An der Schifflände

Über meine wilde Jugend als Bibelverkäufer

 

"Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort."

Johannes 1,1, Lutherbibel

 

 

Als Schulabbrecher musste ich irgendetwas machen. Und das Erste, was einem Schulabbrecher in den Sinn kommt, wenn er über seine Zukunft nachdenkt, ist die Möglichkeit, eine Buchhändlerlehre zu machen. Also entschloss ich mich zu einer Buchhändlerlehre. Die Evangelische Buchhandlung an der Schifflände war nicht meine erste Wahl. Viel lieber hätte ich beim Jäggi gearbeitet, der grössten und bekanntesten Buchhandlung in Basel. Als Kind hatte ich mir beim Jäggi jedes Jahr ein Geburtstagsbuch aussuchen dürfen. Hier gab es alles: vom Kreuzworträtselbuch bis zum Ausmalbuch, vom seriösen Roman bis zum weniger seriösen Roman, vom Ramschbuch bis zum Edelbildband. Zum Jäggi ging man nicht, um zu schmökern. Oder weil man beim Stadtbummel vom Regen überrascht wurde. Meistens ging man nur in die Stadt, um in den Jäggi zu gehen. Und wenn man in Zürich oder in Bern jemandem sagte, man wohne in der Nähe von Basel, hiess es sofort: "Ah, das ist doch die Stadt, wo es diese berühmte Buchhandlung gibt." Der Jäggi war das heimliche Stadtzentrum und weit über die Stadt hinaus bekannt. Beim Jäggi war das ganze Jahr über Weihnachten, immer lief alles auf Hochtouren. Der Jäggi animierte zum Kaufen, während jede andere Buchhandlung nur zum Schmökern animierte. Zum Jäggi ging man mit einem Wunschzettel, mit dem Auftrag, eine Schullektüre zu beordern, mit einer aus der BaZ gerissenen Buchbesprechung, mit dem Wunsch, eine eigene Bibliothek einzurichten, mit dem Bedürfnis, den umfangreichsten Brockhaus zu erstehen. Beim Jäggi verjuxte man seinen ganzen "Chlütter", ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Beim Jäggi war einem jederzeit bewusst, dass Bücher die einzige Droge sind, die den Süchtigen schlau macht, und wenn jemand auf einem Stadtbummel verkündete, er wolle "schnell in den Jäggi gehen, nur mal kurz reinschauen", so kam dieser Mensch, darauf konnte man wetten, erst nach etlichen Stunden wieder aus dem Jäggi heraus, und natürlich mit prallvollen Jäggi-Plastiksäcken, die das unverkennbare Jäggi-Logo trugen. Überall traf man dieses Logo an. Und das meine ich wörtlich: überall. Der Jäggi war auf der ganzen Welt bekannt. Jemand, der auf Hawaii in den Ferien gewesen war, erzählte mir, er habe dort einen traditionell gekleideten Hawaiianer mit einem Jäggi-Plastiksack gesehen. Sogar die Hawaiianischen Ureinwohner machten für den Jäggi Werbung. Wer zum Jäggi ging, sprang mit Anlauf in einen Swimming Pool voller Bücher. Wer zum Jäggi ging, kam nicht so schnell wieder aus dem Jäggi heraus. Darüber kursierte sogar ein Witz. Wohin sind Glenn Miller und Antoine de Saint-Exupéry verschwunden? Sie sind "nur mal schnell in den Jäggi gegangen". Der Jäggi war ein Buchparadies. Und trotz seiner Grösse, seiner Rolltreppen, seiner Büchertürme und seiner vielen Sonderpreis-Aktionen war der Jäggi alles andere als ein anonymes Warenhaus. Denn der Jäggi war nicht nur eine Firma, sondern auch eine Familie und ein Familienoberhaupt. Der Jäggi war ein Familienbetrieb mit einem Patron, dessen drei Kinder in mehr oder weniger wichtigen Positionen mit im Sattel sassen, während der Vater Jäggi, der rührige Unternehmer und Chefbuchhändler, die Fäden zog und überall mitmischte, egal, ob es ihn brauchte oder nicht. Der Patron und Geschäftsinhaber Willy Jäggi, der Jäggi senior oder der alte Jäggi, wie er genannt wurde, war eine Persönlichkeit, um die man in Basel nicht herumkam. In Basel und Umgebung wuchs man mit diesem Namen auf, und jedes Buch, das man geschenkt bekam, stammte von diesem Jäggi senior, der einem wie ein Onkel vorkam, ein Über-Onkel der Leseförderung, ein "Santiglaus" des Buchwesens, der Millionen von Büchern verschenkte und verteilte, und jedes Buch, das man in die Hand nahm, hatte irgendetwas mit diesem Namen zu tun - und mit der Persönlichkeit, die diesen Namen trug. Ohne den Jäggi senior wäre Basel um eine Attraktion ärmer gewesen. Wie der Zolli oder der Tinguely-Brunnen gehörte der Jäggi wesensmässig zu Basel, war ein Teil von Basel, den niemand wirklich wegdenken konnte. Ohne den Jäggi (die Firma) und den Jäggi senior (den Geschäftsinhaber) hätte man das grosse Buchgeschäft irgendwelchen fremden Fötzeln überlassen müssen: etwa der Migros-Tochter Ex Libris oder dem Zürcherischen Gernegross Orell Füssli, der sich nur deshalb so gross vorkam, weil er die Landeskarten und die Geldnoten druckte. Dank dem Jäggi (der Firma) und dem Jäggi senior (dem Geschäftsinhaber) konnte eine fremde Übernahme lange Zeit verhindert werden. Dank der blau beschrifteten Buchhandlung an der Freienstrasse hatte Basel lange Zeit ein buchhändlerisches Renommee, das mit dem Stadttheater und dem Kunstmuseum gleichziehen konnte. Der Jäggi senior war zwar nicht der Erfinder des Buchdrucks, aber ohne Jäggi senior wäre der Buchdruck für die Katz gewesen. Das war ungefähr der Ruf, den der Jäggi senior in Basel und Umgebung genoss. Der Jäggi senior war mit der ganzen Stadtprominenz per Du und ein passionierter Fasnächtler. Er, der eigentlich lieber Schauspieler als Buchhändler geworden wäre, machte öfters mit spektakulären Marketing-Aktionen von sich reden. Sein grösster Werbecoup lag schon Jahre zurück, doch noch immer erzählte man sich davon, und jeder wollte es selber gesehen und miterlebt haben. Auf einem Zirkuselefanten, begleitet von Jongleuren und Feuerschluckern, soll der Chefbuchhändler höchstpersönlich durch die Freienstrasse geritten sein, um ein neues Zirkusbuch zu präsentieren. Und dazu soll er auf einer Trompete den "Einzug der Gladiatoren" getrötet haben. So etwas machte nur der Jäggi senior. So etwas gab es nur beim Jäggi. Wer zum Jäggi ging, ging auch deswegen dorthin, weil man im Jäggi auf alles gefasst sein musste: auf Zirkuselefanten, Gladiatoren und halbnackte Buchhändler und Buchhändlerinnen, die sich an Lianen durch die Buchhandlung schwangen, um das Dschungelbuch anzupreisen. Dort gab es immer etwas zu erleben, und meistens etwas Unerwartetes und Unvergessliches. Im Jäggi war immer etwas los. Im Jäggi traf sich Hinz und Kunz. Im Jäggi traf sich die Welt; wer gesehen werden wollte, ging zum Jäggi. Und wer ein Buch wollte, sowieso. Der Jäggi war ein Bücherzirkus, wo mit Büchern jongliert, mit Büchern auf dem Hochseil der Verkaufsartistik balanciert wurde wie nirgendwo sonst. Doch gleichzeitig gehörte der Jäggi auch zum Alltag. Zum Jäggi ging man wie in die Migros, ins Freibad oder in die Schule, der Jäggi war eine Lebensinstitution.

 

Doch beim Jäggi war gerade keine Lehrstelle frei. Und so landete ich in der Evangelischen Buchhandlung, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Das Wort "evangelisch" schreckte mich anfänglich ab. Ich hatte so meine Bedenken. Doch Branchenkenner versicherten mir, dass man kein Frömmigkeitsattest brauche, um dort arbeiten zu dürfen. Eine ganz normale Buchhandlung, hiess es. Eine Fachbuchhandlung für Theologie, die auch ganz normale Bücher verkaufe. Auf meine Bewerbung kam eine prompte Antwort, und noch in der gleichen Woche traf ich mich mit dem Chef der Evangelischen Buchhandlung im Café Spillmann, einem angesagten Lokal mit Rheinsicht direkt vor der Mittleren Brücke und nur ein paar wenige Schritte von der Buchhandlung entfernt, in der ich vielleicht meine Lehre machen konnte. Das allgemeine Sortiment sei nötig, damit sich die Buchhandlung über Wasser halten könne, erklärte der Chef mit einem Blick auf die schmutziggrüne Flut, die sich unter den Bögen der Mittlere Brücke hindurchwälzte, und schon nach wenigen Sätzen - der bestellte Kaffee war noch unterwegs - sprach er mit Feuereifer über den ungeliebten Hauptkonkurrenten, der eigentlich gar nicht das Thema meiner Bewerbung war. Wenn nur der Jäggi nicht wäre! Der Jäggi verhagle den Kleinen das Geschäft. Der Jäggi sei der Platzhirsch, der Maìtre de Plaisir, der Meister des billigen Vergnügens. Mit dem Jäggi könne es eine Fachbuchhandlung unmöglich aufnehmen. Der Jäggi reisse alles an sich. Weil der Jäggi die grösstmögliche Reichweite habe. Kunststück, denn der Jäggi sei auf überhaupt nichts spezialisiert, ausser vielleicht aufs Massenvergnügen. Beim Jäggi mache man aus dem Buchhandel einen Affenzirkus und aus dem Buch ein Massenprodukt für den Massengeschmack. Hier, in der Evangelischen Buchhandlung, behandle man das Buch noch mit Respekt. Hier habe das Buch noch eine Würde. Hier sei das Buch noch etwas wert. Und die Stammkundschaft wisse das zu schätzen! Und trotzdem habe man auch Ramschkisten und Taschenbücher und Tourismusartikel wie Postkarten und Reiseführer. Wieso auch nicht? Die Passantenlage sei ein Geschenk, das man nutzen müsse. Tatsächlich war die Evangelische Buchhandlung eine typische Passantenbuchhandlung, etwas altmodisch vielleicht, mit einem engen Laden, einem engen Büro, hohen Buchregalen und verstaubten Sonnenstoren vor den Schaufenstern. Kein Warenhaus wie der Jäggi. Und doch an bester Lage. Die Tramstation an der Schifflände war zentral und belebt. Schräg gegenüber das Hotel Drei Könige, wo die Reichen und Berühmten abstiegen, wenn in Basel etwas los war. Dem äusseren Anschein nach war diese Buchhandlung keineswegs etwas Spezielles. Leute, die auf das Tram warteten, wühlten in den Wühlkisten, japanische Touristen kauften hier ihre Ansichtskarten, und in den Schaufenstern waren ganz gewöhnliche Romane ausgestellt, das Neuste von Paul Coelho, Martin Walser und Christine Nöstlinger. Kein Stephen King. Nichts von Charles Bukowski. Doch ansonsten ziemlich normal. Ein gepflegtes Sortiment. Die Theologie war sichtbar, zum Beispiel in den Seitenvitrinen beim Eingang, aber sie drängte sich nicht auf. Sie tat nicht frömmlerisch und machte auch nicht auf lässig oder hip. Insofern schreckte sie niemanden ab. Auch mich nicht. Dennoch merkte ich schon beim Vorstellungsgespräch, dass diese Buchhandlung mit der protestantischen Landeskirche eng verbandelt war. Und mit einer alteingesessenen städtischen Klientel, die sozusagen in einem eigenen geistigen Biotop lebte. Dieses Umfeld, eine Mischung aus aufgeklärtem Protestantismus und halbvergreistem Patriziertum, war für mich, als ich die Zusage erhielt, wie ein Tombolagewinn in Form eines Geranienstocks. Es war nicht gerade das, was ich mir erträumt hatte. Ich war zwar konfirmiert worden, hatte aber mit Religion nicht allzu viel am Hut. Und schon gar nicht mit christlicher Theologie. Ausserdem war ich achtzehn Jahre alt und nicht unbedingt erpicht darauf, meine Coolness aufs Spiel zu setzen. "Wo arbeitest du?" - "In einer evangelischen Buchhandlung." - Wie peinlich!

 

Am ersten Arbeitstag begrüsste mich mein Chef mit den Worten: "Wir sind keine religiöse Buchhandlung. Wir sind eine theologische Buchhandlung. Beten müssen Sie bei uns nicht. Damit die Kasse stimmt, müssen Sie in allererster Linie klug geschäften können. Vom Beten wird niemand feiss." Als ich dann die hundert Regalmeter mit der theologischen Fachliteratur zum ersten Mal abstaubte, wobei ich jeden Band von Karl Barths Dogmatik herausnahm, 13 Teilbände und einen Registerband mit 9000 Seiten insgesamt, und mit einem Pinselchen akribisch abwischte, dozierte mein Chef die ganze Zeit über biblische Hermeneutik. Ich verstand natürlich Bahnhof. Wenn die Frommen wüssten, was ihnen da alles entgeht, dachte ich. Es war mir damals noch nicht bewusst, dass diese kleine verstaubte Fachbuchhandlung eine ins Abseits gedrängte, bildungsbürgerlich aufgeklärte Religiosität behütete, die es hier noch gab. Als Hauptlieferantin der Münstergemeinde und der Theologischen Fakultät versorgte die Evangelische Buchhandlung Pfarrherren, Vikare, Diakone, Katecheten, Dekane, Theologieprofessoren und Theologiestudenten mit Bibeln und Andachtsbüchern, mit Werken der systematischen und praktischen Theologie, mit Büchern über Gottesdienstgestaltung, Diakonie, Liturgie, Seelsorge und Psychoanalyse, mit Exegesen und Synopsen, mit Kompendien der Kirchen- und Dogmengeschichte, mit altsprachlichen Lehrbüchern, mit Schriften zum Kirchenrecht, mit Büchern über Eschatologie, Skramantlehre, Ekklesiologie, Pneumatologie, Soteriologie, Christologie und vergleichender Religionswissenschaft, aber auch mit kirchen- und religionskritischen Werken von Feuerbach bis Deschner. Und mit der ganzen Philosophie von Platon bis Jaspers, wobei die Theologen und Kirchenfunktionäre nicht einmal vor Heidegger und Nietzsche zurückschreckten. In meiner Freizeit büffelte ich Fachbegriffe. Ich musste ja verstehen, was ein Kunde von mir wollte, wenn er eine kulturgeschichtliche Abhandlung über die "Perikope" suchte. Am meisten Mühe machte mir das Wort "Transsubstantiation". Bis heute kommt es mir nicht fehlerfrei über die Lippen. Als sich Luther und Zwingli über die "Transsubstantiation" gestritten haben, muss sich das wohl angehört haben wie "Fischers Fritz fischt frische Fische".

 

Hin und wieder verlangte ein emeritierter Theologieprofessor eine Hauslieferung. Dann packte ich die bestellten Bücher in ein Einkaufswägelchen und marschierte los. Das machte ich am liebsten. Ich war gerne an der frischen Luft. Ausserdem gab es reichlich Trinkgeld. Und manchmal setzte ich mich unterwegs kurz hin und rauchte einen Joint. Die emeritierten Theologieprofessoren waren freundlich, wenn auch etwas konfus. Wenn sie etwas sagten, war ich nie ganz sicher, ob sie nur mit sich selbst sprachen oder auch mit mir. Ich merkte: das sind Menschen, die in höheren Sphären zu Hause sind. Dort, wo man über das Göttliche und Ewige nachdenkt. Über das Unaussprechliche, wie zum Beispiel die "Transsubstantiation". In die Buchhandlung kamen sie nie. Ihre Bestellungen tätigten sie schriftlich oder allenfalls per Telefon. Wenn ich einen emeritierten Theologieprofessor am Telefon hatte, erkannte ich das meistens daran, dass am anderen Ende der Leitung lange gehustet, gewürgt und geschnieft wurde, mit einzelnen Wortbrocken dazwischen, denen ich undeutlich entnehmen konnte, dass es um eine Buchbestellung ging. Und bitte mit Heimlieferung. Niemals hätten sich die emeritierten Theologieprofessoren in die Niederungen des normalmenschlichen Umgangs begeben, in die profane Sphäre der Erdfüssler, wo man arbeitete, einkaufte, spazierte, Kinderwägen herumschob und Joints rauchte. Wenn sie sich ausserhalb ihrer Studierstuben und Schreibkammern blicken liessen, eilten sie wie in geheimer Mission durch die Altstadt und dem Münster entgegen. Im ehemaligen Domherrenhaus, wo die Allgemeine Lesegesellschaft untergebracht war, befassten sie sich mit Johannes Ökolampad, Erasmus von Rotterdam, Jakob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Karl Jaspers und Karl Barth. Oder lasen, wie lichtscheue Ketzer, die sich in das Sechste Buch Mose vertiefen, heimlich und verstohlen die Neue Zürcher Zeitung.

 

Ende der Achtzigerjahre, als ich meine Buchhändlerlehre machte, gab es in Basel vier christliche Buchhandlungen. Jede hatte einen bestimmten Grad an Frömmigkeit anzubieten - und eine eigene konfessionelle Ausrichtung, wobei das eine mit dem andern zusammenhing. Es gab die Frommen von der Freikirche, die mehr oder weniger Frommen von der Basler Mission und die eindeutig weniger Frommen, die über verschiedene Kanäle mit der evangelisch-reformierten Landeskirche oder der katholischen Una sancta verbunden waren. Die Evangelische Buchhandlung war die am wenigsten fromme protestantische Buchhandlung in Basel. Sie war die Hausbuchhandlung der mit der Landeskirche verkoppelten Ökolompadianer, der universitären Barthianer, der theologisch interessierten Altphilologen und der kirchlich engagierten Bildungsbürger. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter") war in der Evangelischen Buchhandlung genauso Stammkunde wie das Fräulein Doktor Stähelin aus dem Basler Teig. Förmlich und betulich ging es hier zu, zuweilen auch etwas akademisch, aber fromm nicht. Merkwürdige Gestalten gab es unter dieser Kundschaft zuhauf, aber keine Frömmler. Merkwürdige Gestalten wie etwa die beiden Schwestern "aus bestem Hause", zwei ältere Jungfern, die durch eine inzestuöse Zweckheirat erblich vorbelastet waren. Psychisch und körperlich waren sie etwas degeneriert, und auf den ersten Blick konnte man sie für zwei geistig Behinderte halten, die ihren Betreuern entflohen waren. Rätselhafterweise trugen sie einen Doktortitel. Und sie legten Wert darauf, dass man sie mit dem Doktortitel ansprach. Sie kamen regelmässig vorbei, um sich vom Chef die neusten Kinderbücher zeigen zu lassen. Die Schwestern lallten wie Schwachsinnige, sie glucksten, hicksten und kicherten, wenn sie sich in die Kinderbücher vertieften, und beide hatten einen Buckel, der sich steil nach oben wölbte, wenn sie sich über die Bücher beugten. Das mit dem Doktortitel erklärte mein Chef damit, dass man die beiden "protegiert" habe. In den reichen Basler Familien sei das gang und gäbe. Dann gab es natürlich auch die Sorte Kundschaft, die vielleicht nicht schwachsinnig, aber ein bisschen spleenig war und die in der Evangelischen Buchhandlung - einer Buchhandlung für "liberale protestantische Theologie" - den intellektuellen Kick suchte. Das waren die theologischen Freigeister, die Drewermann-Anhänger und Sölle-Spezialisten, die negativen Theologen und Krypto-Mystiker. Für sie war die Evangelische Buchhandlung die Top-Adresse in Basel, zumal unser Chef das ausufernde Kundengespräch über alles schätzte. Einer von diesen Hobby-Theologen hatte eine Augenklappe und bezeichnete sich selber als "theologischen Freibeuter", und sooft er zu uns in den Laden kam, um sich nach theologischen Neuerscheinungen zu erkundigen, setzte er sich in Szene wie ein als Seeräuber verkleideter Komiker von Monty Python. Mit ihm behandelte mein Chef die abenteuerlichsten Fragen: könnte Gott seine Nicht-Existenz beschliessen? Warum ist die Kirche gegen die Sünde? Hat Jesus nicht die Sünder berufen? Und wo liegt Lumberland? Der Vetter an der Spiegelgasse war die katholische Entsprechung zur Evangelischen Buchhandlung. Allerdings fehlte hier das religiöse Umfeld. Alles in allem eine ziemlich normale Buchhandlung. Wenn nicht gerade Fastenzeit war, verkaufte man hier mehr Kochbücher als Bibeln. Nur zwei Strassen weiter, auf der anderen Seite des Fischmarkts, in der kleinen Buchhandlung an der Schifflände, fragten wir uns manchmal im Scherz, ob denn die Katholiken überhaupt etwas mit Büchern anfangen können, ob die nicht besser bedient wären mit Panini-Bildchen. Wofür die drei bis vier gläubigen Christkatholiken, die es in Basel gab, überhaupt eine eigene Buchhandlung brauchten, war eine Frage, die man leicht beantworten konnte. Katholisch war die Buchhandlung Vetter nur pro forma. Für die kleine katholische Exil-Kommunität genügte das. Wie auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Pilger auf dem Weg nach Mariastein in die Spiegelgasse verirrte. In den beiden Schaufenstern türmten sich Bildbände über die Rhätische Bahn, die Schwarzwaldbahn, die Preussische P10 und die Firma Märkli. Irgendwie stand das eher mit dem Modelleisenbahnen-Shop am oberen Spalenberg als mit dem Papst in Verbindung. Etwas frommer gelagert war die Missionsbuchhandlung an der Missionsstrasse, nicht zu verwechseln mit der Pilgermission am Spalenberg, dem späteren Bibelpanorama, einem Ableger der freikirchlichen Chrischonagemeinde. Die Missionsbuchhandlung hatte zwar ebenfalls einen pietistischen Einschlag, aber ohne das gefühlige Jesus-hat-dich-lieb-Getue der Pilgermission. In der Missionsbuchhandlung herrschte die pingelige Nüchternheit eines Kontors. An die Buchhandlung war eine Verlagsauslieferung angeschlossen, und das Ganze stand in einer namengebenden Verbindung zur altehrwürdigen Basler Mission, die in Afrika und Indien den protestantischen Glauben verbreitet hatte. Und natürlich auch die mitteleuropäischen Tischmanieren. Beim Anblick der Basler Missionarsgattinnen seien die afrikanischen Giftschlangen augenblicklich in die Büsche entfleucht, um nicht gebissen zu werden, schrieb einmal Urs Widmer, der das bestimmt nicht bös gemeint hat. Selbstverständlich haben die Basler Missionare - und auch ihre Gattinnen - sehr viel Gutes getan. Mit schwäbischem Fleiss und Pflichtbewusstsein haben sie Spitäler, Schulen und florierende Handelsniederlassungen gegründet. Ein Hauch dieser Weltläufigkeit war in der blitzblank aufgeräumten Buchhandlung an der Missionsstrasse immer noch zu spüren. Neben Bibeln und Andachtsbüchern konnte man hier auch Kokosmatten und Negertrommeln kaufen. Neben verschiedenen Bibelausgaben (Elberfelder Bibel, Schlachter Bibel, Gute Nachricht etc.) prangte im Schaufenster ein Plakat von Terre des Hommes mit einem grossäugigen Drittewelt-Kind, und auf einem zerknüllten Batiktuch lagen die dazugehörigen hand- oder fussgefertigten Originalprodukte: exotische Teemischungen, Haarpulver aus Khadi, holzgeschnitzte Elefanten und Ohrgehänge aus Vogelknochen. Man fand hier alles, was man auch in einem Weltladen finden konnte, ausser Meditationskissen und Räucherstäbchen: die galten nämlich als heidnisch. Das Christliche stand hier eindeutig im Vordergrund - wie auch der gute alte protestantische Ordnungssinn. Die Missionsbuchhandlung war die aufgeräumteste und modernste Buchhandlung weit und breit. Schon in den Achtzigern, als die meisten Buchhändler noch Buchlaufkarten vollkritzelten und Auslieferungskataloge herumfugten, die an Schwere und Dicke jede Bibel übertrafen, besass die Missionsbuchhandlung ein eigenes Computersystem. Davon war die Buchhandlung an der Schifflände noch weit entfernt. Hier gab es noch Bakelit-Telefone und eine mechanische Kasse. Und die mechanische Türglocke schepperte so laut, dass ich sie mit einer Socke umwickeln musste, wenn viel Betrieb war. Und dann die Wandregale: dreieinhalb Meter hohe Ungetüme aus Massivholz. Die obersten Regale erreichte man mit einer Leiter, die an einer Schiene eingehängt war. Beim Abstauben, Büchereinräumen und Büchersuchen war ich immer sehr vorsichtig, anders als mein Chef, der trotz seines fortgeschrittenen Alters - er stand kurz vor der Pensionierung - sportlich genug war, um wie ein Flughund auf die Leiter zu springen, sich seitlich abzustossen, sodass die Leiter ein Stückweit nach links oder rechts sauste, und mit einem gewagten Sprung wieder auf dem Boden zu landen. Ich traute diesem Leistersystem nicht so recht. Es hatte seine Tücken, zumal man oft über das oberste Regal hinausgreifen musste. Im Zwischenraum unter der Decke gab es ein zweites Zweitlager. Das erste Zweitlager befand sich im Sockel der Regalwände. Bei der Inventur musste man die beiden Zweitlager sauber auseinanderhalten. Und da durfte man auch den Estrich nicht vergessen. Der Estrich war das dritte Zweitlager. Wenn man im Laden etwas nicht finden konnte, war es womöglich drei oder vier Stockwerke weiter oben zu finden, vor der nach Westen gerichteten Dachlukarne. Hier hatte man einen wunderbaren Blick über die Dachlandschaft der westlichen Stadtquartiere. Doch in dem engen, vollgestellten und im Sommer extrem stickigen Estrich konnte man die Aussicht nicht wirklich geniessen. Er war die hausinterne Gerümpelkammer, die man nur aufsuchte, wenn es unbedingt sein musste. Bis unter die Dachbalken staute sich hier das Dekorationsmaterial: Weihnachtssterne und Weihnachtskugeln, Schaufensterpuppen und Fasnachtslarven. Das dritte Zweitlager waren die Kartonschachteln mit Büchern und Magazinen, deren Aufbewahrungszweck niemand so genau wusste, ausser vielleicht dem Chef. In dem sperrigen Durcheinander der Schachteln und Gegenstände fand er sich als Einziger zurecht. Wie eine Fledermaus konnte er im Halbdunkel die verstecktesten Dinge orten. Zweifellos gab es da irgendein heimliches System, auf das er sich verliess, wenn er mit Matthäus 7,8 ("Wer sucht, der findet") auf Schatzsuche ging. Seltsam war auch seine Methode der Geldaufbewahrung. Unter dem Bestellpult gab es einen Tresor für die Tageseinnahmen. Jedes Mal, wenn mein Chef das Geld versorgen wollte, musste er unter das Pult kriechen. Einmal verklemmte sich seine Krawatte in der Tresortür, die er nicht mehr aufbrachte. Mit strampelnden Beinen lag er unter dem Pult und rief um Hilfe, bald schon röchelnd, weil sich die Krawatte immer enger zuzog. Mit einer Schere konnte ich ihn schliesslich befreien.

 

Als ich in das letzte Lehrjahr kam, stand die Evangelische Buchhandlung kurz vor dem Konkurs. Mein Chef war nervös wie ein Ameisenhaufen, in dem jemand herumstochert. Es kursierten Gerüchte. Kirchenratsmitglieder und Pfarrherren tauchten mit besorgten Mienen im Laden auf und liessen sich vom Chef die Geschäftslage erklären. Es könne besser laufen, aber auch schlechter, man verkaufe halt zu viel Ramsch, zu wenig Hochwertiges, und das Kerngeschäft - die Theologie - sei auch nicht mehr so der Renner. Aber man studiere bereits an einer Lösung herum. Es gehöre, um es mit Goethes Worten zu sagen, viel Mut dazu, in der Welt nicht missmutig zu werden, und deshalb müsse man den Stier bei den Hörnern packen... Es gelang meinem Chef, die schlimmsten Befürchtungen zu zerstreuen. Wie der Pressesprecher eines absteigenden Fussballvereins gelang es ihm, eine sportliche Zuversicht zu verbreiten. Nur nicht den Kopf hängenlassen! Immer vorwärts schauen! Und obwohl da viel geredet und wenig gesagt wurde, hörte man eines deutlich heraus: irgendetwas war im Busch. Vor allem im Hinblick auf die andere evangelische Buchhandlung, die es in Basel gab: die Missionsbuchhandlung. Deren Chef, der umsichtig-väterliche Herr Kellenberger, war ganz anders als unser Chef. Er war die Ruhe in Person. Er konnte auch mal schweigen, und wenn er etwas sagte, dann immer genau zur Sache. Er war zwar gläubig und ein bisschen pietistisch angehaucht, aber kein Frömmler. Und anders als unser Chef war er kein Schöngeist. Idealismus war nicht seine Sache. Er war keiner, der die Formvollendung der Kugel anbetete, und so war auch sein Verhältnis zur Literatur kein schöngeistiges. Mit Buchhaltung kannte er sich besser aus als mit Büchern. Und wenn er von Büchern redete, meinte er nicht den Faust Teil 1 und 2, sondern die geschäftliche Buchführung. Er verstand sich als Manager, und seine Buchhandlung managte er nicht anders als jemand, der ein Brillengeschäft oder einen Reparaturservice für verstopfte Abflussrohre leitet. Seit einiger Zeit trafen sich die beiden Chefs regelmässig im Café Spillmann. Das war verdächtig. Als mein Chef eines Tages mit zerstreutem Blick, zerzausten Haaren und verrutschter Krawatte von so einem Treffen zurückkam, wusste ich, dass auf höchster Ebene etwas Wichtiges beschlossen worden war. Und bald lag es auch schon auf dem Tisch. Die Evangelische Buchhandlung und die Missionsbuchhandlung würden fusionieren. Vom Sortiment her war das natürlich naheliegend, die theologische Ausrichtung war nahezu gleich - wie auch der Frömmigkeitsgrad. Beide Buchhandlungen blieben an ihrem Standort. Ansonsten wurde alles auf den Kopf gestellt. Da die Missionsbuchhandlung den ganzen Postversand und die Gesamtadministration übernahm, konnte das Büro an der Schifflände zur Ladenfläche umgestaltet werden. Auf einmal gab es Platz für eine moderne Multitask-Theke mit einer Sichtfront für Taschenbücher und Prospekte. Dort bediente man den Computer oder sortierte die angelieferten Bücher. Und oftmals machte man beides gleichzeitig, sozusagen vierhändig, während man nebenbei auch noch einen Kunden bediente. Die Multitask-Theke war so konzipiert, dass man sich beliebig auffächern konnte. Ihre eigentliche Bedeutung erhielt sie aber durch den Computer. Der Computer war die Neuerung des Jahrhunderts, auch für mich persönlich. Am Arbeitsplatz kam ich zum ersten Mal mit so einem Gerät in Berührung. Und es war gar nicht so schlimm! Es war wie eine Schreibmaschine mit eingebautem Hirn, und der Umgang damit war kinderleicht, eigentlich selbsterklärend, für einen Lernfaulen wie mich genau das Richtige, und sogar mein Chef freundete sich damit an, obwohl er sich nur ungern von seiner mechanischen Schreibmaschine trennte, einer Hermes, die er allerdings nicht fortwarf oder zum Trödelhändler brachte, sondern im Estrich verstaute. "Falls mal der Strom ausfällt, ist sie uns vielleicht noch von grossem Nutzen," flüsterte er mir zu, und wir wussten natürlich beide, dass es nie wieder eine Evangelische Buchhandlung mit einer mechanischen Schreibmaschine geben würde. Die Entwicklung blieb an diesem Punkt ja nicht stehen. Der Computer erwies sich als Alleskönner. Kurze Zeit später flog ich bereits mit einem Flugsimulator um die halbe Welt und überlebte dabei etliche Abstürze. Allerdings tat ich das nur bei mir zu Hause, als Privatmensch. Im Geschäft benutzte ich den Computer ausschliesslich zum Arbeiten. Das buchhändlerische Gekritzel und Gekratzel wurde überflüssig. Jede Katalogangabe, jede Empfehlung, jede Buchliste, jede Statistik konnte sauber ausgedruckt werden. Auf einmal herrschte die totale Transparenz. Mein Chef hatte nicht so richtig Freude daran. Er kämpfte um seine berufliche Reputation. Eigentlich stand er kurz vor der Pensionierung. Unter normalen Umständen hätte er einfach gehen können. Nun musste er noch ein Weilchen ausharren, weil der Kapitän das sinkende Schiff nicht verlassen darf. Alles stand auf der Kippe. Auch für die Missionsbuchhandlung, die insofern noch ein bisschen besser dran war, als sie eine Verlagsauslieferung betrieb. Damit schrammte sie knapp an den roten Zahlen vorbei. Das war gut, aber keine Rettung. Aufatmen konnte niemand. Die Angestellten beider Buchhandlungen verbrachten ihre Kaffeepausen mit dem Studium von Stelleninseraten. Sie wussten, dass hier nichts mehr zu retten war. Sie konnten nicht so viel Wasser ausschöpfen, wie in das Boot eindrang. 

 

Der Zusammenbruch des protestantischen Buchhandels kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, schrumpfte die Trägerschaft des gebildeten Protestantismus dahin. Die traditionsbewussten Kirchgänger starben weg, und die Landeskirche verlor an Einfluss. Und so erwies sich selbst die Fusion als vergeblich. Kaum hatte ich meine Lehre abgeschlossen, verschwanden die beiden evangelischen Buchhandlungen für immer aus dem Stadtbild. Ausserhalb des Basler Teigs fiel das niemandem gross auf. Die Presse nahm es kaum zur Kenntnis. Es war der sprichwörtliche Reissack, der in China umfällt. Es gab ja noch genügend andere Buchhandlungen, und die goldenen Neunzigerjahre, in denen die Buchverkäufe einen Rekordstand erreichten, hatten eben erst begonnen. Die Buchhandlung Vetter existiert noch heute. Und noch immer sieht man ihr kaum an, dass sie katholisch ist. Man geht in diese Buchhandlung, um irgendein Buch zu kaufen, sagen wir ein Buch über die Wechseljahre, und der Papst ist das Letzte, woran man dabei denkt. Es gibt hier Koch- und Eisenbahnbücher en masse, und die Bibelabteilung hat man gut versteckt. Falls es die überhaupt noch gibt. Soweit ich weiss, verkauft der Vetter seine theologische Fachliteratur nur noch unter der Rubrik "ökumenisch", aus Rücksicht auf die Mehrheit, die in Basel nach wie vor aus Protestanten besteht, wenn auch nicht unbedingt aus strenggläubigen. Und so hat sich der Vetter erfolgreich durchgewurstelt. Und wenn ich "erfolgreich" sage, meine ich damit die buchhändlerische Definition von Erfolg: das Hinauszögern der Insolvenz. Die grosse Gewinnerin war jedoch die Pilgermission am Spalenberg. Sie war die Hausbuchhandlung der Evangelikalen. Und sie ist es bis heute, auch wenn der Name und die Besitzverhältnisse seitdem mehrmals gewechselt haben. In den Achtzigerjahren legte die Pilgermission kräftig zu. Nicht nur, weil die protestantische Konkurrenz wegbrach. Die Freikirchen wuchsen rasant. Sie nutzten den Zeitgeist. Hier gab es keine Gottesdienste, sondern Happenings, keine Predigten, sondern Entrückungserlebnisse, keine Gebete, sondern Briefings mit Gott, keine Matthäus-Passion, sondern Gospel-Geschrei und Pop-Gesäusel. Überall schossen evangelikale Gruppen aus dem Boden, die einen "erlebbaren Jesus" verkündeten, einen Jesus, der keine Sandalen mehr trug, sondern Adidas-Turnschuhe - und der sich entsprechend erfolgreich vermarkten liess. Diesen Jesus nannte man denn auch nicht Jesus, sondern "Tschises". Es war der Jesus von Billy Graham und Konsorten. Bei den protestantischen Althumanisten, die der Basler Münstergemeinde die Treue hielten, kam das natürlich schlecht an. Es war nicht nur Neid. Es war eine riesige Kluft, ein gegenseitiges Unverständnis, das den Protestantismus bis zur Wurzel hinab spaltete. Es war die Spaltung zwischen alt und neu. Aber eben nicht so, wie man vielleicht denken könnte. Mit Barth, Bultmann und dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren die evangelischen Althumanisten in der Moderne angekommen, während die hipen, auf jugendlich getrimmten Evangelikalen - oder Freikirchler, wie sie häufiger genannt wurden - ein Bibelverständnis pflegten, das die Bibel zum Fetisch machte. Hier versuchte man den Glauben nicht durch Beherrschung von Komplexität zu bewahren, sondern durch radikale Vereinfachung. So kam es, dass die Evangelikalen alles Biblische direkt auf das gegenwärtige Leben übertrugen, ohne Rücksicht auf historische Bezüge, hermeneutische Feinheiten und geisteswissenschaftliche Interpretationsspielräume. Eine theologische Plattheit, die das Wort beim Wort nahm. Als ob die Bibel im heutigen Deutsch vom Himmel herabgefallen wäre, blitzsauber redigiert und von Gott persönlich signiert. Die tautologische Prämisse der Evangelikalen lautete: wer an die Schrift glaubt, hat Recht, weil die Schrift göttlich ist. Und wer daran glaubt, dass die Schrift göttlich ist, muss demzufolge natürlich doppelt Recht haben! Eine wasserdichte Schlaumeier-Logik. Kurzum: die Evangelikalen glaubten an die Schrift. Tautologisch und total. Ganz anders die evangelischen Protestanten: sie glaubten nicht an die Schrift, sondern an das, worauf die Schrift hinweist, wodurch sie das Bibelverständnis öffneten und relativierten. Sie glaubten der Schrift, nicht an die Schrift. Kleiner Unterschied, grosse Wirkung. Die einen lasen die Bibel wie eine Gebrauchsanleitung, die andern wie eine historische Schrift, die uns noch etwas angeht. Für die einen war der Wortlaut der Bibel etwas Göttliches und Unverrückbares, für die anderen etwas Menschengemachtes, das man ständig wieder neu zurechtrücken musste. Die einen sprachen von Bibelvergötzung, wenn sie den Glauben der anderen kritisierten, und diese wiederum warfen den anderen Bibelverfälschung vor. Die schismatische Unterscheidung zwischen "An etwas glauben" und "Etwas glauben" war mehr als nur Wortklauberei. Es lagen Welten dazwischen. Die evangelischen Protestanten - aufgeschlossene, moderne Christen - vertrugen sich mit allen Religionen und Konfessionen und gewannen sogar dem Atheismus etwas Positives ab, mit allem und jedem kamen sie zurecht. Nur nicht mit den Fundamentalisten im eigenen konfessionellen Lager, die von Offenheit und Toleranz so gar nichts wissen wollten. Wenn es heute so aussieht, als wäre dieser Graben verschwunden, so liegt es daran, dass die aufgeklärten Protestanten durch ihren fortgesetzten Mitgliederschwund gezwungen sind, mit den Fundamentalisten zu kooperieren. Also heisst es nun auch dort: Friede, Freude, Eierkuchen. Damals wäre das undenkbar gewesen. Wenn der Eierkuchen überhaupt zum Einsatz kam, dann nur für einen gezielten Tortenwurf. Mein Chef verbrachte die Hälfte seiner Arbeitszeit damit, sich über die Evangelikalen aufzuregen, die er samt und sonders für einfältige Tröpfe hielt. Oder vielleicht war es auch nur ein Viertel seiner Arbeitszeit, weil es ja noch den Jäggi gab. Wenn er sich nicht über die "Warenhaus-Buchhandlung" Jäggi aufregte, die seiner Meinung nach den Buchhandel verdummte und verhunzte, regte er sich über die Evangelikalen auf, die seiner Meinung nach das Gleiche mit dem protestantischen Glauben machten. "Die verhunzen und verdummen den ganzen Protestantismus!" rief mein Chef, wenn er sich wieder einmal in Rage geredet hatte. "Und aus der Bibel machen sie eine Frontlinie gegen Barth und Bultmann. Und gegen Nietzsche! Und gegen jedes aufgeschlossene Denken!" Besonders entsetzte ihn ein Buch, das sich damals sehr gut verkaufte. Darin behauptete ein evangelikaler Pastor, Goethe sei ein gottloser Mensch gewesen, ein Verräter am christlichen Glauben. Mein Chef knallte das Buch auf meinen Tisch, zeigte auf Goethes Konterfei auf dem Titelblatt und danach auf die Fotografie des Autors auf dem Bucheinband. "Jetzt vergleichen Sie mal," sagte mein Chef triumphierend. "Hier das Gesicht eines zerquetschten Apfeltörtchens, und hier das Gesicht eines geistigen Giganten. Achten Sie auf die markante Stirn! Die grossen seelenvollen Augen und die ausdrucksstarke Nase! Das sagt doch eigentlich schon alles!"

 

Mein Chef - man wird es erraten haben - war ein feuriger Goethe-Fan. Kein Tag ohne Goethe. Und kein Thema, zu dem Goethe nicht etwas zu sagen gehabt hätte. Wenn mein Chef auf Goethe zu sprechen kam, stellte er sich auf die Zehenspitzen und rief mit affektierter Stimme: "Gööööööthe!" Dazu zeichnete er mit dem Zeigefinger einen Kreis in die Luft, der wahrscheinlich für Goethes Geist stand. Goethes Geist, so erklärte es mir einmal mein Chef, habe gemäss der von Goethe verwendeten Formensprache eine perfekte Kugelform gehabt. Mit diesem die Kugelform andeutenden Kreis war das Thema gesetzt, Goethes Geist war aktiviert, und mein Chef konnte loslegen. Hier war er in seinem Element. Was er an Goethe ständig hervorhob, war dessen Lebensphilosophie der unbedingten Tätigkeit. Goethe sei ein lebenspraktischer Dichter gewesen, ein Dichter der Weltzugewandtheit, sagte mein Chef. Der Staatsminister habe sich immer auch um das Gemeinwesen gekümmert, den Ausgleich, die Mässigung und den praktischen Nutzen... Dafür war ich nun wirklich nicht zu begeistern. Ausser dem Werther, ein paar Gedichten und einigen Teilen des Fausts kannte ich von Goethe so gut wie nichts, und ich kannte überhaupt wenig von Goethe, das mich begeistern konnte. Am allerwenigsten begeisterte mich der "Wilhelm Meister", respektive "Wilhelm Meisters Lehrjahre", das erklärte Lieblingsbuch meines Chefs, sein "Lebensroman", wie er sagte. Auf seinen Rat hin begann ich "Wilhelm Meisters Lehrjahre" zu lesen. Und es kam, wie es kommen musste: schon nach wenigen Seiten nervte mich Goethes Geist so sehr, dass ich die Lektüre abbrach. Der einzige berühmte Roman, den ich noch langweiliger fand, noch nerviger und enttäuschender, war "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller. Ein einziger Knorz! Unsäglich überschätzt! Was mich hingegen durchaus begeisterte und interessierte - und zwar so sehr, dass ich es zum Thema meiner Abschlussprüfung machte - war die Romantik. Also quasi die ganze Epoche um Goethe herum. Eigentlich interessierte mich alles an der Goethe-Zeit: ausser Goethe. Meine jugendliche Parteinahme für die Romantiker wischte mein Chef kurzerhand beiseite. E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine und Jean Paul - meine Lieblingsautoren aus der Goethe-Zeit - zählten für ihn nicht. Nach seinem Empfinden waren sie viel zu verdreht. Und viel zu schlaff. Goethe sei kein Träumer gewesen, sondern ein Tatmensch, sagte mein Chef. Deshalb habe Goethe alles Romantische abgelehnt. - "Aber Byron!" wandte ich ein. Da musste mein Chef dann doch zugeben, dass Goethe nicht alle Romantiker verachtet hatte. Byron war die Ausnahme. "Ja, den hat er bewundert. Aber nur, weil Byron über den Bosporus geschwommen ist!" Etwas Ähnliches war es wohl, was mein Chef an Goethe bewunderte. In seinen Augen war Goethe ein Alleskönner, ein Allesmacher, ein Alleswisser. Ein Lebemann mit tausend Leben, wie James Bond. Mein Chef wollte auch so lebenspraktisch sein wie Goethe. Und vor allem: so hypermässig aktiv. Jederzeit auf dem Posten. Morgens um halb acht, eineinhalb Stunden vor Ladenöffnung, schob er sich mitsamt seinem Velo durch die Ladentür, die er sofort wieder zuschloss. Dann vertilgte er an seinem Arbeitspult hastig zwei Kiwis, um sich genügend Vitamin C zuzuführen. So früh am Morgen war er schon ziemlich im Schwung, denn die Kiwis taten ihre Wirkung, und vom Radeln war sein Puls optimal angekurbelt. Zu einer Zeit, da andere noch mühsam aus dem Bett krochen und mit schlafverhangenen Augen den ersten Kaffee schlürften, war er schon voll auf Zack. Tag für Tag pedalte er in einem Affenzahn vom Gellertquartier, wo er wohnte, bis an die Schifflände - und abends wieder zurück. Im Ganzen geschätzte 20 Kilometer. Aus lauter Zerstreutheit und weil er morgens immer alles Mögliche in Angriff nahm - zuerst die Kiwis, dann die Post öffnen, dann die Schaufenster kontrollieren, dann die Angestellten instruieren etc. - vergass er zuweilen die Hosenklammern abzunehmen. Dann stolzierte er stundenlang mit seltsam unpassenden Hosen - mit staksig wirkenden, hoch gerafften Hosenbeinen - durch den Laden, ein Jacques Tati des Buchhandels. Man hätte eine Kamera hinstellen können, die den Chef beim Hin- und Herstolzieren filmte, beim Herumschieben der Buchstützen, beim Schwatz mit dem Postpaketboten oder einem der Buchlieferanten, beim Herumturnen an der Buchleiter, beim Herausziehen der Sonnenstoren, beim Arrangieren der Bücher in den Vitrinen und Schaufenstern, beim Kundengespräch, beim Bedienen an der Kasse, und selbst ohne Ton, ohne irgend etwas Zusätzliches, wäre das ein urkomischer Film geworden. Sobald er fertig mit der Post war und von seinem Arbeitspult aufsprang, war mein Chef unausgesetzt in Bewegung, ein Vollblut-Buchhändler in Aktion, und egal, was ihm durch den Kopf ging, es verwandelte sich sogleich in eine Arm- oder Handbewegung, einen Schritt oder sogar einen Luftsprung. Jede freie Minute trieb er Sport. Im Sommer schwamm er im Rhein. Mehrmals kam er nach der Mittagspause klapperdürr und nur mit einer Badehose bekleidet über die Strasse gerannt, tropfend wie ein nasser Hund. Er kam direkt aus dem Wasser, gleich gegenüber war ja die Schifflände, wo nicht nur das Passagierrheinschiff anlegte, sondern hin und wieder auch mein Chef, wenn er sich mit Goethischer Willenskraft durch die grünliche Flut gekämpft hatte. Keine fünf Minuten später wieselte er wieder mit Anzug und Krawatte durch den Laden und motivierte sich selbst und seine Angestellten mit einem Goethe-Zitat: "Nur rastlos betätigt sich der Mann!" Kamen die Angestellten nach dem Mittagessen nicht so richtig auf Trab, konnte die Dosierung erhöht werden. "Erfolg hat drei Buchstaben: Tun!" Sein Lieblingszitat hätte man ohne weiteres als Leitspruch für den ganzen Buchhandel nehmen können: "Und nun, über Gräber vorwärts!" Für jede Gelegenheit hatte mein Chef das passende Goethe-Zitat. Seine Quelle: "Mit Goethe durch das Jahr." Im Grunde genommen war Goethe das Sesam-öffne-dich für meine Buchhändlerlehre gewesen. Beim Bewerbungsgespräch hatte ich zufällig Goethe erwähnt. In welchem Zusammenhang weiss ich nicht mehr. Aber es hatte gewirkt. Sekunden später hatte ich die Lehrstelle. Meine mittel- bis saumässigen Schulnoten waren wie ausradiert. Der fehlende Schulabschluss zählte kaum noch. Wie auch die Tatsache, dass ich im Bewerbungsschreiben den Namen des Chefs falsch geschrieben hatte. Schwamm darüber! Ich musste nur noch den Lehrvertrag unterschreiben. Dass es auch zeitgenössische Autoren von Rang gab, davon schien mein Chef kaum Notiz zu nehmen. Nur ein einziges Mal kam er auf ein aktuelles literarisches Ereignis zu sprechen. Es ging um Thomas Bernhard, den damals umstrittensten Schriftsteller und Dramatiker deutscher Sprache. Über ihn wurde dauernd berichtet, und fast immer negativ: wie über eine Naturkatastrophe. Am 12. Februar 1989 starb Bernhard, nur wenige Monate nachdem die Presse fieberhaft über den "Jahrhundertskandal" geschrieben hatte, die Heldenplatz-Inszenierung am Burgtheater. Auch nach seinem Tod - und jetzt erst recht! - drehte sich alles um den Österreichischen "Schimpf-Weltmeister" und seine wüsten Beleidigungsorgien. Plötzlich wollten alle von Bernhard persönlich beleidigt worden sein, und wer nicht zu seinen Opfern gehörte, war erst recht beleidigt. Für meinen Chef war Bernhard ein rotes Tuch, fast ebenso sehr wie der Jäggi und die freikirchliche Glaubensauffassung. Für ihn war Bernhard ein Anti-Goethe und Bürgerschreck, an dem er kein gutes Haar liess, obwohl er vermutlich nie etwas von ihm gelesen hatte. Was er hingegen eifrig gelesen hatte, waren die Feuilletons, in denen Bernhard als Berseker beschrieben wurde, als Tollwütiger und Tobsüchtiger. Und so beschrieb ihn auch mein Chef: "Der hat alles heruntergemacht, was man überhaupt nur heruntermachen kann. Seitenlange Beschimpfungen mit endlosen Wiederholungen, in denen alles um- und umgewendet wird bis zum äussersten Stumpfsinn. Wenn man da an Goethe denkt! Wenn man da an Goethe denkt! Das Edle und das Gute! Die Menschenwürde! Der Gemeinsinn! Nichts davon bei Bernhard. Bei Bernhard gibt es nur Negatives, Herabziehendes, Abfälliges. Was der geschrieben hat, war eine einzige Negation, eine Verunglimpfung des Menschlichen, die offensichtlichste Gemeinheit. Im Unterschied zu Goethe, der immer nur das Beste und Höchste im Auge hatte, hatte Bernhard immer nur das Niedrigste und Schlechteste im Auge. Und das soll Kultur sein! Man kann doch nicht alles heruntermachen, schlecht machen, verunglimpfen und mit Schmutz übergiessen! Das ist das Letzte, was ein Kulturmacher machen sollte. Um nicht zu sagen: das Allerletzte!"

 

Zu zweit oder dritt betraten sie den Laden. Kaum erblickten sie mich, steuerten sie auf mich zu und schwatzten auf mich ein, bis mein Chef dazwischentrat und die Brüder verscheuchte. Es waren Hare-Krishna-Brüder, einer glatzköpfiger als der andere, und stets hatten sie ihre Bücher dabei, die sie uns aufschwatzen wollten. Das Verkaufsargument: "Jede Religion wurzelt in den uralten vedischen Überlieferungen. Auch das Christentum, was ja schon der Name verrät. Christus und Krishna sind nahezu identisch. Die Lebensläufe sind nahezu gleich. Eine christliche Buchhandlung ohne Krishna, das geht gar nicht!" Das hätte mich eigentlich beeindrucken müssen. Vielleicht sogar überzeugen! Doch das mit dem Christentum und den indischen Wurzeln wusste ich natürlich besser. Mit der Zeit lernte ich viele Behauptungen zu durchschauen. Ich war keineswegs ein Alleswisser wie mein Chef, der sich hin und wieder dazu verstieg, einem Pfarrer die Theologie zu erklären. Er konnte weder Hebräisch noch Griechisch. Er hatte nie studiert, weder Theologie noch sonst etwas. Er war Buchhändler - und als Theologe ein blutiger Laie. Aber als Buchhändler war er über alles und jedes im Bilde: ein wandelndes Lexikon, ein schwatzender Versandkatalog, ein Auskunftsbüro auf zwei Beinen. Er wusste auch Sachen, die kein Mensch wissen wollte. Er wusste zum Beispiel, dass Thomas Jefferson den Kleiderbügel erfunden hatte und dass Hummeln die einzigen Lebewesen sind, die rückwärts fliegen können. Diese Allwissenheit hätte selbst den lieben Gott neidisch gemacht. Ich selber wusste nicht annähernd so viel. Und schon gar nicht über Theologie. Ich hatte nur ein paar Fachbegriffe gebüffelt. Es reichte für eine grobe Übersicht. Doch andererseits war ich täglich mit Menschen und Büchern konfrontiert, die in Glaubensfragen irgendeinen Standpunkt vertraten. Täglich hielt ich irgendein neues Buch in der Hand, das mir eine spezifische Glaubenshaltung nahebringen wollte. Und täglich redete ich mit einem Kunden, der mir sein religiöses Aha-Erlebnis schilderte. Dabei kam ich mit so vielen Überzeugungen und PR-Tricks in Berührung, dass ich mit der Zeit alles relativieren konnte. Die Menschen glauben viel, wenn der Tag lang ist. Und Papier ist geduldig! Mein eigenes Aha-Erlebnis war kein religiöses. Angesichts der vielen religiösen Selbstpreisungen blieb ich lieber auf Abstand und hielt mich an den Tessalonicher-Spruch: "Man prüfe alles und behalte das Gute." Das Gute, das übrig blieb, war kein Glaubenssatz und nicht mal annähernd so etwas wie eine Überzeugung. Im Gegenteil. Es war die Skepsis. Und ich rede hier nicht einmal über den Fundamentalismus, den ich damals nur am Rande erlebte. Die christlichen Fundis kamen selten zu uns. Für sie gab es ja die Pilgermission. Die wenigen Evangelikalen, die ich kennenlernte, fand ich gar nicht so schlimm. Ihre unterschwellige Missionswut konnte man austricksen. Wenn ein Bibel-Fundi einen Anschleimversuch unternahm, genügte es, dass man sagte, man sei katholisch. Das wirkte wie ein Stromschlag. Sofort hatte man seine Ruhe. Einem Katholiken kann man nämlich nicht mit der Bibel kommen. Der subjektiv und willkürlich aus der Bibel gefilterte Direktzugang zur "höheren Wahrheit", mit dem sich die Freikirchler so gerne in Szene setzen, beeindruckt ihn nicht im geringsten. Was dabei herausschaut, wenn Idioten die Bibel auslegen und sie ihren Mitmenschen um die Ohren schlagen, wissen die Katholiken nur zu gut.  Um das zu verhindern, haben sie das Bibellesen nach oben delegiert. Gar nicht so dumm! Ein geschickter psychologischer Schachzug. Die meisten Bibelfundis realisieren im textbasierten Glauben nämlich nur ihr kleinkariertes, rechthaberisches Ego, das sich aufbläht, weil es die "höhere Wahrheit" schwarz auf weiss zu haben meint. Diese Illusion haben die Katholiken schon immer durchschaut. Deshalb haben sie sich gegen den Bibelfundamentalismus immunisiert. Und deshalb brauchen sie auch keine individuelle Bekehrung, für sie ist das ein Kindergarten. Einen Katholiken - selbst wenn er sündigt und auf den Papst flucht - kann man nicht christlicher machen, als er schon ist. Wozu gibt es denn die Sakramente? Zum Beispiel die Taufe? Das katholische Glaubenssystem hat den Stürmen von Jahrhunderten getrotzt wie ein Mammutbaum. An dieser Selbstsicherheit scheitern die Evangelikalen kläglich. Und deshalb passen die Katholiken auch nicht in ihr Beuteschema. Anders als die Laisser-faire-Atheisten, anders auch als die halbherzigen Gläubigen aus dem eigenen konfessionellen Lager, die sonntagsschulmässig konfirmierten, liberalen, säkularistisch weichgesottenen Teilzeit-Protestanten. Fairerweise muss man aber sagen, dass nicht alle Freikirchler gleich die Bibel zücken, um sie einem um die Ohren zu schlagen. Gegen Fundis musste ich mich selten zur Wehr setzen, ob mit oder ohne Katholiken-Trick. Die meisten Freikirchler, die ich kennenlernte, waren zwar nicht die Hellsten, aber doch intelligent genug, um zu merken, dass man einen gebildeten Mitteleuropäer nicht wie einen Wilden behandeln kann, der zum ersten Mal eine Bibel sieht. Solange sie es sich verkniffen, einen Christen zum Christentum bekehren zu wollen, war es durchaus möglich, ein normales und verständiges Gespräch mit ihnen zu führen. Man musste nur darauf achten, dass das Gespräch nicht plötzlich eine falsche Wendung nahm und ein biblisches Thema berührte. Es war auch nicht immer klar, ob jemand, der in den Laden kam, überhaupt gläubig war. Und wenn ja, in welchem Ausmass. Deshalb musste man immer ein bisschen aufpassen, was man sagte. Und vor allem: wie man es sagte. Strenggläubige Christen aus dem evangelikalen Sektor konnte ich mit der Zeit recht gut identifizieren. Sie gaben sich oft durch ihre Bekleidung zu erkennen. Oder ein bestimmtes Verhalten. Sie entsprachen in etwa dem Typus des Autoverkäufers oder Versicherungsvertreters. Wobei man sich diesen Typus als Freizeitmenschen vorstellen sollte, in der Rolle des flippig entspannten Touristen auf einem Kreuzfahrtschiff oder in einem Vergnügungspark, in einer Umgebung, wo man "gut drauf ist". Wenn jemand betont leger, mit aufgesetzter Freizeit-Lässigkeit und entsprechender Bekleidung, (Hawaiihemd oder Poloshirt, Tennissocken, Mokassinschuhen, ein Armkettchen etc.) nach einer Bibel oder einem Büchlein von Jörg Zink fragte, war für mich klar, dass ich einen Evangelikalen vor mir hatte. Es war ungefähr so, als würde man jemandem gegenüberstehen, der Fische verkauft. Das riecht man einfach. Doch im grossen und ganzen hielten sich solche Auffälligkeiten in Grenzen. Da hatte man es mit den Hare-Krishna-Brüdern leichter. Im Buchhandel habe ich gelernt, dass man den Verrückten die Verrücktheit nicht immer ansieht. Einmal bekamen wir Ärger mit einer Kundin, die sich darüber beschwerte, dass wir ein Buch von Shirley Maclaine verkauften. Esoterik war heikel. Die Pilgermission war da viel restriktiver. Dort wurde dieses "Teufelszeug" konsequent boykottiert. Nicht so in der Evangelischen Buchhandlung. Mein Chef hatte diesbezüglich freie Hand. Er hatte den Segen der Landeskirche. Die Evangelische Buchhandlung lag an einer Tramhaltestelle mitten im Stadtzentrum, also an bester Passantenlage, die man nutzen konnte, um die frommen Bücher und die hochstehende Theologie zu alimentieren. Das war die Geschäftsstrategie. Fundamentalistische Anwürfe parierte mein Chef gerne mit Johannes 14,2: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Woran sich unfehlbar ein Goethe-Zitat anschloss: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Wenn es um die Jesus-Freaks ging, die alles auf ihre bibeltreue Linie bringen wollten, hatte mein Chef eine deutliche Meinung. "Bei ihnen dreht sich alles um Jesus. In allen Lebensbelangen nehmen sie ihn in Anspruch: bei Zahnschmerzen, Alkoholsucht, Fusspilz, Haarausfall, Eheproblemen und Geldsorgen. Ein theologischer Unsinn! So ist das nun wirklich nicht gemeint im Neuen Testament! Jesus wollte kein Wunderkrämer sein, und er wollte auch nicht, dass man ihn anbetet, Göttlichkeit hin oder her. Die Freikirchler vergessen oft, dass es auch noch einen Senior-Chef gibt. Jesus wollte, dass man zum Vater betet. Wieso das Herrlein anrufen und nicht den Herrn? Abgesehen davon hockt im Himmel kein Weihnachtsmann, der unsere Wünsche erfüllt. Gott kann, muss aber nicht helfen. In manchen Fälle hilft er überhaupt nicht. Zum Beispiel bei Dummheit. Jesus hat nicht die Idioten gemeint, als er die geistig Armen selig gepriesen hat. Er hat die scheinbar Gottfernen gemeint, diejenigen, die nicht auf dem hohen Glaubensross sitzen, wo man auf die Ungläubigen herabschaut. Das haben die Freikirchler irgendwie falsch verstanden."

 

Trotz seiner Abneigung gegen die Freikirchen und die aus Amerika herüberschwappende charismatische Erneuerungsbewegung war mein Chef keineswegs ein typischer Repräsentant der Landeskirche. Als Pfarrer hätte er eine ziemlich komische Figur abgegeben. Obwohl er sich gerne als kirchentreuen Protestanten darstellte und als Vizepräsident der freiwilligen Schifferseelsorge (oder sonst einer nicht allzu arbeitsintensiven Kirchenkommission) an jeder Synodalratssitzung teilnahm, schrammte er mit seinen neutestamentlichen Ausführungen gelegentlich haarscharf an offener Ketzerei vorbei. Sein theologisches Steckenpferd waren die Essener und die Schriftrollen von Qumran. Alles Neutestamentliche, das von der Bibel abweicht und von ihr verschwiegen wird, interessierte ihn brennend. Die Apokryphen und die gnostischen Strömungen des Urchristentums: solche Themen brachte er mit viel Tamtam unter seine Kundschaft. Wochenlang hatte er zum Beispiel das Thomas-Evangelium bei sich auf dem Pult und las jedem theologisch interessierten Kunden daraus vor. Was ihn bei solchen Texten regelrecht in Begeisterung versetzte, war das weibliche Element, das hier überall zur Sprache kam - und das die Kirchenväter seiner Meinung nach systematisch und böswillig unterdrückt hatten. "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!" rief mein Chef manchmal, wenn er über die Frauen um Jesus und die apokryphe Weiblichkeit referierte. Womit er dann wieder bei Goethe andocken konnte.

 

Ich kann mich an kein einziges Streitgespräch erinnern, das sich um Religion gedreht hätte. Was mich im nachhinein ein bisschen verwundert. Doch um 1988 herum war Religion noch kein Reizthema, zumindest nicht in der Schweiz. Klar, es gab die Auseinandersetzungen um Drewermann und Küng. Aber das war eine Sache der Katholiken. Aus protestantischer Sicht ein Streit um Selbstverständlichkeiten. Wieso sollten Frauen nicht die Priesterweihe bekommen dürfen? Wieso sollten Priester nicht heiraten dürfen? In der reformierten Ecke war es relativ ruhig. Obwohl der Protestantismus zunehmend zum Tummelplatz für Psychologen, Lebensreformer, Friedensbewegte, Feministinnen und Ökologen wurde, die eine neue aufmüpfige Theologie anstrebten, die so neu eigentlich gar nicht war. Hier taten die Protestanten das, was die Protestanten schon immer am besten gekonnt haben: protestieren, alles gegen den Strich bürsten. Das Übliche also. Und dann gab es noch die Freikirchler. Die Bibelfundis von der Gellertkirche und der Pilgermission. Das waren die Spinner, die einfältigen Tröpfe. Die mochte man nicht. Doch andererseits waren sie eher läppisch als schlimm. Es muss halt auch solche geben, sagte man sich. Die heutigen Konflikte lagen noch in weiter Ferne. Unvorstellbar, dass im frühen 21. Jahrhundert eine Zeit heranbrechen würde, da man in Europa wieder mit religiösen Kräften ringen muss, die die freie Meinungsäusserung unterdrücken wollen. Und die den direkten Zugriff auf die Politik suchen. Die Rede ist natürlich nicht vom Christentum, sondern vom Islam. Damals, in den späten Achtzigern, war davon noch nichts zu spüren. Bis zur Fatwa gegen Salman Rushdie war der Islam in Europa überhaupt nicht präsent, und christliche Fundis, die auf die Politik einwirken wollten, waren hierzulande eher die Ausnahme. Im grossen und ganzen galt die Devise: anything goes. Und jedem Tierchen sein Pläsierchen. Gesamthaft gesehen war Religion etwas Nebensächliches und im Grunde genommen Privates, zu unbedeutend, um überhaupt einer Diskussion würdig zu sein. Die grossen Konflikte lagen woanders. Kurz vor seinem Ende, das niemand kommen sah, schaukelte sich der Kalte Krieg noch einmal hoch. Während die Schweiz in die Fichenaffäre hineinrutschte, tobte in Basel der Kampf um die Alte Stadtgärtnerei, "die letzte konsumfreie Zone", wie es auf den Flugblättern hiess. Eine Zeitlang gab es fast täglich eine Demo. Es roch nach Krawall. Mein Chef, ein stramm bürgerlicher EVP-Wähler, bangte um seine Schaufensterscheiben. Am 21. Juni 1988 räumte die Polizei das besetzte Areal hinter dem St. Johannstor, nur wenige hundert Meter von der Evangelischen Buchhandlung entfernt. Zusammen mit einem Kollegen namens Gutter, mit dem ich ein halbes Jahr an der Diplommittelschule gewesen war, hatte ich mich unter die Areal-Besetzer und Demonstranten gemischt. Wir freuten uns auf den grossen Schlagabtausch mit der Polizei, wir wollten das mal erleben, als Schlachtenbummler und Zaungäste. Wir rauchten einen Joint, um uns Mut zu machen. Nicht umsonst wurde Gutter "Der Kiffer" genannt. Es war ein Ehrentitel, wie Majestät oder General. An der Schule war er der unbestrittene Kifferkönig gewesen, der bewunderte Maestro des Tütenbauens, ein Inhallationsvirtuose, der die 400 Wirkstoffe der Kannabispflanze besser kannte als jeder Apotheker. Er war so etwas wie ein Selfmade-Schamane. Und seine Devise lautete: gut ist, was gut tut. Deshalb hatte Gutter immer etwas zu rauchen dabei. Und jeder, der etwas von ihm wollte, wollte genau das: etwas zu rauchen. In irgendeiner Innentasche seiner ebenso schmutzigen wie unergründlichen Kapuzenparka fand er nach längerem Herumwühlen garantiert den besten Stoff, der gerade auf dem Markt war. Das mit dem Spitznamen war natürlich etwas Blödes - wie wenn man einen Hund "Hund" rufen würde - und deshalb nannte ich den "Kiffer" immer bei seinem richtigen Namen. Und deshalb diskutierten wir oft über Sachen, die nichts mit Tüten (Joints) und Böllen (Kannabisharz) zu tun hatten. Weil ich den Gutter nicht auf das Kiffen reduzierte, sondern ihn auch wegen seiner philosophischen Qualitäten schätzte, kamen wir gut miteinander aus. Davon profitierte ich natürlich insofern, als es bei Gutter immer etwas zu rauchen gab. Auch an diesem Nachmittag in der Alten Stadtgärtnerei. Es war mein freier Nachmittag, und es war der letzte Tag, an dem die Alte Stadtgärtnerei noch existierte, bevor sie vom bürgerlich-kapitalistischen System gekapert und zu einem blitzblank gepützelten Seniorenpärklein umgewandelt wurde. Die Polizei war bereits angerückt, um das Areal zu stürmen, und bald waren wir in eine dicke Kannabiswolke gehüllt. So tankten wir Mut. Doch es geschah nichts. Nach einer Stunde geschah noch immer nichts. Jedenfalls nichts Gewalttätiges. Die Stimmung war locker und friedlich. Ein paar Typen mit Gesichtsverhüllung bastelten Molotow-Cocktails. Wir schauten ihnen interessiert zu. Es war wie an einer Gartenparty, wo der Gastgeber die Grillade und den Sommerbeeren-Punsch vorbereitet, während sich die Gäste auf etwas einstimmen, von dem sie noch nicht genau wissen, was es sein wird. Ein Feuerwerk? Die meisten Links-Alternativen um uns herum schienen nicht sonderlich beunruhigt zu sein, obwohl die Situation alles andere als gemütlich war. Auf der anderen Strassenseite stand die Polizei mit Schutzschilden und Schlagstöcken. Aus einem Megaphon plärrte zum wiederholten Male die Aufforderung, das Areal zu räumen, und es war jedes Mal die letzte Warnung, nachdem ein letztes oder allerletztes Ultimatum abgelaufen war. Doch in der Alten Stadtgärtnerei liess man sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Hier war die Welt noch in Ordnung. Jemand spielte Gitarre, und jemand klopfte mit den Handballen indianermässig auf einer Felltrommel herum. Wir rauchten den zweiten Joint. Währenddessen bekamen wir ein bisschen mit, was die Leute so redeten. Es ging ein seltsames Gerücht um. An der Lörracher Grenze hätten sich Neo-Nazis aus ganz Deutschland - damals noch Bundesrepublik Deutschland - versammelt, um mit Schlagringen und Baseballschlägern in das hiesige Geschehen einzugreifen. "Die wollen hier mal richtig aufräumen!" sagte jemand. Und jemand anderer meinte: "Die haben Kontakte zur Basler Polizei, garantiert!" Das machte uns dann doch ein wenig nervös; Neo-Nazis waren für uns der Inbegriff des Bösen. Und deutsche Neo-Nazis erst recht! Kollege Gutter, der neben seinen Raucherutensilien ständig ein zerfleddertes Taschenbuch seines Idols Carlos Castaneda mit sich herumtrug und auch dementsprechend aussah, nämlich wie ein Wüstenhippie, der regelmässig unter Meskalin-Kakteen übernachtet, war schon mehrmals mit Neo-Nazis zusammengeraten. In der Bahnhofsunterführung hatten ihn einmal ein paar Glatzköpfe zusammengeschlagen. Der blosse Anblick seiner wild gekrausten Hippiefrisur hatte genügt, um sie in Rage zu bringen. Oder vielleicht war es auch seine gammlige Second-hand-Parka gewesen. Oder vielleicht auch nur seine Art zu gehen. Allein sein vornübergeneigtes Schlurfen, diese zur Schau getragene Apathie des dauerbekifften Wüsteneremiten, wirkte auf gewisse Leute wie ein rotes Tuch. Anders als die Hare-Krishna-Brüder waren die Neo-Nazis keine Glatzköpfe, mit denen man diskutieren konnte. Und in der Regel wollten sie einem auch keine Bücher verkaufen. Um unsere Nervosität zu unterdrücken, steckten wir uns gleich nochmals einen Joint an. Die Polizei verhielt sich ruhig, die Areal-Besetzer und Demonstranten verhielten sich ruhig. Alles war friedlich. Schliesslich verzogen wir uns. Wir dachten, die Sache wäre gelaufen. Am nächsten Morgen - es war ein Mittwoch, ein normaler Arbeitstag - kam mein Chef sichtlich aufgebracht auf mich zu. In der Hand hielt er die Basler Zeitung. Kriegsähnliche Zustände! rief er. Diese linken Rabauken, diese Drogensüchtigen und Arbeitsscheuen! Es sei kaum zu fassen, wie sich die wieder aufgeführt hätten! Und so las ich in der Basler Zeitung, dass die Polizei das Gelände gestürmt hatte. Unter massivem Tränengaseinsatz, wie es hiess. Von Neo-Nazis stand da nichts. Aber es habe wüste Szenen gegeben, ein Polizist habe lichterloh gebrannt. Wäre der St. Johannstor-Brunnen nicht platschvoll mit Wasser gefüllt gewesen, hätte das übel ausgehen können... Als ich das las, fühlte ich mich ein bisschen verschaukelt. Das alles hatten wir um nicht mal fünf Minuten verpasst!

 

Wenn es ein Konfliktpotential gab, dann lag es hier. In der politischen Orientierung. Bezüglich Freiraumnutzung. Oder bezüglich Schweizer Armee. Sollte sie abgeschafft werden oder nicht? Die Politik war ein Minenfeld, nicht aber die Religion. Hier schien alles klar zu sein. Religion war Privatsache. Punkt. Da musste man gar nicht erst darüber diskutieren. Mein Chef wäre der Erste gewesen, der das unterschrieben hätte, und die meisten seiner theologisch interessierten Kunden akzeptierten diese Auffassung ohne weiteres. In der mehrheitsfähigen Welt des normalen Zusammenlebens hatten religiöse Überzeugungen nichts zu suchen. Das nennt man Säkularismus. Und unter Religionsfreiheit verstand man lediglich das Recht, im privaten Rahmen zu glauben, was man wollte. Man verstand darunter nicht das Recht, anderen Leuten mit seinem Glauben auf die Nerven zu gehen. Oder die Unantastbarkeit religiöser Auffassungen. Oder das Recht auf Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Minarette und riesige Shiva-Statuen. Jedem halbwegs informierten Menschen war klar: die traditionellen Kirchen geniessen diesbezüglich ein Ausnahmerecht. Sie beziehen öffentliche Gelder (je nach kantonaler Regelung viel oder wenig) und üben - wenn auch unter der Bedingung, dass man das Christentum ohne Gefahr für Leib und Leben in Frage stellen darf - einen gewissen politischen Einfluss aus. Für diese Sonderstellung gibt es historische und kulturelle Gründe, die mit dem Prozess der Säkularisierung unauflösbar verwoben sind. Säkularisierung ist kein Geschenk. Wie auch die Anerkennung als Landeskirche. Oder die Religionsfreiheit. Das alles sind Errungenschaften. Und es ist etwas, das man sich verdienen muss. Das man aushalten muss. Insbesondere muss die Kirche jede Menge Kritik, Satire und Blasphemie aushalten: unsere Kultur ist voll davon. Die ganze Wissenschaft, Kunst und Literatur seit der Aufklärung: eine einzige Religionsbeleidigung. Und dass der Islam, nicht anders als das fundamentalistische Christentum, dieser Herausforderung nicht gewachsen ist, zeigt eben sehr deutlich, wo der Unterschied liegt. In den letzten dreissig Jahren hat sich die religiöse Landschaft stark verändert. Und nicht unbedingt zum Guten. Die Landeskirchen - die Gralshüter einer aufgeklärten Religiosität - schwächeln. Doch im Ganzen sind Religionen wieder auf dem Vormarsch, und sogar mitten in Europa versuchen sie ihren Geltungsbereich zu erweitern. Natürlich immer im Windschatten der Religionsfreiheit, auf die sich jeder Knilch berufen kann, wenn ihm eine religionskritische Karikatur nicht passt - oder wenn seine Sitten und Gepflogenheiten mit säkularen Standards kollidieren. Zwei Ereignisse im Zusammenhang mit religiöser Empfindlichkeit oder Überempfindlichkeit haben schon damals für Aufregung gesorgt, und als Lehrling in einer theologischen Buchhandlung war ich zumindest indirekt damit konfrontiert. Das eine war der Film "The Last Temptation of Christ", für den fundamentalistische Christen mit schlagzeilenträchtigen Protesten unfreiwillig Werbung machten. In Frankreich steckten sie sogar ein Kino in Brand. Der Filmproduzent wird sich gefreut haben! Das andere Ereignis, aus heutiger Sicht geradezu ein Menetekel, war die Fatwa gegen Salman Rushdie. Ich erinnere mich, dass wir in der Buchhandlung darüber diskutierten, ob wir "Die satanischen Verse" an Lager nehmen sollten oder nicht. Mein Chef war dagegen. Er machte Sicherheitsbedenken geltend. Khomeinis Arm reichte bis in die Evangelische Buchhandlung hinein. Das muss man sich einmal klar machen! Hier wurde uns vorgeführt, was Religion wirklich bedeutet. 

 

 

In der Evangelischen Buchhandlung habe ich Religion als Bildungsauftrag erlebt, nicht als Überzeugungssache. Insofern fühlte ich mich dort recht wohl. Auch mein Chef war nur mässig religiös, ein formell praktizierender Sonntagschrist, der das halbe Kirchengesangsbuch auswendig wusste, aber der kollektiven Gemütseinfalt des gemeinsamen Singens und Betens nicht allzuviel abgewinnen konnte. Mein Chef war vor allen Dingen Buchhändler, und die Bibel war für ihn zuerst und vor allen Dingen ein Buch. Ein schlichtes oder weniger schlichtes Buch mit Buchstaben und Ziffern, den gleichen Buchstaben und Ziffern, die man auch in einem Telefonbuch findet. Oder im Faust Teil 1 und 2. Oder in einem Roman von Rosamunde Pilcher. Buch ist Buch, und für den Buchhändler ist jedes Buch ein Verkaufsobjekt, das er mehr oder weniger geschickt zum Verkauf anbietet. Der eine macht es wie der Jäggi senior und reitet auf einem Zirkuselefanten durch die Stadt. Und der andere macht es wie mein damaliger Chef und hält Vorträge über Gott, die Welt und Goethe. Und obschon mein Chef, der passionierte Traditionsbuchhändler, nichts übrig hatte für Bestseller-Türme und Billig-Aktionen, wie sie beim Jäggi üblich waren, sah er sich doch als Geschäftsmann und Verkäufer. Auch darin war Goethe sein Vorbild. Das Geistige und das Praktische miteinander zu verbinden und zu versöhnen: darin sah er seine Goethische Mission. Das war seine selbstauferlegte Berufung. Und so war die Bibel für ihn zwar ein Kulturgut, über das er des langen und des breiten referieren konnte, aber letztlich musste dann halt doch auch die Kasse stimmen. Vom Beten wird niemand feiss. Mit diesem Satz hatte mich mein Chef am ersten Arbeitstag begrüsst. Und dieser Satz begleitete mich durch die ganze Lehrzeit hindurch. Und er stammte nicht mal von Goethe, sondern war ein Originalzitat meines Chefs, eine aphoristische Eingebung, in der er seine ganze Berufserfahrung zusammenfasste. Als Bibelverkäufer konnte er die Bibel nicht verschenken, nur um dem lieben Gott einen Gefallen zu tun. Oder eine ungläubige Seele zu retten. Als Bibelverkäufer musste er die Bibel verkaufen. Und das geschah natürlich nicht zum Einkaufspreis, sondern mit einer Marge obendrauf. Auch das Buch der Bücher musste sich irgendwie rentieren. Und so war die Bibel auch nur ein verkäufliches oder weniger verkäufliches Buch unter vielen anderen Büchern, und dieses Buch konnte schön oder hässlich sein, gebunden oder broschiert, mit einem Einband aus Kalbsleder oder Kunststoff, man konnte es in dieser oder jener Übersetzung kaufen, mit Goldschnitt oder ohne, mit Schuber oder ohne, mit Lesebändchen oder ohne. DIE Bibel gab es nicht. Es gab nur eine Unzahl von Bibelausgaben, die auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnitten waren.

 

So sahen es auch die netten älteren Damen, die in der Evangelischen Buchhandlung angestellt waren. Mit der Kirche hatten sie noch weniger zu schaffen als der Chef, es waren gelernte Buchhändlerinnen, keine Betschwestern. Als ich dann nach der Lehre beim Jäggi arbeiten durfte, habe ich das in allen möglichen Spielarten kennengelernt: Buchhändlerinnen, die keine Betschwestern sind. Während meiner Lehre fiel mir aber vor allem eines auf: die älteren Damen waren das Gegengewicht zum Chef, zu seiner permanenten Abgehobenheit. Oft verdrehten sie hinter seinem Rücken die Augen und flüsterten einander ein Goethe-Zitat zu, das nicht für die Ohren des Chefs bestimmt war: "Heinrich, mir graut vor dir." Heinrich, so hiess nicht nur Goethes Faust, sondern auch unser Chef. Vor ihm graute es den älteren Damen, weil er so unterhaltsam war. So überaus motiviert. Mit dem gespreizten Elan seiner Beredsamkeit sprang er von einem Fettnäpfchen ins andere. Er verpasste Termine, vergass dringende Rückrufe zu machen, stolperte über Buchkisten, verschluderte Dokumente, warf seine ausgelöffelten und ausgeschlürften Kiwihälften in den Papierkorb, wo sie vor sich hinstanken, verlegte Bücher, die er hätte abreservieren sollen, und verschwand manchmal spurlos inmitten des Ladenbetriebs, und dann stellte sich heraus, dass er mit einem Judaisten oder Neutestamentler ins Café Spillmann gegangen war, um über irgendein exegetisches Problem zu diskutieren, in das er sich beim Kundengespräch verbissen hatte. Doch das alles war nichts im Vergleich zum Schlimmsten, was ihm jemals passiert war und was einem Geschäftsinhaber in Basel unter keinen Umständen passieren sollte. Am Abend vor einem Morgenstraich hatte er versehentlich die Schaufensterbeleuchtung angelassen, respektive den Zeitschalter nicht betätigt, sodass die Fasnächtler kurzerhand die Scheiben einschlugen und selber dafür sorgten, dass es dunkel war. Unser Chef war ein Chef, bei dem es starke Nerven brauchte. Was mir persönlich nicht so auffiel, aber den älteren Damen schon. Durch die notorische Unzuverlässigkeit und Schwadroniersucht ihres Chef hatten sie eine schwere Bürde zu tragen. Während er vor Kunden oder seinen Angestellten über die Gnostik oder das Thomas-Evangelium referierte oder mit einem langgezogenen "Gööööööthe" und dem Schlachtruf "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!" auf die Leiter sprang, um den Faust Teil1 und 2 aus dem Regal zu holen, bemühten sich die älteren Damen nach Kräften, den Laden flott zu halten, und ganz nebenbei kümmerten sie sich auch noch um den Lehrling, dem sie das buchhändlerische Rüstzeug beizubringen versuchten. Um derlei Kleinigkeiten kümmerte sich der Chef nämlich nicht. Die älteren Damen schmissen also sozusagen den Laden, während der Chef seine Show abzog. Sie taten das sehr gut. Es waren richtige Arbeitstiere. Die Frau Müller zum Beispiel, die die eingehenden Rechnungen und Gutschriften prüfte und dabei stundenlang in einen Tischrechner mit einer ratternden Papierrolle hineintöggelte. Ihr knochentrockener Humor, mit dem sie alles und jedes kommentierte, passte gut zu ihrem Aufgabenbereich. Oder die Frau Scheidegger, die an der Kaufmännischen Schule Sortimentskunde unterrichtete und insofern eine typische Buchhändlerin war, als es ihr leicht fiel, Pedanterie und Chaos unter einen Hut zu bringen. Oder die Frau Bach, die einzige Deutsche in der Buchhandlung, eine kleine, dicke Frau, die von den Kunden meistens für die Putzfrau gehalten wurde, obwohl sie eine bekannte Schriftstellerin war. An Selbstbewusstsein fehlte es ihr nicht. Bei jeder Gelegenheit erzählte sie, dass Siegfried Lenz - der grosse Siegfried Lenz! - über ihren Roman "Matka mit den blossen Füssen" eine lobende Kritik geschrieben habe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Frau Werenfels: eine grosse, hagere, altmodisch gekleidete Dame mit schmuckvoller Brille, deren Schildpattkette sie häufig um die dürren Finger schlang. Wenn sie etwas sagte, sagte sie es sehr überlegt und bedächtig, mit grossen Pausen zwischen den Sätzen und einer dünnen, heiseren Stimme. Jede Aussage, die sie machte, brauchte eine gewisse Zeit, um zu wirken. Um anzukommen. Wie eine Brausetablette im Wasserglas, die mit zischend aufsteigenden Bläschen nach und nach ihren Wirkstoff freisetzt. Darin lag ein augenzwinkernder Witz, ein Sinn für das Bonmot. Andererseits war das auch etwas umständlich. Um das richtige Bonmot finden und platzieren zu können, musste Frau Werenfels jeweils lange überlegen. Und diese Überlegung fasste sie behutsam in Worte. Und mit diesen Worten tastete sie sich unsicher und mit vielen Pausen an eine Schlussbemerkung heran. Und das Bonmot war dann quasi die Schlussbemerkung, eine Zusammenfassung in Schönschrift. Dazu passte, dass sie in der Freizeit nostalgische Stadtansichten malte; in der Manier naiver Malerei, mit putzigen Biedermeier-Figürchen und bekannten Basler Gebäuden, die aussahen wie von einem Kuchenbäcker gemalt. Während meiner Lehre arbeitete sie gerade an einem Bilderbuch für Kinder. Ein paar Jahre später erschien es unter dem Titel "Em Schuggi sy Basel". Es wurde auf Anhieb ein Bestseller. Frau Werenfels durfte man nie unterschätzen. Als sie einmal einen Bücherdieb erwischt hat, ist sie ihm bis zum Fischmarkt nachgerannt und hat ihm dort eine Szene gemacht, inmitten schaulustiger Passanten. Daraufhin wurde der Dieb überwältigt und auf den nahen Polizeiposten gebracht. Frau Werenfels war eine Figur wie aus einem Roman von Robert Walser. Von daher war es fast logisch, dass Robert Walser ihr Lieblingsautor war, den sie allerdings nur mit grösster Vorsicht zur Lektüre empfahl. Nur ein einziger Leser unter Tausenden, wenn nicht sogar unter Millionen, könne mit der kurios verwickelten Prosa Robert Walsers in Einklang kommen, sagte Frau Werenfels, während sie mit einem zierlichen Löffelchen ihren Kaffee umrührte. Robert Walser sei nämlich ein Fall für sich, sagte sie, indem sie das Löffelchen aus der Tasse herausnahm und wie ein Ausrufungszeichen in die Luft hielt. "Ein Fall für sich!" wiederholte sie. Ein Fall für sich war auch Frau Werenfels. Sie war eine "Heimlichfeisse". Sie las etwas, das sonst fast niemand las. Sie las Robert Walser. Das verriet sie mir wie ein Geheimnis. Wie etwas, das eigentlich niemanden etwas angeht. Jeden zweiten Samstag hüteten wir zusammen den Laden, und in der Zehnuhrpause diskutierten wir manchmal über Literatur. In meinem Fall erwies sich Frau Werenfels als grosse Menschenkennerin. Sie empfahl mir Robert Walser, "ohne jedes Bedenken", wie sie sagte. Ohne jedes Bedenken! Solche Ausdrücke liebte Robert Walser. Und so las ich zum ersten Mal und "ohne jedes Bedenken" Robert Walser, der mich sofort mitriss.

 

 

 

April, 2018