Fausts kannte ich von Goethe wenig, das mich begeistern konnte. Was mich hingegen durchaus begeisterte und interessierte - und zwar so sehr, dass ich es zum Thema meiner Abschlussprüfung machte - war die Romantik. Also quasi die ganze Epoche um Goethe herum. Meine jugendliche Parteinahme für die Romantiker wischte mein Chef jedoch kurzerhand beiseite. E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine und Jean Paul - meine Lieblingsautoren aus der Goethe-Zeit - zählten für ihn nicht. Nach seinem Empfinden waren sie viel zu verdreht. Und viel zu schlaff. Goethe sei kein Träumer gewesen, sondern ein Tatmensch, sagte mein Chef. Deshalb habe Goethe alles Romantische abgelehnt. - "Aber Byron!" wandte ich ein. Da musste mein Chef dann doch ein wenig nachgeben. "Ja, den hat er bewundert. Aber nur, weil Byron über den Bosporus geschwommen ist!" Etwas Ähnliches war es wohl, was mein Chef an Goethe bewunderte. In seinen Augen war Goethe ein Alleskönner. Ein Allesmacher. Ein Alleswisser. Ein Lebemann mit tausend Leben: wie James Bond. Mein Chef wollte auch so lebenspraktisch sein wie Goethe. Und vor allem: so hypermässig aktiv. Jederzeit auf dem Posten. Morgens um halb acht, noch bevor er die Verlagsankündigungen durchsah, vertilgte er an seinem Arbeitspult hastig zwei Kiwis, um sich genügend Vitamin C zuzuführen. Und wie es sich für einen Tatmenschen gehört, kam er mit dem Velo zur Arbeit. Aus lauter Zerstreutheit und weil er morgens immer alles Mögliche in Angriff nahm - zuerst die Kiwis, dann die Verlagsankündigungen, dann die Instruktionen für die Angestellten etc. - vergass er zuweilen die Hosenklammern abzunehmen, was die Angestellten und Kunden enorm belustigte. Und fast jede freie Minute trieb er Sport. Im Sommer schwamm er im Rhein. Mehrmals kam er nach der Mittagspause klapperdürr und nur mit einer Badehose bekleidet über die Strasse gerannt, tropfend wie ein nasser Hund. Er kam direkt aus dem Wasser, gleich gegenüber war ja die Schifflände, wo nicht nur das Rheinschiff anlegte, sondern hin und wieder auch mein Chef, wenn er sich mit Goethischer Willenskraft durch die grünliche Flut gekämpft hatte. Keine fünf Minuten später wieselte er wieder mit Anzug und Krawatte durch den Laden und motivierte sich selbst und seine Angestellten mit einem Goethe-Zitat: "Nur rastlos betätigt sich der Mann!" Kamen die Angestellten nach dem Mittagessen nicht so richtig auf Trab, konnte die Dosierung erhöht werden. "Erfolg hat drei Buchstaben: Tun!" - "Und nun, über Gräber vorwärts!" Für jede Gelegenheit hatte mein Chef das passende Goethe-Zitat. Seine Quelle: "Mit Goethe durch das Jahr." Im Grunde genommen war Goethe das Sesam-öffne-dich für meine Buchhändlerlehre gewesen. Beim Bewerbungsgespräch hatte ich zufällig Goethe erwähnt. In welchem Zusammenhang weiss ich nicht mehr. Aber es hatte gewirkt. Sekunden später hatte ich die Lehrstelle. Meine mittel- bis saumässigen Schulnoten waren wie ausradiert. Der fehlende Schulabschluss zählte kaum noch. Wie auch die Tatsache, dass ich im Bewerbungsschreiben den Namen des Chefs falsch geschrieben hatte. Schwamm darüber! Ich musste nur noch den Lehrvertrag unterschreiben.

 

Zu zweit oder dritt betraten sie den Laden. Kaum erblickten sie mich, steuerten sie auf mich zu und schwatzten auf mich ein, bis mein Chef dazwischentrat und die Brüder verscheuchte. Es waren Hare-Krishna-Brüder, einer glatzköpfiger als der andere, und stets hatten sie ihre Bücher dabei, die sie uns aufschwatzen wollten. Das Verkaufsargument: "Jede Religion wurzelt in den uralten vedischen Überlieferungen. Auch das Christentum, was ja schon der Name verrät. Christus und Krishna sind nahezu identisch. Die Lebensläufe sind nahezu gleich. Eine christliche Buchhandlung ohne Krishna, das geht gar nicht!" Das hätte mich eigentlich beeindrucken müssen. Vielleicht sogar überzeugen! Doch das mit dem Christentum und den indischen Wurzeln wusste ich natürlich besser. Mit der Zeit lernte ich viele Behauptungen zu durchschauen. Ich war keineswegs ein Alleswisser, wie etwa mein Chef, der sich hin und wieder dazu verstieg, einem Pfarrer die Theologie zu erklären. Es war nur so, dass ich an diesem Ort mit so vielen Überzeugungen und PR-Tricks in Berührung kam, dass ich mit der Zeit alles relativieren konnte. Angesichts der vielen religiösen Selbstpreisungen blieb ich lieber auf Abstand und hielt mich an den Tessalonicher-Spruch: "Man prüfe alles und behalte das Gute." Das Gute, das übrig blieb, war freilich nichts Religiöses. Es war die Skepsis. Und ich rede hier nicht einmal über den Fundamentalismus, den ich damals nur am Rande erlebte. Die christlichen Fundis kamen selten zu uns. Für sie gab es ja die Pilgermission. Die wenigen Evangelikalen, die ich kennenlernte, fand ich gar nicht so schlimm. Solange sie es sich verkniffen, einen Christen zum Christentum bekehren zu wollen, war es durchaus möglich, ein normales und verständiges Gespräch mit ihnen zu führen. Man musste nur darauf achten, dass das Gespräch nicht plötzlich eine falsche Wendung nahm und ein biblisches Thema berührte. Es war auch nicht immer klar, ob jemand, der in den Laden kam, überhaupt gläubig war. Und wenn ja, in welchem Ausmass. Deshalb musste man immer ein bisschen aufpassen, was man sagte. Und vor allem: wie man es sagte. Strenggläubige Christen aus dem evangelikalen Sektor konnte ich mit der Zeit recht gut identifizieren. Sie gaben sich oft durch ihre Bekleidung zu erkennen. Oder ein bestimmtes Verhalten. Sie entsprachen in etwa dem Typus des Autoverkäufers oder Versicherungsvertreters. Wobei man sich diese Typen auf einem Kreuzfahrtschiff oder in einem Vergnügungspark vorstellen muss, in einer Umgebung, wo man "gut drauf ist". Wenn jemand betont leger, mit aufgesetzter Freizeit-Lässigkeit und entsprechender Bekleidung, (Hawaiihemd oder Poloshirt, Tennissocken, Mokassinschuhen, ein Armkettchen etc.) nach einer Bibel oder einem Büchlein von Jörg Zink fragte, war für mich klar, dass ich einen Evangelikalen vor mir hatte. Es war ungefähr so, als würde man jemandem gegenüberstehen, der Fische verkauft. Das riecht man einfach. Doch im grossen und ganzen hielten sich solche Auffälligkeiten in Grenzen. Da hatte man es mit den Hare-Krishna-Brüdern leichter. Im Buchhandel habe ich gelernt, dass man den Verrückten die Verrücktheit nicht immer ansieht. Einmal bekamen wir Ärger mit einer Kundin, die sich darüber beschwerte, dass wir ein Buch von Shirley Maclaine verkauften. Esoterik war heikel. Die Pilgermission war da viel restriktiver. Dort wurde dieses "Teufelszeug" konsequent boykottiert. Nicht so in der Evangelischen Buchhandlung. Mein Chef hatte diesbezüglich freie Hand. Er hatte den Segen der Landeskirche. Die Evangelische Buchhandlung lag an einer Tramhaltestelle mitten im Stadtzentrum, also an bester Passantenlage, die man nutzen konnte, um die frommen Bücher und die hochstehende Theologie zu alimentieren. Das war die Geschäftsstrategie. Fundamentalistische Anwürfe parierte mein Chef gerne mit Johannes 14,2: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Woran sich unfehlbar ein Goethe-Zitat anschloss: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Wenn es um die Jesus-Freaks ging, die alles auf ihre bibeltreue Linie bringen wollten, hatte mein Chef eine deutliche Meinung. "Bei ihnen dreht sich alles um Jesus. In allen Lebensbelangen nehmen sie ihn in Anspruch: bei Zahnschmerzen, Alkoholsucht, Fusspilz, Haarausfall, Eheproblemen und Geldsorgen. Ein theologischer Unsinn! So ist das nun wirklich nicht gemeint im Neuen Testament! Jesus wollte kein Wunderkrämer oder Apotheker sein, und er wollte auch nicht, dass man ihn anbetet, Göttlichkeit hin oder her. Die Freikirchler vergessen oft, dass es auch noch einen Senior-Chef gibt. Jesus wollte, dass man zum Vater betet. Wieso das Herrlein anrufen und nicht den Herrn? Abgesehen davon hockt im Himmel kein Weihnachtsmann, der unsere Wünsche erfüllt. Gott kann, muss aber nicht helfen. In manchen Fälle hilft er überhaupt nicht. Zum Beispiel bei Dummheit. Jesus hat nicht die Idioten gemeint, als er die geistig Armen selig gepriesen hat. Er hat die scheinbar Gottfernen gemeint, diejenigen, die nicht auf dem hohen Glaubensross sitzen, wo man auf die Ungläubigen herabschaut. Das haben die Freikirchler irgendwie falsch verstanden."

 

Trotz seiner Abneigung gegen die Freikirchen und die aus Amerika herüberschwappende charismatische Erneuerungsbewegung war mein Chef keineswegs ein typischer Repräsentant der Landeskirche. Als Pfarrer hätte er eine ziemlich komische Figur abgegeben. Obwohl er sich gerne als kirchentreuen Protestanten darstellte und als Vizepräsident der freiwilligen Schifferseelsorge (oder sonst einer nicht allzu arbeitsintensiven Kirchenkommission) an jeder Synodalratssitzung teilnahm, schrammte er mit seinen neutestamentlichen Ausführungen gelegentlich haarscharf an offener Ketzerei vorbei. Sein theologisches Steckenpferd waren die Essener und die Schriftrollen von Qumran. Alles Neutestamentliche, das von der Bibel abweicht und von ihr verschwiegen wird, interessierte ihn brennend. Die Apokryphen und die gnostischen Strömungen des Urchristentums: solche Themen brachte er mit viel Tamtam unter seine Kundschaft. Wochenlang hatte er zum Beispiel das Thomas-Evangelium bei sich auf dem Pult und las jedem theologisch interessierten Kunden daraus vor. Was ihn bei solchen Texten regelrecht in Begeisterung versetzte, war das weibliche Element, das hier überall zur Sprache kam - und das die Kirchenväter seiner Meinung nach systematisch und böswillig unterdrückt hatten. "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!" rief mein Chef manchmal, wenn er über die Frauen um Jesus und die apokryphe Weiblichkeit referierte. Womit er dann wieder bei Goethe andocken konnte.

 

Ich kann mich an kein einziges Streitgespräch erinnern, das sich um Religion gedreht hätte. Was mich im nachhinein ein bisschen verwundert. Doch um 1988 herum war Religion noch kein Reizthema, zumindest nicht in der Schweiz. Klar, es gab die Auseinandersetzungen um Drewermann und Küng. Aber das war eine Sache der Katholiken. Aus protestantischer Sicht ein Streit um Selbstverständlichkeiten. Wieso sollten Frauen nicht die Priesterweihe bekommen dürfen? Wieso sollten Priester nicht heiraten dürfen? In der reformierten Ecke war es relativ ruhig. Obwohl der Protestantismus zunehmend zum Tummelplatz für Psychologen, Lebensreformer, Friedensbewegte, Feministinnen und Ökologen wurde, die eine neue aufmüpfige Theologie anstrebten, die so neu eigentlich gar nicht war. Hier taten die Protestanten das, was die Protestanten schon immer am besten gekonnt haben: protestieren, alles gegen den Strich bürsten. Das Übliche also. Und dann gab es noch die Freikirchler. Die Bibelfundis von der Gellertkirche und der Pilgermission. Das waren die Spinner, die einfältigen Tröpfe. Die mochte man nicht. Doch andererseits waren sie eher läppisch als schlimm. Es muss halt auch solche geben, sagte man sich. Die heutigen Konflikte lagen noch in weiter Ferne. Unvorstellbar, dass im frühen 21. Jahrhundert eine Zeit heranbrechen würde, da man in Europa wieder mit religiösen Kräften ringen muss, die die freie Meinungsäusserung unterdrücken wollen. Und die den direkten Zugriff auf die Politik suchen. Die Rede ist natürlich nicht vom Christentum, sondern vom Islam. Damals, in den späten Achtzigern, war davon noch nichts zu spüren. Bis zur Fatwa gegen Salman Rushdie war der Islam in Europa überhaupt nicht präsent, und christliche Fundis, die auf die Politik einwirken wollten, waren hierzulande eher die Ausnahme. Im grossen und ganzen galt die Devise: anything goes. Und jedem Tierchen sein Pläsierchen. Gesamthaft gesehen war Religion etwas Nebensächliches und im Grunde genommen Privates, zu unbedeutend, um überhaupt einer Diskussion würdig zu sein. Die grossen Konflikte lagen woanders. Kurz vor seinem Ende, das niemand kommen sah, schaukelte sich der Kalte Krieg noch einmal hoch. Während die Schweiz in die Fichenaffäre hineinrutschte, tobte in Basel der Kampf um die Alte Stadtgärtnerei, "die letzte konsumfreie Zone", wie es auf den Flugblättern hiess. Eine Zeitlang gab es fast täglich eine Demo. Es roch nach Krawall. Mein Chef, ein stramm bürgerlicher EVP-Wähler, bangte um seine Schaufensterscheiben. Am 21. Juni 1988 räumte die Polizei das besetzte Areal hinter dem St. Johannstor, nur wenige hundert Meter von der Evangelischen Buchhandlung entfernt. Zusammen mit Gutter, einem ehemaligen Klassenkameraden aus der Diplommittelschule, den alle nur "Den Kiffer" nannten, hatte ich mich unter die Areal-Besetzer und Demonstranten gemischt. Wir freuten uns auf den grossen Schlagabtausch mit der Polizei, wir wollten das mal erleben, als Schlachtenbummler und Zaungäste. Wir rauchten einen Joint, um uns Mut zu machen. Gutter, der nicht umsonst "Der Kiffer" genannt wurde, am Gymnasium Liestal war er der unbestrittene Kifferkönig, hatte immer etwas zu rauchen dabei, und sein Stoff war der beste weit und breit. So tankten wir also Mut. Doch es geschah nichts. Nach einer Stunde geschah noch immer nichts. Jedenfalls nichts Gewalttätiges. Die Stimmung war locker und friedlich. Ein paar Typen mit Gesichtsverhüllung bastelten Molotow-Cocktails. Wir schauten ihnen interessiert zu. Es war wie an einer Gartenparty, wo der Gastgeber die Grillade und den Sommerbeeren-Punsch vorbereitet, während sich die Gäste auf etwas  einstimmen, von dem sie noch nicht genau wissen, was es sein wird. Ein Feuerwerk? Die meisten Links-Alternativen um uns herum schienen nicht sonderlich beunruhigt zu sein, obwohl die Situation alles andere als gemütlich war. Auf der anderen Strassenseite stand die Polizei mit Schutzschilden und Schlagstöcken. Durch ein Megaphon erschallte zum wiederholten Male die letzte Aufforderung, das Areal zu räumen. Doch in der Alten Stadtgärtnerei liess man sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Hier war die Welt noch in Ordnung. Jemand spielte Gitarre, und jemand klopfte mit den Handballen indianermässig auf einer Felltrommel herum. Wir rauchten den zweiten Joint. Währenddessen bekamen wir ein bisschen mit, was die Leute so redeten. Es ging ein seltsames Gerücht um. An der Lörracher Grenze hätten sich Neo-Nazis aus ganz Deutschland - damals noch Bundesrepublik Deutschland - versammelt, um mit Schlagringen und Baseballschlägern in das hiesige Geschehen einzugreifen. "Die wollen hier mal richtig aufräumen!" sagte jemand. Und jemand anderer meinte: "Die haben Kontakte zur Basler Polizei, garantiert!" Das machte uns dann doch ein wenig nervös; Neo-Nazis waren für uns der Inbegriff des Bösen. Und deutsche Neo-Nazis erst recht! Kollege Gutter, der neben seinen Raucherutensilien ständig ein zerfleddertes Taschenbuch seines Idols Carlos Castaneda mit sich herumtrug, war schon mehrmals mit Neo-Nazis zusammengeraten. In der Bahnhofsunterführung hatten sie ihn einmal als "schwule Sau" beschimpft und zusammengeschlagen. Der blosse Anblick seiner wild gekrausten Hippiefrisur hatte genügt, um die Glatzköpfe in Rage zu bringen. Anders als die Hare-Krishna-Brüder waren die Neo-Nazis keine Glatzköpfe, mit denen man diskutieren konnte. Und in der Regel wollten sie einem auch keine Bücher verkaufen. Um unsere Nervosität zu unterdrücken, steckten wir uns gleich nochmals einen Joint an. Die Polizei verhielt sich ruhig, die Areal-Besetzer und Demonstranten verhielten sich ruhig. Alles war friedlich. Schliesslich verzogen wir uns. Wir dachten, die Sache wäre gelaufen. Am nächsten Tag erfuhr ich aus der Basler Zeitung, dass die Polizei das Gelände gestürmt hatte. Unter massivem Tränengaseinsatz, wie es hiess. Von Neo-Nazis stand da nichts. Aber es habe wüste Szenen gegeben, ein Polizist habe lichterloh gebrannt; er habe sich nur durch einen Sprung in den St. Johannstor-Brunnen retten können. Als ich das las, fühlte ich mich ein bisschen verschaukelt. In unserer Bekifftheit hatten wir die Lage völlig falsch eingeschätzt. Und den grossen Schlagabtausch hatten wir um nicht mal fünf Minuten verpasst!

 

Wenn es ein Konfliktpotential gab, dann lag es hier. In der politischen Orientierung. Bezüglich Freiraumnutzung. Oder bezüglich Schweizer Armee. Sollte sie abgeschafft werden oder nicht? Die Politik war ein Minenfeld, nicht aber die Religion. Hier schien alles klar zu sein. Religion war Privatsache. Punkt. Da musste man gar nicht erst darüber diskutieren. Mein Chef wäre der Erste gewesen, der das unterschrieben hätte, und die meisten seiner theologisch interessierten Kunden akzeptierten diese Auffassung ohne weiteres. In der mehrheitsfähigen Welt des normalen Zusammenlebens hatten religiöse Überzeugungen nichts zu suchen. Das nennt man Säkularismus. Und unter Religionsfreiheit verstand man lediglich das Recht, im privaten Rahmen zu glauben, was man wollte. Man verstand darunter nicht das Recht, anderen Leuten mit seinem Glauben auf die Nerven zu gehen. Oder die Unantastbarkeit religiöser Auffassungen. Oder das Recht auf Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Minarette und riesige Shiva-Statuen. Jedem halbwegs informierten Menschen war klar: die traditionellen Kirchen geniessen diesbezüglich ein Ausnahmerecht. Sie beziehen öffentliche Gelder (je nach kantonaler Regelung viel oder wenig) und üben - wenn auch unter der Bedingung, dass man das Christentum ohne Gefahr für Leib und Leben in Frage stellen darf - einen gewissen politischen Einfluss aus. Für diese Sonderstellung gibt es historische und kulturelle Gründe, die mit dem Prozess der Säkularisierung unauflösbar verwoben sind. In den letzten dreissig Jahren hat sich die religiöse Landschaft stark verändert. Und nicht unbedingt zum Guten. Die Landeskirchen - die Gralshüter einer aufgeklärten Religiosität - schwächeln. Doch im Ganzen sind Religionen wieder auf dem Vormarsch, und sogar mitten in Europa versuchen sie ihren Geltungsbereich zu erweitern. Natürlich immer im Windschatten der Religionsfreiheit, auf die sich jeder Knilch berufen kann, wenn ihm eine religionskritische Karikatur nicht passt - oder wenn seine Sitten und Gepflogenheiten mit säkularen Standards kollidieren. Zwei Ereignisse im Zusammenhang mit religiöser Empfindlichkeit oder Überempfindlichkeit haben schon damals für Aufregung gesorgt, und als Lehrling in einer theologischen Buchhandlung war ich, ob ich wollte oder nicht, zumindest indirekt damit konfrontiert. Das eine war der Film "The Last Temptation of Christ", gegen den fundamentalistische Christen - als wären sie plötzlich aus einem Dornröschenschlaf erwacht - heftig protestierten. In Frankreich steckten sie sogar ein Kino in Brand. Das andere Ereignis, aus heutiger Sicht geradezu ein Menetekel, war die Fatwa gegen Salman Rushdie. Ich erinnere mich, dass wir in der Buchhandlung darüber diskutierten, ob wir "Die satanischen Verse" an Lager nehmen sollten oder nicht. Mein Chef war dagegen. Er machte Sicherheitsbedenken geltend. Khomeinis Arm reichte bis in die Evangelische Buchhandlung hinein. Das muss man sich einmal klar machen! Hier wurde uns vorgeführt, was Religion wirklich bedeutet. 

 

 

In der Evangelischen Buchhandlung habe ich Religion als Bildungsauftrag erlebt, nicht als Überzeugungssache. Insofern fühlte ich mich dort recht wohl. Auch mein Chef war nur mässig religiös, ein formell praktizierender Sonntagschrist, der das halbe Kirchengesangsbuch auswendig wusste, aber der kollektiven Gemütseinfalt des gemeinsamen Singens und Betens nicht allzuviel abgewinnen konnte. Mein Chef war vor allen Dingen Buchhändler, und die Bibel war für ihn zuerst und vor allen Dingen ein Buch. Ein schlichtes oder weniger schlichtes Buch mit Buchstaben und Ziffern. Dieses Buch konnte schön oder hässlich sein, gebunden oder broschiert, man konnte es in dieser oder jener Übersetzung kaufen, mit Goldschnitt oder ohne, mit Schuber oder ohne, mit Lesebändchen oder ohne - und so weiter. So sahen es auch die netten älteren Damen, die in der Evangelischen Buchhandlung Bibeln verkauften. Und nicht nur Bibeln, sondern auch alles Andere, das in dieser dubiosen kleinen Buchhandlung an der Schifflände zu haben war: Neuerscheinungen, Bücher aus dem modernen Antiquariat, Mitbringsel aller Art, Trostkarten, Basler Ansichtskarten, Kalorientabellen, Taschenbücher, Reiseführer, Wanderkarten, Wörterbücher etc. etc. Die älteren Damen waren das Gegengewicht zum Chef, zu seiner permanenten Abgehobenheit. Oft verdrehten sie hinter seinem Rücken die Augen und zitierten ihrerseits Goethe, nämlich den bekannten Gretchenspruch aus dem Faust: "Heinrich, mir graut vor dir". Heinrich hiess nicht nur Goethes Faust, sondern auch unser Chef. Während aber bei Faust nur das Gretchen leiden musste, mussten in der Evangelischen Buchhandlung alle Angestellten leiden, und vor allem die älteren Damen, die durch die notorische Unzuverlässigkeit und Schwadroniersucht ihres Chefs eine doppelte Last zu tragen hatten. Während er vor Kunden oder seinen Angestellten über die Gnostik oder das Thomas-Evangelium referierte oder mit seinem Schlachtruf "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!" auf die Leiter sprang, um einen Band aus Goethes Gesammelten Werken aus dem Regal zu ziehen, bemühten sich die älteren Damen nach Kräften, den Laden flott zu halten, und brachten dem Lehrling das buchhändlerische Rüstzeug bei. Um derlei Kleinigkeiten kümmerte sich der Chef nämlich nicht. Die älteren Damen schmissen also sozusagen den Laden, während der Chef seine Show abzog. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Frau Werenfels: eine grosse, hagere, altmodisch gekleidete Dame mit schmuckvoller Brille, deren Schildpattkette sie häufig um die dürren Finger schlang, und einer dünnen, heiseren Stimme. Frau Werenfels drückte sich immer sehr gewählt aus, wie eine Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert, und in der Freizeit malte sie nostalgische Stadtansichten. Während meiner Lehre arbeitete sie gerade an einem Bilderbuch für Kinder. Ein paar Jahre später erschien es unter dem Titel "Em Schuggi sy Basel". Es wurde auf Anhieb ein Bestseller. Frau Werenfels durfte man nie unterschätzen. Als sie einmal einen Bücherdieb erwischt hat, ist sie ihm bis zum Fischmarkt nachgerannt und hat ihm dort eine Szene gemacht, inmitten schaulustiger Passanten. Daraufhin wurde der Dieb überwältigt und auf den nahen Polizeiposten gebracht. Frau Werenfels war eine Figur wie aus einem Roman von Robert Walser. Und tatsächlich war Robert Walser ihr Lieblingsautor, den sie allerdings nur mit grösster Vorsicht zur Lektüre empfahl. Nur ein einziger Leser unter Tausenden, wenn nicht sogar unter Millionen, könne mit der kurios verwickelten Prosa Robert Walsers in Einklang kommen, sagte Frau Werenfels, während sie mit einem zierlichen Löffelchen ihren Kaffee umrührte. Jeden zweiten Samstag hüteten wir zusammen den Laden, und in der Zehnuhrpause diskutierten wir manchmal über Literatur. In meinem Fall erwies sich Frau Werenfels als grosse Menschenkennerin. Sie empfahl mir Robert Walser ohne jedes Bedenken. Und so las ich zum ersten Mal Robert Walser, der mich sofort mitriss.

 

 

 

April, 2018