Tütensuppe

In der Verlagsstube riecht es nach Suppe. Woher dieser Geruch kommt, ist uns ein Rätsel. Die Bücher, die in der Ecke hinter meinem Rücken mannshoch aufgestapelt sind, riechen jedenfalls nicht, sie sind in Plastik eingeschweisst. Oft, wenn ich meine Arbeit für einen kürzeren oder längeren Moment niederlege, denke ich: schade, dass man hier nicht kochen kann. Es ist nicht ohne Komik, der Geruch ist da, aber die entsprechende Vorrichtung fehlt. Es fehlt die Kochgelegenheit, was mich natürlich ärgert. In einem Betrieb, der zu den modernsten von Düttlishausen gehört, ist das so ärgerlich wie eine wasserfleckige Wand oder ein loses Dielenbrett. Ein Kochherd, auf dem man eine Suppe zubereiten könnte, wäre nun wirklich keine Rieseninvestition. Bei dem nasskalten Wetter, das schon seit Tagen die Landschaft verschleiert, wäre es eine Wohltat, man könnte hie und da etwas Warmes in sich hineinschlürfen, etwas Aufgebrühtes und Nahrhaftes. Leicht zubereitet und schnell genossen, wäre eine Tütensuppe die geeignete Stärkung für zwischendurch. Jolanda, unsere Verlagssekretärin, gibt mir einen Blick des Einverständnisses, sobald ich, halb zu ihr gewandt, halb im Selbstgespräch, den fehlenden Kochherd erwähne. Sie teilt meine Meinung: die Verlagsleitung schuldet uns einen Kochherd. Sie hat es uns versprochen. Aber beim Versprechen ist es geblieben, wahrscheinlich fehlt das Geld, man ist in Schwierigkeiten, die Märkte stagnieren, und so müssen Jolanda und ich uns ohne Kochherd und Tütensuppe durch den Büroalltag schlagen. Und wie zum Hohn hat auf einmal die ganze Verlagsstube nach Suppe gerochen. Nach Aromat und Fett. Der Geruch ist mal stärker, mal schwächer, mal verschwindet er ganz, aber gerade seine Unbeständigkeit bewirkt, dass man sich nicht an ihn gewöhnen kann. Ausserdem durchdringt er alles. Er geht in die Kleider, alles riecht nach Suppe, sogar die Unterwäsche. Jolanda lacht darüber, auch wenn sie meinen Ärger versteht. Sie scheint das alles hier, auch ihre Arbeit, gar nicht so ernst zu nehmen. Wenn nicht gerade das Telefon klingelt, fummelt sie an ihrer Halskette herum und kommt zu nichts. Oder sie fängt an, ihre Bleistifte zu spitzen, es schneit Späne, und der Spitzer raspelt vor sich hin, während sie mir Blicke zuwirft, die ich nicht deuten kann. Oder sie macht Turnübungen. Oder sie schminkt sich, sie schminkt sich oft. Beim Schminken macht sie ein Gesicht, das ganz anders aussieht als sonst: wie eingefroren. Dass es uns momentan an Arbeit fehlt, dürfen wir nicht zugeben, wir behalten es für uns. Wir wissen, dass die Situation jederzeit umschlagen kann: von einer Sekunde zur andern kann Hektik ausbrechen. Sobald ein Auftrag hereinschneit, sobald Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger ein neues Buchprojekt vom Stapel zu lassen, sind Jolanda und ich gefordert bis zum Anschlag. Der Betrieb duldet kein Abseitsstehen. Jolanda und ich sind eingespannt, auch wenn im Moment alles nach Flaute aussieht. Innert Sekunden kann sich ein Umschwung vollziehen, der alles auf den Kopf stellt. Darauf sind wir gefasst.

 

Was den Klein-Verlag auszeichnet, ist sein Abseitsstehen mit dem, was sonst niemand drucken will. Weil es dafür nur wenige Käufer und Leser gibt. Weit verstreut über die Lande finden sich vielleicht, wenn man sie alle zusammenzählt und die Zahl dann noch ein bisschen aufrundet, zwei Dutzend Menschen, die den Klein-Verlag kennen und schätzen. Die mit seinem Potpourri aus Billigbroschüren, Jubiläumsschriften, Gedenkreden, Strickmusterkatalogen, Spruchsammlungen, Vereinsschriften, Alltagspostillen, Hauskalendern und zu Herzen gehender Küchentischpoesie einigermassen vertraut sind. Die Vermieftheit, die uns scheinbar anhaftet, ruft immer auch Spötter auf den Plan. Wir nehmen das gelassen. Natürlich darf man uns nicht mit den grossen Verlagen vergleichen, das wäre unfair. Die Brötchen, die wir backen, sind klein. Klein ist auch unsere Büroräumlichkeit, wir nennen sie Verlagsstube, obwohl wir natürlich wissen, dass eine Rotzfahne keine Fahne ist. Ein richtiger Verlag sind wir nicht. Und dementsprechend haben wir auch keine richtige Verlagsstube. Dennoch sind wir ein Verlag, nominell zumindest. Und dennoch haben wir eine Verlagsstube mit allem, was dazugehört. Jolanda, unsere Verlagssekretärin, ist hauptsächlich für die Verkaufsadministration zuständig, während ich den weitgespannten Vertrieb überwache. Ich verpacke die Bücher und bringe sie auf die Post. Ich verschicke auch die Verlagsankündigungen. Auf das Marketing habe ich mich anfänglich gar nicht einlassen wollen, aber irgendwie bin ich dann doch nicht willens genug gewesen, es von mir fernzuhalten. Ich habe nachgegeben. Der passive Widerstand ist zusammengebrochen. Und so ist mir das Marketing zugewachsen, so ist es in mich hineingewachsen und überwuchert nun mein Gehirn wie ein unersättlicher Efeu. Jetzt, da es zu meinen Hauptaufgaben zählt, stelle ich fest, dass ich damit an kein Ende komme. Was nicht heisst, dass ich überlastet wäre. Efeu wuchert still vor sich hin. Er macht kein Aufhebens von sich. Marketing-Fragen sind eine Nebensächlichkeit. Mit Marketing beschäftigt man sich wie mit einem Mühlespiel, das man, wenn etwas Wichtiges ansteht, auch mal unterbrechen kann, die Steinchen hüpfen ja nicht davon. Marketing ist eine gemütliche Sache. Ich mache das so nebenbei, mit links. Es kitzelt meinen Verstand, ohne ihn zu beanspruchen. Es animiert mich, erfrischt mich. Es ist ja fast nichts. Die Marketing-Mühlen mahlen langsam, das Mühlespiel ist auf Zeit angelegt, und der Efeu, der mein Gehirn umrankt, wuchert mit der Langsamkeit einer langwierigen Erkrankung, an der man unmöglich sterben kann, weil sie erst in zweihundert Jahren zum Tod führt. Das Wenige, das an Öffentlichkeitsarbeit anfällt, liegt bei mir unter dem Teller mit dem Schinkenbrot: ich beantworte Briefe und gebe Werbeanzeigen auf, und bei der Gestaltung des Prospektmaterials (jedes neue Buch bekommt eine Begleitbroschüre, die fast so dick ist wie das Buch selber) habe ich völlig freie Hand. Ich gestalte und texte sehr freihändig. Ich zitiere aus Buchkritiken, die nie geschrieben worden sind, und lege diesem oder jenem Nobelpreisträger ein Zitat in den Mund, das genau das aussagt, was in meinen Werbetext hineinpasst. Manche Bücher preise ich als Geheimtip, andere als Sensation. Manche Bücher empfehle ich als Medizin, und von anderen rate ich ab mit der Begründung, dass man so ausgezeichnete Bücher nicht wie Perlen vor die Säue werfen zu dürfe. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger sehen in mir den geborenen Marketingfachmann, den Garanten für eine zukunftsträchtige Verlagswerbung. Sie haben, davon bin ich überzeugt, in den richtigen Mitarbeiter investiert. Würde ich den lieben langen Tag schlapp und unmotiviert in meinem Bürostuhl herumhängen, so könnte ich es mit mir selber kaum aushalten. Ich wäre mir zuwider. Wenn ich fleissig bin, und zwar auch dann, wenn gerade nichts anfällt, so bin ich es auch für mich, nicht nur für Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger, die mir gar nicht so wichtig sind. Mit ihnen verkehren wir nur aus der Distanz, wie mit einem Aussenposten, der uns aus der Ferne seine undeutlich knisternden Signale funkt. Wenn wir mit denen dort draussen etwas zu tun haben, dann nur in der Form einer fernmündlichen Absprache. Ab und zu geben sie uns ein Telefon und durch das Telefon hindurch eine Anweisung. Und durch die Anweisung hindurch eine kleine Aufmunterung. Ansonsten sind sie weit fort und drängen sich nirgendwo auf. Wir kommen ganz gut ohne sie zurecht. Wir, das sind Jolanda und ich. Die Verlagsstube teile ich nur mit Jolanda. Wir arbeiten Tisch an Tisch, zwar getrennt voneinander, aber doch im gleichen Büro, in der gleichen Verlagsstube. Wir atmen die gleiche Luft und sitzen in den gleichen vier Wänden im dritten Stock eines sehr alten Hauses im Dorfkern. Trotz mehrfachen Renovierungsarbeiten sind die Wände immer noch mit Rauchlöchern ausgestattet, und der laminierte Fussboden wölbt sich in der Mitte zu einem Buckel. Hebt man die Füsse, so rollt man mit dem Bürostuhl automatisch vom Tisch weg. Das einzige Fenster geht auf einen Kaninchenstall hinaus. Die Verlagsstube ist klein, ein Rauchloch-Kämmerchen, in das man zu zweit gerade noch so knapp hineinpasst. Kommt noch eine dritte Person hinzu, wird es eng, zumal hier ja nicht nur die verpackten Bücher gelagert sind. In filzstiftbeschrifteten Kartons sind alle Unterlagen verstaut, die je über unsere Schreibtische gegangen sind, und für den Fall, dass uns mal jemand besuchen kommt, womit wir dann zu dritt wären, steht ein Stuhl mit einem handbestickten Kissen bereit. Eine fürstliche Sitzgelegenheit. Wir haben sie gemeinsam eingerichtet. Ich habe den Stuhl hingestellt, und Jolanda hat das Kissen beigesteuert. Sie nennt es liebevoll “Plumeau”. Jolanda und ich können uns gut vorstellen, dass uns mal jemand besuchen kommt, irgendwann, beruflich oder privat, das ist egal. Wir sind da nicht besonders wählerisch. Wer es uns besuchen kommen mag, ist uns willkommen, das “Plumeau” liegt bereit. Allerdings wird diese Person nicht darum herumkommen, die enge, knarrende Holztreppe zu überwinden, die zu unserm Büro hinaufführt, und die, wie durch ein Wunder, sämtliche Renovierungsarbeiten unbeschadet überdauert hat. Unten im Parterre hat sich ein schickes Restaurant eingemietet, die "Oase". Dort trinken wir den Pausen-Kaffee. Mangels Wasserkocher sind wir beim Kaffeetrinken auf Outsourcing angewiesen. Oft ist das Restaurant überfüllt, und oft sind wir gezwungen, neben dem Kücheneingang zu sitzen. Kein besonders appetitlicher Ort. Man riecht hier das tägliche Geköch. Während wir gleich neben der Küche den Zehnuhr-Kaffee trinken, sind wir geruchsmässig fast mittendrin. Als würden wir selber in der Pfanne sitzen. Freilich sitzen wir nicht selber in der Pfanne. Sonst würde es nicht so scheusslich riechen. Was in der "Oase" gekocht wird, kann man sich nur als etwas Matschiges vorstellen, aus dem ein paar Selleriestängel herausragen. Die Küche ist streng vegetarisch, und die einzige Suppe, die der Koch zustande bringt, ist eine Yoghurt-Suppe, eine zähflüssige Pampe, aus der man den Löffel fast nicht mehr herausbekommt, wenn man ihn einmal hineingesteckt hat. Eine richtige Suppe bekommen wir in der "Oase" nicht. Nach Suppe riecht es nur in der Verlagsstube. Mit diesem Geruch, den wir nur schwer mit der Restaurationsküche in Verbindung bringen können, haben wir auszukommen. Wir fragen uns manchmal, ob es ein Phantomgeruch ist. Eine Autosuggestion. Andererseits haben wir das ja beide. Jolanda hat es genauso wie ich, sie hat es nicht weniger häufig als ich, aber auch nicht häufiger. Wenn es denn auf Einbildung beruht, sind wir es beide, die sich das einbilden, sodass niemand von uns in die Einbildung eingreifen, sie relativieren oder wegerklären kann. Und vielleicht ist es halt doch keine Einbildung. Keine Autosuggestion. Uns jedenfalls erscheint die geruchliche Heimsuchung höchst real. Immer und immer wieder riechen wir die Suppe. Aber nicht nur als Raumduft, als etwas, das in der Luft steht wie eine Wolke. Meistens riechen wir das an uns selbst, und erst dann kommt es uns so vor, als würde auch alles andere danach riechen. Und meistens sind es die Kleider, wo es anfängt, oder es fängt irgendwo zwischen Kleidern und Haut an, in der dünnen Luftschicht dazwischen. Ich schnüffle an meinen Kleidern, um zu prüfen, ob sie wieder einmal nach Suppe riechen. Der Geruch ist manchmal da und manchmal auch nicht. Manchmal riecht man ihn sofort, und manchmal muss man an sich herumschnüffeln, damit man ihn in die Nase bekommt. Tatsächlich rieche ich wieder einmal wunderbar nach Suppe. Der Geruch ist von einer Schwere, die mich erschreckt. Ich blicke zu Jolanda hinüber, die sich zum Fenster gedreht hat und mit den Fingerspitzen die herabgezogenen Mundwinkel antippt. Jetzt macht sie einen Kussmund. Im Fensterglas spiegelt sich ihr Gesicht. Sie schminkt sich. Das macht sie oft, mehrmals am Tag widmet sie sich dort ihrem Gesicht, das kein unschönes ist. Ich frage sie, welchen Tag wir heute haben. Keine Antwort. “Jolanda!” rufe ich ihr zu, “hast du eine Ahnung, was heute für ein Tag ist?” Noch immer arbeitet sie an ihrem Mund. Sie hört mich nicht oder will mich nicht hören, und ich behandle sie wie eine Schwerhörige. “Jolanda!” rufe ich. “Haben wir heute Mittwoch oder Donnertag?” Jolanda nickt. “Hmmm,” macht sie. “Hmmm.” Ich neige mich ein wenig nach vorn, um in meinen wild zerstreuten Unterlagen nach dem Terminkalender zu suchen. Aber ich kann ihn nicht finden. Plötzlich tauche ich ab. Ich bücke mich unter den Schreibtisch. Schnuppernd sauge ich den Suppenduft ein, der sich in den Knitterfältchen meines ungebügelten Hemdes eingenistet hat. “Jolanda!” rufe ich, während ich mir das Hemd aufknöpfe, um meine Nase mit dem Unterhemd in Berührung zu bringen. “Hast du heute schon an dir gerochen? Riechst du es auch?” Während ich mich wieder aufrichte, knöpfe ich mir eilig das Hemd zu. Jolanda sitzt mir direkt gegenüber, und einen Moment lang habe ich Mühe zu begreifen, was sich mit ihr abspielt. Sie vergräbt ihre Nase in die Kuhle zwischen Ober- und Unterarm. Doch anstatt den Arm zum Gesicht zu heben, senkt sie das Gesicht zum Arm hinunter und krümmt sich dabei zusammen, als hätte sie Bauchweh. “Hmmm,” macht sie. “Hmmm.” Während sie Mund und Nase tiefer in die weiche Armbeuge hineindrückt, wo es kaum Luft gibt, fängt sie an zu kichern. Die dünnsträhnigen blonden Haare sind wirr über das Gesicht geworfen. Sie windet sich auf ihrem Stuhl, der etwas ins Schlingern gerät. Damit sie nicht wegrollt oder umkippt, stemmt sie sich breitbeinig gegen den knarrenden Boden. Nicht zum ersten Mal sehe ich sie derart verrenkt. Jolanda ist Kunstturnerin, auch im Büro macht sie regelmässig ihre Turnübungen. Doch die ungewohnte Sitzhaltung macht ihr anscheinend zu schaffen. Sie zittert, und die Luft, die sie einsaugt, ist für eine Duftwahrnehmung wahrscheinlich viel zu spärlich. Aus dem Kichern wird ein Schlucksen. Ich entschliesse mich, über dieses Verhalten hinwegzusehen, wir sind uns ja einig darin, dass es hin und wieder ganz penetrant nach Suppe riecht. Und wir sind uns auch weitgehend einig darin, dass wir etwas dagegen unternehmen müssen. “Ja, ja, genau,” sage ich und schiebe mir die Brille auf die Stirn. “Du riechst es also auch. Dieser Geruch, dieser Suppengeruch, dieses unverwechselbare Aromat-Aroma, es schlüpft in sämtliche Kleider und bewirkt, dass wir uns selbst nicht mehr riechen können. Wir verlieren den Eigengeruch. Ich halte das für unzumutbar. Wir sind kontaminiert.” Jolanda nimmt den Arm vom Gesicht und lehnt sich zurück; aus grossen, blaugeschminkten Augen sieht sie mich fragend an. “Kontaminiert?” haucht sie, während sie ihren Schluckauf hinter vorgehaltener Hand zu unterdrücken versucht. Ich bin mir sicher, dass Jolanda unter dem Suppengeruch ebenso leidet wie ich. Auf leeren Magen hält man ihn fast nicht aus. “Es ist übrigens Mittwoch,” sagt Jolanda plötzlich. Sie hat ihren Stuhl an den Tisch geschoben und stöbert in ihren Unterlagen. “Die berüchtigte Phase zwischen Dienstag und Wochenende, eine typische Zwischenphase. Willst du sonst noch etwas wissen?” Endlich hat sie ihren Schluckauf besiegt. Endlich hat sie sich, wenn auch vielleicht nur für einen kurzen Moment, in die Verlagssektretärin zurückverwandelt, die ich kenne und schätze, die Verwalterin des Terminkalenders. Als Verlagssekretärin hat Jolanda die Übersicht und Kontrolle über alles - und besonders über die Zeit, die ich einfach nicht zu fassen bekomme. Ich bin kein Zeitmensch, habe absolut kein Zeitgefühl, die Tage gehen an mir vorüber, als ob ich unsterblich wäre: ich zähle sie nicht, weil sie für mich zählen... Es ist also Mittwoch. Die Verlagssektretärin hat es offziell bestätigt. Ich erkläre Jolanda, dass der Suppengeruch unmöglich aus der Abluftröhre der Restaurantionsküche stammen könne. Aber das wissen wir ja schon längst. Darüber bräuchten wir gar nicht zu reden. “Ja,ja ” bestätigt Jolanda. “Das ist wahr.” Sie atmet tief durch. “Das ist wahr.” Sie schaut wieder zum Fenster. Aber diesmal schaut sie durch das Fensterglas hindurch, sie schaut in die Verschwommenheit einer Nässe hinaus, die schon seit Tagen anhält. Nachdenklich betrachtet sie die Bäume, in die der Regen prasselt. Von Jolanda, das weiss ich, ist an diesem Tag nicht mehr viel zu erwarten. Wenn sie anfängt, durch das Fenster hindurchzuschauen, ist sie für die Büroarbeit so gut wie verloren. Sie kommt ins Träumen, ist kaum noch ansprechbar. Darauf nehme ich selbstredend Rücksicht. Wäre ich ihr Vorgesetzter, müsste ich sie zurechtweisen. Da ich ihr aber gleichgestellt bin, fällt es mir leicht, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Nur manchmal überkommt es mich, dann muss ich den Chef spielen und einen Standpunkt ausserhalb meines Kopfes einnehmen, einen Überlegenheitspunkt, der sich weit oberhalb meines Scheitels befindet. Wenn ich von dort oben herab zu Jolanda spreche, klingt meine Stimme wie ein Filzschreiber, der mit grossem Druck über ein Blatt Papier gezogen wird. Jolanda lässt sich das gutmütig gefallen, wohl auch deshalb, weil sie weiss, dass ich einer bin, der es beim Anlaufnehmen bewenden lässt. Hin und wieder spiele ich zwar den Chef, bin aber weit davon entfernt, je einer zu werden. Ich rede ja nur, und es liegt mir fern, Jolanda zu irgendeiner Arbeit zu drängen. Wenn ich mit ihr schimpfe, stehe ich nicht einmal auf, ich verziehe keinen einzigen Gesichtsmuskel, ich schimpfe sozusagen rein verbal. Ich sage Jolanda hin und wieder meine Meinung, das ist alles, und meine Meinung dürfte wohl kaum massgeblich sein. Ich bin nicht derjenige, der uns die Arbeit zuteilt, dafür sind ausschliesslich Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger zuständig. Sie nehmen und sie geben, wie es in der Bibel heisst. Ohne diese Herren, die wir allerdings selten zu Gesicht bekommen, wären Jolanda und ich schon längst verfault. Auf die regelmässigen Arbeitszuteilungen bleiben wir angewiesen, auch wenn uns die Herren von der Verlagsleitung freundlicherweise eine gewisse Selbstständigkeit zubilligen. Die Abläufe einer Buchproduktion sind ja immer dieselben. Wir wissen jeweils sehr genau, was zu tun ist. Von Gängelei kann keine Rede sein, ganz im Gegenteil, Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger lassen uns in allem freie Hand. Unnötige Anfragen oder Rückfragen mögen sie nicht. Sie haben genügend mit sich selber zu tun. Mit ihren ewig sich hinziehenden, unendlich zeitraubenden Chef-Sachen. Fast täglich halten sie eine Verlagsleitersitzung ab. Dabei besprechen sie die Bilanzen und projektieren das nächste Buch. Jedes neue Buch ist ein spezielles kleines Abenteuer, besonders für Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger, die das unternehmerische Risiko tragen. Jolanda und ich ertragen es, aber wir tragen es nicht. Wir sind nur die ausführenden Organe. Viel zu sagen haben wir nicht, gelegentlich aber sehr viel zu tun. Anders als Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger, die sich täglich zusammensetzen, um sich neuen Herausforderungen zu stellen, erledigen Jolanda und ich die Arbeit, die übrig bleibt, wenn die wichtigen Entscheidungen schon getroffen sind. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger sind die Architekten, Jolanda und ich die Bauleute. Sobald uns das Verlagsleiterbüro mit einem neuen Auftrag betraut, legen wir uns ins Zeug. Dann zwingen wir uns, schneller zu denken und zu handeln, als es nötig wäre. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger bemessen die Zeit, die sie uns lassen, immer sehr grosszügig. Wahrscheinlich unterschätzen sie Jolanda und mich aus Prinzip. Weil wir nicht zur Verlagsleitung gehören. Daraus ziehen Jolanda und ich einige Vorteile, heimlich, versteht sich, obwohl nichts Unrechtes dabei ist. Weil wir kaum je kontrolliert werden, bekommen wir es irgendwie hin, aus den mit viel Aufwand und Sorgfalt errechneten Zeitplänen ein kleines oder je nachdem auch grösseres Quantum Zeit für uns selbst herauszuschinden. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger wissen nichts davon - und sie brauchen auch nichts davon zu wissen, für sie zählt nur die termingerechte Erledigung. Solange wir mit der Arbeit nicht in Verzug geraten, lassen sie uns in Ruhe. Die Zwischen- und Abgabetermine sind gesetzt: aber auf welchen Wegen und Umwegen wir dorthin kommen, das ist unsere Sache. In einen Neunstundentag passt sehr viel mehr hinein, als uns Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger mit ihren pingeligen Zeitplänen glauben machen wollen. Sie ahnen gar nicht, wieviel Zeit uns bleibt. Manchmal haben wir tagelang nichts zu tun und sitzen einfach nur da, tun zum Schein ein bisschen dies und das, starren aus dem Fenster und warten auf den nächsten Auftrag. Ein Nichtstun ist das nicht, und schon gar nicht ein Sich-Gehenlassen, denn man muss sich doch konzentrieren bei so etwas, sich bereit halten. Während man die Zeit vertut, gleitet man dem nächsten Auftrag innerlich schon entgegen. Doch was anfangen mit der gewonnenen Zeit? Was anfangen mit den zusammengehamsterten Minuten, Stunden und Tagen? Jolanda hat da so ihre eigenen Ideen, sie schminkt sich, macht Turnübungen, spitzt Bleistifte, bis sie fast nicht mehr vorhanden sind, oder bewundert bei strömendem Regen die Aussicht. Untätig zu sein, macht Jolanda nichts aus, sie ist die geborene Büroangestellte. Ich beneide sie. Sie hat das Gemüt einer Weinbergschnecke. Ich selber bin leider nicht so anspruchslos, ich bin schwieriger veranlagt als Jolanda. Ihre Ruhe ist mir manchmal unheimlich. Ich habe es nicht so mit dem Ruhigsein. Ich nerve mich leicht. Ich bin ein Dünnhäuter, der alles spürt: scheisst ein Vogel aufs Dach, spüre ich das sofort. Deshalb lehne ich mich auch hin und wieder auf. Immer sind es dieselben Unzumutbarkeiten, die mir sauer aufstossen. Es gefällt mir zum Beispiel überhaupt nicht, wie wir behandelt werden. Jolanda und ich müssen es hinnehmen, dass wir das fünfte Rad am Wagen sind, wir drehen uns allzu oft im Leerlauf, und ich denke ernsthaft daran, Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger in ihrem Verlagsleiterbüro einmal tüchtig die Meinung zu sagen. Ich hätte ihnen einiges zu sagen, zum Beispiel über das Marketing, das ich ungefragt und ohne viel Begeisterung, aber mit zähem Willen aus dem Dreck gezogen habe. Nie haben sie mir auch nur den leisesten Dank dafür erstattet. Es scheint, als verstünde sich mein Einsatz von selbst, dabei habe ich mir das Marketing gar nicht ausgesucht, ich habe es widerwillig adoptiert, aus reinem Pflichtbewusstsein, niemand ausser mir hat sich darum gekümmert... Und jetzt auch noch die Sache mit dem Kochherd... Bei diesem nasskalten Wetter wäre es eigentlich gar nicht so unangebracht, den Kampf um die Bewilligung eines Kochherds weiterzuführen. Die Gelegenheit ist günstig. Vielleicht haben Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger ein Einsehen, wenn sie das Wetter in ihre Überlegungen miteinbeziehen. Seit Tagen regnet es Bindfäden. “Jolanda,” sage ich. “Ich gehe jetzt zu Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger und bitte sie persönlich um die Gefälligkeit, das für den Kochherd erforderliche Geld locker zu machen. Es gibt vieles, was zu unseren Gunsten spricht, Jolanda. Und an meiner Hartnäckigkeit ist kaum zu rütteln. Ich bin enorm durchsetzungsfähig, wenn es drauf ankommt, die Reichweite meiner Argumente ist für eine ordentliche Mitarbeiterbeschwerde mehr als ausreichend. Ich denke, dass sich Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger unserm Anliegen auf Dauer nicht verschliessen können. Am Telefon können sie mich abwiegeln, nicht aber, wenn ich sozusagen mit geballten Fäusten vor ihnen stehe. Dann merken sie vielleicht, dass ich es ernst meine. Dass es höchste Zeit ist, einzulenken. Alles, was wir fordern, ist ein Handkocher zum Wasserkochen. Es muss nicht einmal ein Kochherd sein, schon ein Handkocher genügt. Bescheidener geht es wohl kaum. Mit dem Schlürfen von Tütensuppen hat noch nie jemand geprotzt. Und trotzdem sind Tütensuppen etwas, wofür man sich begeistern kann. Diese probate Art der Zwischenverpflegung ist etwas vom Wohltuendsten und Glustigsten, was es auf dem Nahrungssektor gibt. Man schlürft oder löffelt das Zeug aus einer Tasse und fühlt, wie es den Bauch wärmt. Nicht zu vergleichen mit Kaffee! Die Wärme des Kaffees ist trügerisch: der süchtig machende, quecksilbrige Bohnenabsud ergiesst sich, kaum hat er den Magenboden erreicht, augenblicklich in die Nervenbahnen und führt dem Körper nichts als ein bisschen Nervosität zu. Bei der Tütensuppe ist das anders. Sie ist voller Nährstoffe, voller echter Lebenswärme und Kraft. Wer arbeitet, ob unter Hochdruck oder nicht, sollte die Möglichkeit haben, sich dieses Kraftmittel täglich zu verabreichen, was man, wie ich glaube, bei diesen Temperaturen weithin für gerechtfertigt hält. Je schlechter das Wetter, desto eher neigt man dazu, sich etwas Gutes zu tun, und es ist nicht einzusehen, warum Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger kein Verständnis dafür haben sollten. Diese Herren kochen auch nur mit Wasser. Auch sie brauchen von Zeit zu Zeit etwas Warmes, um bei Kräften zu bleiben. Deshalb glaube ich und bin sogar fest davon überzeugt, dass es gar nicht so schwierig sein dürfte, sie von unserm Anliegen zu überzeugen, von meiner Überredungskunst, der Überzeugungskraft, die ich hier und jetzt an dir ausprobiere, Jolanda, bin ich jedenfalls felsenfest überzeugt, die Chancen stehen gar nicht so schlecht, die Erfolgsaussichten sind rosig. Ich darf mich nur nicht zu tief bucken, nicht zu viele Umstände und Worte machen. Am besten, ich gehe ganz ungeniert auf mein Ziel los, stürze mich wie ein Trampel in das Verlagsleiterbüro und knalle unsere Petition mit einem Hueredammisiech! auf den Tisch. So muss man mit diesen Herren umspringen: geradeheraus und ohne jede Zimperlichkeit. Wenn man sie dazu nötigt, sind Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger die grössten Wohltäter, die man sich vorstellen kann.”

 

Die ehemalige Landi-Lagerhalle ist kaum geheizt oder gar nicht geheizt. Ich schlüpfe da also hinein, durch eine Schiebetür, und bin völlig durchnässt, weil es immer noch regnet. Ich durchquere die Halle. Die ineinanderfallenden kleinen Echos meiner Schritte klappern lustig hin und her. Aufgemalte Signaturen auf dem schwach neonbeleuchteten Betonfussboden zeigen, wohin ich meine Schritte zu lenken habe. Links an der fensterlosen Wand sind die massigen Maschinen aufgestellt. Ich sehe die Walzen, Spulen und Bedienungskästen. Damit drucken wir unsere Druckerzeugnisse. Sobald der Entschluss gefasst ist, mit etwas Neuem in die Drucklegung zu gehen, kommt Leben in die Halle, die Drucktechniker, die ja ständig Bereitschaftsdienst haben, springen herbei und setzen die Maschine in Betrieb. Wenn aber nichts los, erscheint die Druckerei gar nicht so wichtig. Die Maschinen stehen da wie für die Verschrottung bestimmt. Wie jeder Funktionsfähigkeit beraubt. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie es sind, die alle Billigbroschüren, Jubiläumsschriften, Gedenkreden, Strickmusterkataloge, Spruchsammlungen, Vereinsschriften, Alltagspostillen, Hauskalender und Poesiebändchen in die Welt gesetzt haben. Ein paar Schritte noch, und schon bin ich am Ziel. Es ist ein Holzgehäuse am anderen Ende der Halle. Von hier kommen also die Anrufe in unser Büro, die Anweisungen, nach denen wir uns zu richten haben. Hier fallen die wichtigen Entscheidungen. Und hier wird auch entschieden, was nicht wichtig ist. Dabei ist das Verlagsleiterbüro recht unscheinbar. Von aussen sieht man eigentlich nicht viel. Das aus Sperrholz zusammengenagelte Abteil ähnelt der improvisierten Koordinationszentrale eines Pfadfinderlagers oder Feldlazaretts. Ist es überhaupt ein Büro? Hinter dem Perlenvorhang am Eingang sind Stimmen zu hören. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Bittsteller sind hier nicht besonders gern gesehen, schon gar nicht unangemeldet. Was mich betrifft, so habe ich mich absichtlich nicht angemeldet. Ich möchte die Herren überrumpeln. Darf ich das überhaupt? Innerlich bereite ich mich auf eine Standpauke vor. Der Perlenvorhang, an dem viele kleine tibetanische Glöckchen hängen, rieselt und klingelt, als ich geduckt durch ihn hindurchgleite. Ich mache noch zwei Schritte in den Raum hinein, dann bleibe ich vor einer unsichtbaren Diskretionslinie stehen. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger sitzen um ein kreisrundes Tischchen herum. Sie konferieren halblaut. Alle vier haben ganz harmlose Gesichter. Mein Erscheinen löst keine erkennbare Reaktion aus. Da kitzelt mich etwas in der Nase, etwas Vertrautes und Betörendes. Kaffee. Der typische Zehnuhrmorgenduft. Im Hintergrund, halb versteckt zwischen wuchernden Hydrokulturpflanzen, summt und blubbert eine Espressomaschine. Im ersten Moment kommt sie mir vor wie ein alchemistisches Gerät, aber dann sehe ich doch sehr deutlich, worum es sich handelt. Es ist etwas Modernes. Die Wasserumwälzpumpe läuft wahrscheinlich im Schlafmodus, vermute ich, der ich mich ja eingehend mit solchen Geräten befasst habe. Ohne die unsichtbare Diskretionslinie zu überschreiten, mache ich der Wand entlang zwei vorsichtige Schritte auf die Maschine zu und versuche, die Marke zu identifizieren. Es ist, wie ich schon halb vermutet habe, eine V-800, Marke Schönenwerd. Ein Luxusmodell. Ich wende mich nun der Sache zu, deretwegen ich hergekommen bin. Ich räuspere mich. Als mich die Herren bemerken, verstummen sie nicht sofort, sondern reden noch eine Weile weiter, wenn auch leiser, das Gespräch wird ausgeblendet und tröpfelt dahin, bis niemand mehr spricht. Ich räuspere mich abermals. Jetzt bin ich an der Reihe. Die Herren blicken mich an, ohne eine Miene zu verziehen. Rasch streiche ich mir das nasse Haar aus der Stirn und zupfe an meinen Manchetten, die vor Nässe geschrumpft sind. Ich spreche ganz leise, dem direkten Blickkontakt weiche ich aus. Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger lehnen sich in ihren Sesseln zurück. Auf ihren Gesichtern macht sich nun doch so etwas wie eine menschliche Regung breit. Sie schlagen entspannt die Beine übereinander. Hin und wieder nicken sie beifällig und stossen unverständliche Laute aus, Äusserungen eines Wohlwollens, das keine Worte braucht, weil es aus dem Bauch kommt. Ich begreife mit einiger Erleichterung, dass sich die Herren zwanglos auf mich einstellen. Dass sie mir grossmütig, aber auch ein bisschen belustigt das Wort überlassen, mich einfach reden lassen. Sie hören mir zu, als wäre ich angetreten, um ihnen auf einem seltenen Musikinstrument etwas vorzuspielen, zum Beispiel auf einem Druckwindharmonium. Sie scheinen gespannt zu sein, was da noch alles kommt, und ich habe nicht den Eindruck, dass ich störe, ganz offenkundig geniessen sie es, sich für einmal mit etwas Nebensächlichem, ja völlig Belanglosem abgeben zu dürfen, und so finde ich den Mut, Übertreibungen zu vermeiden. Ich bleibe ganz bei mir selbst. Um meine bescheidene Meinung anzubringen, muss ich kein Getöse veranstalten. Es geht auch anders. Dadurch, dass ich mich weder mit Worten noch mit Gesten übermässig wichtig mache, erziele ich eine Sachlichkeit, die bei Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger ausserordentlich gut ankommt. Das merke ich an der Art, wie sie mir zuhören. Den seit Wochen anhaltenden Regen erwähne ich, ohne zu klagen, ich erwähne ihn nur so nebenbei, mein Anblick genügt, um die Herren nachdenklich zu stimmen. Ich weiss, dass es funktioniert. Man muss die Sachen, die man vermitteln will, zeigen. Man muss sie, um es in der Marketingsprache auszudrücken, performen. Sie zu erklären genügt nicht. Das Wetter habe ich mitgebracht, es ist ein Beweismittel, das keinen Kommentar braucht, weil es für sich selbst spricht. Um meine Schuhe herum hat sich eine kleine Pfütze gebildet, und ich bin mir sicher, dass dieses diskrete Wetterschauspiel niemanden unbeeindruckt lässt. Indessen konzentriere ich mich auf mein Thema. Ich bringe es zur Sprache. Ich lege es dar. Ich spreche gut und flüssig, aber doch auch unaufdringlich, sodass die Herren jederzeit die Möglichkeit haben, mich ohne Schroffheit zu unterbrechen. Es hat ja auch sein Gutes, wenn man nicht so wichtig ist: man kann dann leichter den Rückzug antreten, sich sozusagen aus der Affäre ziehen, wenn im Auditorium ein Sturm aufkommt, wenn die Zuhörer zu grummeln anfangen, weil sie ungeduldig werden und darauf brennen, einem das Wort abzuklemmen. Man kann dann mit einem simplen Adieu zur Tür hinaushuschen und braucht nicht noch mühsam den Boden zu verteidigen, auf dem man sich bereits mehr als genug hat behaupten müssen. Flucht ist die beste Selbstverteidigung, sprach der Hasengeneral. Doch Kellerhans, Luginbühl, Steinweich und Höger zwingen mich keineswegs zum Rückzug. Vermutlich würden sie mich reden lassen, bis mir die Stimme versagt, vielleicht mögen sie einfach meine Stimme. Vielleicht sehen sie mich als Abwechslung in ihrem grauen Konferenzalltag. Vielleicht bin ich für sie der heutige Sonnenschein. Vielleicht mögen sie meine Argumentationsweise, die Art, wie ich die Gedanken driften lasse. Nach ungefähr fünf Minuten setzte ich aus eigenem Entschluss einen Punkt. Ich klappe meine Rede zusammen wie einen Regenschirm. Dabei kommt mir das schöne Wort "Endigen" in den Sinn. Wie aus einem Zwang heraus muss ich es in Gedanken deklinieren. Ich endige, du endigst, er endigt. Ich hoffe, dass ich weder zu viel noch zu wenig gesagt habe. Ich hoffe, dass ich mein Anliegen genauso formuliert habe, dass man ihm zumindest ein minimales Verständnis entgegenbringen kann. Über den mausgrauen Hemden rucken die Köpfe, unschlüssiges Schweigen. Anscheinend haben die Herren begriffen, dass da vor ihnen nicht nur ein Mensch, sondern auch eine Frage im Raum steht. Der eine oder andere fasst sich ans Ohrläppchen, räuspert sich, streift seinen Nebenmann mit einem verstohlenen Blick, und ich sehe nun, dass jeder von ihnen die lässig übereinandergeschlagenen Beine langsam voneinander löst, um beide Füsse auf den Boden zu bekommen, den Boden der Tatsachen. Ich warte auf eine wohlmeinende Belehrung, eine halbe Zustimmung, eine freundlich verklausulierte Ablehnung. “Das haben wir jetzt aber gehörig zur Kenntnis genommen,” sagt schliesslich Luginbühl, um mit einer hochgezogenen Augenbraue hinzuzufügen: "Meine Antwort, wenn ich hier auch für meine Kollegen sprechen darf, mag Ihnen vielleicht nicht gefallen. Aber so ist ehrlich: gut Ding will Weile haben."

 

Als Luginbühl eine Woche später bei uns anruft, gibt ihm Jolanda höflich zu verstehen, dass sie unzuständig sei, leider, aber sie wolle ihn gleich weiterverbinden zu einem Mitarbeiter, der für diesen Zuständigkeitsbereich zuständig sei. Und so verbindet sie Luginbühl weiter zu mir. „Er hat was von Tütensuppe gesagt,” flüstert sie aufgeregt, während sie auf den Telefontasten herumdrückt. “Er hat Tütensuppe gesagt!” - „Gut,“ sage ich und setze mich kerzengerade hin. Mein Telefon schrillt, und ich nehme es feierlich ab.

 

2011