Trump ist Trumpf

 

"Die befremdliche Pointe ist, dass einige der Wahlversprechen von Donald Trump exakt einer linken Agenda entsprechen. Seine Ankündigung, die Arbeitsvisa für die USA deutlich restriktiver zu bewilligen, hat vor allem bei den Internetkonzernen aus Kalifornien zu einem Aufschrei geführt. Die Doppelmoral dieses Aufschreis muss die Linke verstehen, damit sie sich nicht immer wieder durch moralische Panik für die Interessen des Kapitals einspannen lässt."

 

Bernd Stegemann, Das Gespenst des Populismus, 2017

 

 

Donald Trump ist ein Phänomen. Ein psychologisches Phänomen. Nicht unbedingt im Hinblick auf seine Persönlichkeit, so exzentrisch die auch sein mag, sondern vor allem im Hinblick auf die Art von Resonanz, die er bei seinen Verächtern und Sympathisanten auslöst. Mehr noch als sein Geprotze mit Statussymbolen ist es seine Wortwahl, was ihn beim linksliberalen Establishment so verhasst macht. Er schert sich nicht um die richtige Gesinnung, und im Fachbereich "Diplomatie" hat er sein Diplom wahrscheinlich bei den Vandalen gemacht. Wenn Trump als lächerlich, dumm oder böse hingestellt wird, dann meistens nur deshalb, weil er gewisse Empfindlichkeiten verletzt. Weil er das Geschwurbel politisch korrekter Gesinnungshuberei mit einem "Fuck you" beantwortet. Und genau dieses Verhalten ist der Grund dafür, weshalb er bei einer breiten Bevölkerungsschicht so gut ankommt - und weshalb ihn jede Kritik und Herabsetzung nur noch stärker macht. Der hat einen eigenen Kopf! Endlich mal ein Politiker, der sich getraut, ein authentisches und gnadenlos unsympathisches Arschloch zu sein! Und vermutlich macht er das nicht mal absichtlich! Er kann gar nicht anders! Und genau das spricht für ihn. Lieber ein aufrichtiger Kotzbrocken als ein heuchlerischer Gutmensch! Dass er damit nicht nur die Linken, sondern auch die neoliberalen Kapitalisten und Kapitalistinnen gegen sich aufbringt, sollte einem schon ein wenig zu denken geben. Und so gibt es denn auch tatsächlich Linke, die Trump sympathisch finden, zumindest sympathischer als Hillary Clinton, und diese Linken - wen wundert's - kommen hauptsächlich aus dem marxistischen Lager. Trump hat, wenn auch unfreiwillig, sehr viele ultralinke Wähler gewonnen. Als Bernie Sanders aus Rücksicht auf Hillary Clinton aus dem Rennen schied, war das für viele Ultralinke eine Katastrophe. Denn die Kriegstreiberin, Systemopportunistin und Wallstreet-Freundin Hillary Clinton ist so ziemlich das Letzte, was ein Linker wählen kann, wenn er wirklich links ist. Zumal die liebe Hillary mit einem Ex-Präsidenten verheiratet ist, der seinerzeit gravierende neoliberale Reformen durchgedrückt hat. Was blieb also übrig? Immerhin hat sich Trump in seinen Wahlreden deutlich gegen den systemischen Neoliberalismus der neulinken Globalisierungselite gestellt. Seine kapitalistische Logik - soweit sie sich überhaupt politisch artikuliert - ist keine neoliberale, sondern eine protektionistische. Das lässt doch hoffen! Ausserdem ist Trump als Unternehmer und Selbstdarsteller ein genau kalkulierter Witz. Mit Sicherheit ist Trump schlauer als diejenigen, die ihn für dumm oder grössenwahnsinnig halten. Er setzt geradezu darauf, dass man ihn unterschätzt. Zu dieser Taktik trägt auch seine Selbstironie bei, die vor nichts zurückschreckt - und die wahrscheinlich mit Trumps Sternzeichen zu tun hat. Er ist ein typischer Zwilling. Das heisst: man kommt ihm einfach nicht bei. Er ist masslos eitel, kann aber auch den Clown spielen. Er ist ein Idiot, aber eben ein genialer Idiot. Er ist ein Superreicher, aber eben ein Superreicher, der sich mit den Tech-Giganten anlegt und deren Ausbeutungs- und Profitmaschinerie durcheinanderbringt, weil er die billigen Drittwelt-Arbeiter nicht mehr im Land haben möchte. Und weil er - was fast noch unverschämter ist - die Auslagerung von Billigarbeit ins Ausland als "Job Killing" verurteilt. Und weil er damit den globalistischen Selbstbereicherungskurs einer linksliberal getarnten, aber eigentlich neoliberal ausgerichteten Elite stinkfrech in Frage stellt. Die moralische Entrüstung, die Trump entgegenschlägt, ist scheinheilig. Und Trump weiss das. Er nutzt es schonungslos aus. Doch wie steht es mit ihm selbst? Da scheint doch einiges im Argen zu liegen! Die vielen Lügen! Ja, Trump ist ein Lügner, aber seine Lügen sind derart offensichtlich, dass man sie nicht einmal richtig entlarven kann. Das Perfide an dieser Lügnerei ist ja eigentlich ihre Plumpheit, ihre Nichtigkeit. Was Trump da treibt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel auf Kindergartenniveau. Für das es allerdings neben Trump noch einen anderen Mitspieler braucht. Allzu bereitwillig steigen die "Fake-news-Medien" darauf ein und spielen das Spielchen mit, wobei ihnen völlig entgeht, dass sich die medialen Spielregeln seit der Watergate-Affäre drastisch verändert haben. Gegen Trump können die Journalisten nur den Kürzeren ziehen. Gegen Nixon, einen harten, verschlagenen Hund, konnten sie gewinnen, aber gegen den lächerlich herumstümpernden Trump haben selbst die abgebrühtesten Medienprofis keine Chance. Und weshalb? Weil Trumps Stümperei perfekt auf die Simultanität des Social Webs zugeschnitten ist. Dort ist der Schnellere der Geschwindere, der Spontane gewinnt, während der Bedachtsame und Besonnene und eigentlich Überlegene ins Hintertreffen gerät. Doch wirklich dumm ist Trump nun auch wieder nicht. Zumindest ist er schlau genug, um die ursprünglich linke, aus dem Poststrukturalismus stammende Argumentationsmethode einer subjektivistischen Wahrheit - jenes Dafürhalten, das der US-Komiker Stephen Colbert einmal als "gefühlte Wahrheit" bezeichnet hat - für die eigenen machiavellistischen Zwecke nutzbar zu machen. Dieses Dafürhalten entbindet von objektiven Urteilen und gültigen Massstäben. Und es bedient sich des Internets, um eine eigene "Wahrheitscommunity" ins Leben zu rufen. Anders, als ständig behauptet wird, setzen nicht nur Rechtspopulisten auf die "gefühlte Wahrheit". Bei den Linken haben wir ein ähnliches Phänomen. Es zeigt sich in immer neu aufbrandenden Empörungsdebatten, die eine freie Meinungsäusserung erschweren, während die Rechten mit derselben Methode kritische oder tendenziöse Medien auszuschalten versuchen. Hier ist Trump ganz auf der Höhe seiner Zeit. Wie man sich die Wahrheit zurechtbiegt, hat er bei den Linken sehr sorgfältig abgeschaut: Wahrheit ist subjektiv. Wahrheit ist ein Konstrukt. Wahrheit ist Bauchsache. Wahr ist, was ich als Wahrheit postuliere. Den linksdiskursiven Subjektivismus - die postmoderne Auffassung, wonach es keine allgemeingültige Realität gibt, sondern immer nur eine Interpretation von Realität - hat Trump auf seine eigene vulgäre Ebene gebracht. Sobald ihn jemand angreift, springt aus der Jux-Blume an seinem Revers ein Fake-news-Vorwurf oder ein Twitter-Kommentar, und schon hat sich die Sache erledigt. Und schon kommt die nächste Lüge oder das nächste Fettnäpfchen.

 

Schaden wird ihm das alles nicht. Das Windige und Krumme schadet ihm genauso wenig wie das ständige Grosstun. Jeder Imageberater weiss, dass es nicht darauf ankommt, ein Engel zu sein. Es kommt darauf an, sich selbst zu sein. Darin ist Trump in der Tat unübertroffen. Selten je wurde ein US-Präsident so intensiv nachgeäfft und parodiert. Als ob man da noch einen Zacken draufsetzen könnte! Keine Übertreibung kommt an das Original heran. So schräg wie Trump ist nur einer: nämlich Trump selber. In seinem plumpen Protz-Verhalten eines neureichen Emporkömmlings ist er derart primitiv, dass man ihn schon fast als raffinierte Entlarvung seiner selbst empfindet. Wie auch als Entlarvung dessen, wofür dieser Präsident eigentlich steht: die Dummheit des Kapitals. Trump hält dem Kapitalismus einen beschämenden Spiegel vor. Wer Geld hat, hat noch längst nicht alles. Und mehr noch: dem geht auch etwas ab. Viel Geld und eine grosse Persönlichkeit: das schliesst sich gegenseitig aus. Man kann zwar eine grosse Persönlichkeit sein und irgendwie zu Geld kommen - wie etwa Giacometti, der seine Millionen nicht auf die Bank bringen wollte, sondern in seiner Pariser Bruchbude irgendwo versteckte: ein Festmahl für die Ratten, die bekanntlich auch Papier fressen. Eine grosse Persönlichkeit braucht kein Geld. Geld braucht nur, wer keine Persönlichkeit hat. Denn Geld ist eigentlich nichts anderes als ein Surrogat, ein Ersatzmittel. Man kann Geld gegen Dinge eintauschen, und man kann mit Geld auch eine nicht vorhandene Persönlichkeit kompensieren. Deshalb tendiert Geld immer zur Hohlform. Oder besser gesagt: zur Hohlköpfigkeit. Geld fliesst dorthin, wo es gebraucht wird: als Ersatzmittel. Wenn man sonst nichts hat und als Mensch eine Null ist, braucht man mehr Geld, als man zum Überleben eigentlich benötigt. Woraus sich eine Eigendynamik entwickelt. Wer viel Geld hat, zieht das Geld magnetisch an, so wie ein schwarzes Loch die Materie anzieht. Wer viel Geld hat, saugt das Geld in die Hohlform einer nicht vorhandenen Persönlichkeit hinein. Und lebt dementsprechend in einem geistigen Zwergenland, wo sogar der kleinste Wicht einen mordslangen Schatten wirft. Wer viel Geld hat, stopft sich mit Geld aus, um gross zu wirken. Das ist aber nicht das Gleiche wie Grösse. Und das gilt für Trump genauso wie für die Mitglieder eines lokalen Rotary Clubs. Diese Leute definieren sich über Besitz und Geld und vergreifen sich fortlaufend an Dingen, die nicht käuflich sind. Genie kann man sich nicht kaufen. Genauso wenig wie Charakter. Oder Liebe. Oder Bewunderung. Oder Kreativität. Das alles kann man sich nicht kaufen, und es ist der ewige Stachel im Fleisch der reichen Säcke, dass sie sich nicht ALLES kaufen und unter den Nagel reissen können. Wer viel Geld hat, weiss genau, womit er seine Mitmenschen für sich gewinnen kann: mit Geld. Auf ihn selber kommt es gar nicht an. Seine Talente, sein Charakter, sein Aussehen: alles egal. Was zählt, ist sein Geld. Auf seine Talente, seinen Charakter, sein Aussehen kann er sich einbilden, was er will. Letztlich ist er nur ein geldscheissender Esel, und das ist denn auch das Einzige, womit er etwas bewirken kann. Solche Leute entwickeln naturgemäss einen Komplex. Mit beinahe religiöser Inbrunst schauen sie täglich in den goldumrahmten Zauberspiegel und träumen davon, dass sie alles haben könnten, was nicht für Geld zu haben ist: Charakter, Liebe, Bewunderung, Kreativität. Und vor allem auch Genie.

 

Wenn man Trump etwas vorwerfen kann, dann seine Eitelkeit. Es ist die typische Eitelkeit des Superreichen, der täglich in den Zauberspiegel blickt, um sich als Genie zu fühlen. Genie kann man sich nicht kaufen. Dank seinem Zauberspiegel kann sich Trump trotzdem ein bisschen als Genie fühlen. Er kann jemand sein, den man bewundert. Oder den alle sympathisch finden. Doch der einzige Mensch, der ihn sympathisch findet, ist er selber. Und man muss kein Psychologe sein, um erklären zu können, was das für Folgen hat. Was mit einem gekränkten Ego im Zauberspiegel passiert. Es wird zum Airbag. Es bläht sich auf. Allerdings in Zeitlupe. Im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte hat Trump so oft in den Zauberspiegel geblickt, dass er sich nunmehr vorkommt wie der grossartigste Mensch. Wenn Trump in den Zauberspiegel blickt, sieht er ein weltpolitisches Genie. Ein Staatsoberhaupt von Format. Andererseits sieht er auch den Deppen, der das nur spielt und halt irgendwie sein eigenes Ding durchzieht. Das unterscheidet ihn von den Rotariern. Diese bewegen sich nämlich nicht auf einer Meta-Ebene. Trump schon. Trump ist ein Showman. Er ist mit allen Wassern des Reality-TVs gewaschen. Er spielt eine Rolle: sich selbst. Und indem er diese Rolle spielt, ist er so authentisch, wie man überhaupt nur sein kann. Insofern ist er die lebendige Karikatur seiner selbst, ein selbstreferentielles Monstrum, und als solches schlüpft er durch sämtliche Sicherheitsnetze und geniesst bei Systemfeinden auf beiden Seiten des politischen Spektrums einen gewissen Kredit. Für die einen ist er derjenige, der das verkrustete Establishment angreift, und für die anderen ist er derjenige, der die ausbeuterische Globalisierung 4.0 protektionistisch verhunzt und die falschen moralischen Argumente der Linken genüsslich durch den Kakao zieht.

 

Trump ist ein Phänomen. Nicht in Bezug auf seine Persönlichkeit, und vielleicht nicht mal in Bezug auf seine Wähler, die man jetzt wissenschaftlich untersucht, um herauszufinden, wie jemand dazu kommt, Trump zu wählen. Doch ich bin mir sicher: Trump wurde nicht von seinen Wählern gewählt. Es sind seine erklärten Nicht-Wähler, die ihn gewählt haben. Sie sind es, die ihm nach Bekanntgabe seiner Kandidatur den roten Teppich ausgerollt und sämtliche Spotlampen auf ihn gerichtet haben. Den Erfolg drängen sie ihm geradezu auf, sie sind der Wind in seinen Segeln und das Wasser auf seinen Mühlen. Ein absurde Situation. Selten je hat ein US-Präsidentschaftskandidat so viele Arschtritte einstecken müssen. Und so ist Trump buchstäblich die Erfolgstreppe hinaufgestolpert: bis ins Weisse Haus hinein. Man kann sich fragen, was Trump eigentlich dazu beigetragen hat. Das Verrückte an Trump ist ja nicht, was er sagt oder tut, sondern der totale geistige Blackout des linksliberalen Mainstreams. Auch in Europa, wo die Linken in ihrem Trump-Hass förmlich durchdrehen. Wie die Lemminge rennen sie in eine Sackgasse hinein, aus der sie nicht mehr herausfinden. An der Oberfläche mag Trump ein plumper Demagoge sein, ein Hetzer, der die primitivsten Regungen anspricht. Doch auch hier erweist sich Trump als trügerisch: vor allem für seine Gegner, die aus seiner holzschnittartigen Rhetorik die falschen Schlüsse ziehen. Denn hinter all seinen dumben Sprüchen und hanebüchenen Vereinfachungen leuchtet ein marxistisches Muster auf. Wenn man Trumps Rhetorik untersucht, stellt man nämlich fest, dass er sich nicht an eine diffuse Allgemeinheit wendet, das regenbogenfarbene Wir eines moderierten Kindergeburtstages. Trump spricht ganz bewusst und gezielt den Mittelstand und die Arbeiter an, und er scheut sich nicht, diese gesellschaftlichen Klassen auch zu benennen. In dieser Deutlichkeit hat das nicht einmal Bernie Sanders gewagt. Trump trifft den Nagel auf den Kopf, indem er die "Verarschung" der angesprochenen Klassen (man darf hier ruhig Trumps Ausdrucksweise verwenden, er spricht eben die Sprache des Volkes, die Sprache der Arbeiter) in ein marxistisches Licht rückt. Dass er selber gar nicht zu den Abgehängten gehört, sondern mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen ist und eine Eliteschule durchlaufen hat, ist ein beliebtes Argument der Linken, um Trump als rechtspopulistischen Scharlatan hinzustellen, tut aber nichts zur Sache. Ein Zoologe muss nicht selber ein Affe sein, um sich für die Affen einsetzen zu können. Ausserdem hat Trump die Fakten auf seiner Seite. In seiner bisherigen Amtszeit hat er fast alles richtig gemacht - und viele seiner Wahlversprechen eingelöst. (Wenn auch nicht alle. Auf die grosse Mauer müssen wir noch ein bisschen warten). Trumps Politik verbessert das Leben der Arbeiter und Mittelständler tatsächlich. Im Segment der "einfachen Büetzer und Malocher" steigen die Löhne, es gibt mehr Jobs, die Wirtschaft floriert auch für das Bodenpersonal. Wer das nicht glaubt, kann die Statistiken anschauen. Nur logisch, dass das die linksliberalen Medien nicht an die grosse Glocke hängen. Wenn man hundertmal "Teufel!" gerufen hat, kann man das schwerlich rückgängig machen. Andererseits ist eine gewisse Skepsis durchaus angebracht. Trump ist kein Robin Hood. In erster Linie bedient er seinen eigenen Club, die national orientierten konservativen Unternehmer. Daran versuchen ihn die Linken aufzuhängen. Allerdings mit zweifelhaftem Erfolg. Denn Trump ist einer, der das eine tut und das andere nicht lässt. Das ist es, was die Linken nicht kapieren. Trump ist kein Scharlatan, obwohl er die ganze Zeit lügt, und seine Politik nützt nicht nur den Reichen und Superreichen, obwohl er eine finanzstarke Lobby bedient. De facto zielt Trumps Steuerpolitik auf eine Entlastung der "kleinen Leute". Bei Trump stimmt immer auch das Gegenteil. Seine Haare sehen aus wie ein Toupet: aber sie sind echt. Diese Uneindeutigkeit hat nicht nur mit Trump selbst zu tun, sondern auch mit einem besonderen historischen Umbruch. Was wir gerade erleben, ist eine Spaltung der Eliten. Trump ist ein Reicher, der anderen Reichen die Suppe versalzt. Der Hass, der ihm entgegenschlägt, kommt aus den besten Kreisen und verfügt - mit Hollywood, Facebook, Apple, Microsoft, Amazon, Google und einigen der grössten Medienkonzernen im Rücken - über die raffiniertesten Propagandamittel. Dieser Hass sagt sehr viel darüber aus, was hinter den Kulissen der Macht vor sich geht. Trumps Wahlsieg beruht auf einer Spaltung der Eliten, die weit über das US-amerikanische Zweiparteien-System hinausgeht und in diesem kaum noch abgebildet wird. Seit der Finanzkrise von 2008 erleben wir eine weltweite Palastrevolte. Der nationalkonservative Kurs - das Bemühen, staatliche Souveränität und die damit verbundenen flexiblen Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen - hat für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Eliten an Attraktivität gewonnen, weil der herkömmliche Liberalismus an seine Grenzen stösst. Er leidet an Überkomplexheit und Hypertrophie, seine Krisenanfälligkeit liegt offen am Tag. Aus Frust über die supranational aufgeblähten Konglomerate und Machtblöcke, die ein selbstbestimmtes Agieren kaum noch zulassen, wenden sich die etwas weniger etablierten Eliten gegen die etwas etablierteren Eliten. Zwischen den Profiteuren des bestehenden globalistischen Systems und einzelnen Hasardeuren und Rebellen, die dieses System in ihrem Sinne umbauen wollen, kommt es zu immer stärkeren Spannungen und Zerwürfnissen. So wenden sich Unternehmer plötzlich gegen Grosskonzerne, Selfmade-Politiker gegen den Deep State, Protektionisten gegen Globalisten, Neo-Konservative gegen Turbo-Liberale und Neu-Linke. Und auch unter den Linken gibt es auf einmal eine Absetzbewegung. Etwa bei den Labours, die teils für und teils gegen den Brexit sind, teils EU-freundlich und teils EU-kritisch. Ein heilloses Zerwürfnis. Dasselbe bei den Linken in Deutschland, wo es zwischen der Alt-Linken Sahra Wagenknecht und der Neu-Linken Katja Kipping immer wieder zum Knatsch kommt. Wagenknecht, die versierte Marxistin, argumentiert stramm für die EU-kritische Unterschicht und unterläuft damit die offizielle Parteilinie, während Kipping mit Identitätspolitik, Genderismus, Migrationsförderung und einer wehrhaften Gesinnung "gegen Rechts" eher die EU-freundliche, urbane, akademische Linke anspricht, die mit der Unterschicht selten oder gar nicht sympathisiert. Diesem Zoff - einem Weiberzoff, wie er schöner nicht sein könnte - liegt nicht nur ein parteiinterner Richtungskampf zugrunde. Was sich hier abzeichnet, findet sich auch in vielen anderen Konfliktzonen. Es ist eine Spaltung, die sich durch die ganze westliche Gesellschaft zieht. Und zwar buchstäblich von oben nach unten. Das aktuellste und spektakulärste Beispiel neben Donald Trump ist wohl der Brexit. Auch hier war die Elite schon lange zerstritten, und der Brexit ist kein blindes Umhertappen verführter Volksmassen im englischen Nebel, sondern eine lang vorbereitete politische und ideologische Rochade. Die Brexitieers wissen genau, was sie tun. Sie wissen, dass der eigentliche Triumph erst nach dem Brexit kommt. Allen Unkenrufen zum Trotz wird das befreite Grossbritannien die schwerfällige EU überflügeln. Gerade WEIL Great Britain nicht mehr so great ist wie auch schon. Weil es in seiner disparaten Kleinheit möglichst beweglich sein muss. Und weil es in seiner Geschichte immer dann am besten gefahren ist, wenn es dem Rest von Europa (Trennung von Rom durch Heinrich VIII., Spanische Armada, Napoleon, Hitler) den Stinkefinger gezeigt hat. Einem Schweizer sollte das ja einleuchten. Die Schweiz hat ihren Brexit schon 1991 vollzogen, quasi prophylaktisch. Wer hier ständig vom bösen Rechtspopulismus schwafelt und aus dieser Sache ein simples Schwarz-Weiss-Problem macht, verkennt die Komplexität der historischen Umwälzungen, die sich überall in der westlichen Welt anbahnen. Wenn sie sich nicht schon vollzogen haben.

 

Aggressive Anfeindungen gibt es auf beiden Seiten, aber besonders aggressiv verhalten sich natürlich die Verlierer. Zumal sie ihren Feind nicht zu fassen bekommen. Auch der kleine wuschelköpfige Bruder von Trump, Boris Johnson, ist eine Persönlichkeit, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Solche Persönlichkeiten sind in unsicheren Zeiten - in Zeiten des Umbruchs - automatisch erfolgreich. Sie haben keine Scheuklappen, weil sie keine Scham kennen, und sie haben auch keine Denkblockaden, weil sie gar nie richtig nachdenken. Trotzdem sind sie alles andere als dumm. Geschweige denn unfähig. Weil sie nicht von des Zweifels Blässe angekränkelt sind, können sie sich locker über die allgemeine Unsicherheit hinwegsetzen. Obwohl alle Zeichen auf Sturm stehen, vollbringen sie locker ihre Schelmenstücke: sie schlagen Volten und schiessen mit verbundenen Augen auf Tontauben. Sie zersägen die Jungfrau und flicken sie dann wieder zusammen. Sie lösen den Gordischen Knoten mit einem EINZIGEN Hieb. Sie sind die Axt, die in den Baumstamm fährt, damit sich etwas bewegt. Ob der Baum dann auf die richtige Seite fällt: mal sehen. Wer wagt, gewinnt. Der Meister dieses Fachs ist nach wie vor Trump. Er ist wie das rote Tuch in einem Stierkampf: viel Provokation, viel Bluff, viel Signalwirkung, aber keine Angriffsfläche. Wenn man angreift, stösst man ins Leere. Es wird ihm vorgeworfen, er sei ein Rassist. Tatsächlich gibt es keine einzige rassistische Aussage von ihm. Häufig wird er nur bruchstückhaft zitiert. Um das bekannteste Beispiel zu nennen: im gleichen Satz, in dem sich Trump darüber ausgelassen hat, dass es unter mexikanischen Migranten überdurchschnittlich viele Kriminelle gebe ("rapists"), was schlicht ein Fakt ist, hat er mit grossem Nachdruck auch darauf hingewiesen, dass die meisten Mexikaner ehrenhafte Leute seien ("good people"). Der zweite Teil des Satzes wird eben nicht zitiert. So kann man selbst aus Martin Luther King einen Rassisten machen. Und was die berühmte Mauer betrifft: die existiert ja ohnehin schon. Nur eben nicht als richtige Mauer, sondern als Stückwerk mit vielen Lücken. Jährlich sterben 250 bis 500 Menschen in der Wüste. Eine Mauer könnte das verhindern. Trumps Mauer ist keine "Immoralität", wie die Demokraten behaupten, sondern das genaue Gegenteil, und genauso falsch ist auch der pausenlos wiederholte Einwand, dass eine Mauer niemanden vom Grenzübertritt abhalten könne. Der ungarische Grenzzaun beweist das Gegenteil. Eine Grenze kann gesichert werden, sofern man es denn will. Es nicht zu wollen, hat eher mit moralischer Prinzipienreiterei als mit der Realität zu tun. Die Grenzschützer vor Ort, die die Leichen aufsammeln dürfen, wissen ganz genau, womit sie es hier zu tun haben, und deshalb befürworten sie Trumps Pläne ohne Wenn und Aber. Mit den Argumenten, die die Linken, Liberalen und Demokraten ständig gegen diese Mauer vorbringen, könnte man auch ein Balkongeländer ablehnen, um einem Kind die Bewegungsfreiheit nicht zu verwehren. Desweiteren wird Trump ein unsauberer Wahlkampf vorgeworfen, wenn nicht sogar Wahlmanipulation mit russischer Schützenhilfe. Ein Standard-Vorwurf der Linksliberalen, den sie auch beim Brexit ständig ins Spiel bringen. Wenn einem nichts Gescheiteres mehr einfällt, sind halt die Russen schuld. Hat man Bauchschmerzen, so ist von vornherein klar, dass einem die Russen etwas ins Essen gemischt haben. Wer kann das schon ernst nehmen? Desweiteren wird Trump vorgeworfen, er mache eine Politik für die Reichen und Superreichen. Tatsächlich hat er für die "Büetzer und Malocher" mehr erreicht als sein demokratischer Vorgänger. In vielerlei Hinsicht passt Trump in keine Schublade hinein. So hat er zum Beispiel bewiesen, dass eine soziale Politik auch ohne Sozialismus geht, ohne Bevormundung und gesinnungsethischen Murks. Mit dieser Paradoxie trifft er den wunden Punkt. Vor allem bei den liberalen Neu-Linken, die das marxistische Denken abgeschafft haben und Identitäten nur noch an Geschlecht und Rasse festmachen. Kein Wunder, dass sie Trump so abgrundtief hassen. Er überführt sie der Heuchelei und der ideologischen Unterdrückung. Trump ist Marxist, weil er das Denken einer sowohl geistigen als auch ökonomischen Elite als Finte des gesellschaftlichen Überbaus benennt und an den Pranger stellt. Willkommen in der neuen verkehrten Welt! Es ist die Tragik der gemässigten oder liberalen Linken, dass sie den geistigen Überbau der herrschenden ökonomischen Verhältnisse beflissen mitgestaltet haben (poststrukturalistische Schulen, Political Correctness, Identitätspolitik etc.) und sich nun in der Geiselhaft des globalisierten Kapitals wiederfinden. Diese missliche Situation haben sie sich selber eingebrockt. Mitgefangen, mitgehangen. Gefangen in einem Diskurs, der den Klassenkampf ausschliesst, sind sie nun dazu verurteilt, den Status quo zu verteidigen. Darin zeigt sich ein riesiges Dilemma. "Gegen Trump" zu sein, ist noch lange kein Zeichen dafür, dass man als Linker auf der richtigen Seite steht. "Gegen Trump" zu sein, heisst noch lange nicht, dass man ein guter Demokrat, ein guter Linker oder irgend sonstwas ist, wofür man sich einen Orden anstecken könnte. Auch das liberale Bürgertum, das sich als der sichere Anker im aufgewühlten Meer der Weltpolitik darstellt, sollte sich vielleicht nicht allzu sehr darauf verlassen, dass es sich mit einer Anti-Trump-Haltung die Absolution erteilen kann. Die freiheitlich-rechtliche Grundordnung in Sonntagsreden anzumahnen, ist ja schön und gut. Doch wenn die Nullzinspolitik den Mittelstand zerstört und die soziale Ungleichheit überall zunimmt, nützt die richtige Gesinnung wenig, um dem Rechtspopulismus entgegenzutreten. Da kann man als der korrekteste Anti-Trump daherkommen: man hat trotzdem nicht recht. "Gegen Trump" zu sein, ist weder moralisch noch geistig ein besonderes Verdienst. Gegen Windmühlen zu kämpfen, war noch nie ein besonderes Verdienst und trägt wenig dazu bei, eine politische Perspektive zu entwickeln. Genau dieser Defekt, dieser Verblendungszusammenhang einer liberalen Selbsttäuschung, hat den Goldbatzen-Scheffler und Nicht-Politiker Trump an die Macht gebracht. Irgendwie muss man ihm das gönnen. Was kann er dafür, dass seine Gegner aufs eigene Tor schiessen? Dass sie die Arbeiter verraten, hinter dem Liberalismus, den sie tapfer verteidigen, die kapitalistische Ausbeutung nicht bemerken und in jedem Rechten einen Hitler sehen, anstatt auf den guten alten Marx zu hören, der ihnen glasklar nachweisen könnte, dass es eben nicht reicht, "gegen Trump" zu sein und sich als der moralisch Überlegene zu inszenieren. In Wirklichkeit widerspiegelt diese Überlegenheitsmoral - eine typische Doppelmoral - den geistigen Überbau des globalistischen Unterdrückungssystems. Und ich mache jede Wette: die meisten Linken wissen nicht einmal, was das ist, ein Überbau. An den Hochschulen steht das nicht auf dem Lehrplan. An den Hochschulen, wo man Unisex-Toiletten einrichtet, um die vielfältigen Sonderwünsche von Minderheiten und Identitätsgruppen gebührend zu berücksichtigen, büffelt man lieber Gender-Theorien. Und so kann sich Trump trotz allen Anfeindungen beruhigt zurücklehnen. Die Linken und Liberalen erledigen sich selbst. Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr. Der hat von Anfang an gewonnen.

 

Als Trumps Wahlsieg feststand, habe ich auf dem Schreibtisch getanzt vor Freude. Oder besser gesagt: vor Schadenfreude. Nicht nur weil ich eine Wette gewonnen habe, nach heftigen Diskussionen, versteht sich. Oder weil meine Einschätzung Trumps als eines Jokers - der Joker ist die "wilde Karte" ohne Eigenwert, die alle anderen Karten auszustechen vermag - bestätigt worden ist und sich das nervige Pro-Hillary-Tamtam unserer Leitmedien als peinlich unprofessionell entpuppt hat. Das alles spielte natürlich auch eine Rolle. Doch meine Schadenfreude war und ist hauptsächlich politischer Art. Die Sache ist nämlich die: wenn jemand den Kapitalismus endgültig desavouieren kann, dann ist es Trump. Und besonders desavouiert er die linksliberalen Kapitalisten, die Möchtegern-Linken. Für sie ist Trump die Hassfigur schlechthin, weil er sie als Heuchler entlarvt - und ihr Gutmenschentum als schöne Fassade, die bloss dazu dient, den Neoliberalismus zu legitimieren. Trump selbst hat diesen Umstand in einer Rede präzise auf den Punkt gebracht: "Wohlhabende Politiker und Spender drängen auf offene Grenzen und leben ihr Leben hinter Mauern, Toren und Wachen." Der linksliberale Hass auf Trump ist ziemlich albern und selbstentlarvend: vor allem in moralischer Hinsicht. Und das betrifft nicht nur die Wirtschaft und die Globalisierung. Es geht hier nämlich auch um das, wofür die USA schon seit langem kritisiert werden. Es geht um Krieg und Frieden. Es geht um die militärische Hegemonialität einer Grossmacht. Angesichts dessen, dass Obama den Friedensnobelpreis bekommen hat, müsste man Trump eigentlich heilig sprechen. Dass Trump kein Kriegstreiber ist und eher auf gute Deals als auf Killerdrohnen und militärische Einschüchterungen setzt, unterscheidet ihn von einer ganzen Reihe seiner Vorgänger, egal ob Demokraten oder Republikaner. Rein statistisch gesehen lässt seine bisherige Amtszeit einen verblüffenden Schluss zu: Trump ist der friedfertigste US-Präsident seit Menschengedenken! Vielleicht muss man, um einen passenden Vergleich zu finden, bis zu William Howard Taft zurückgehen, dem 27. Präsidenten der USA. Wenn man den heute noch kennt oder erwähnt, dann höchstens, weil er im Weissen Haus eine eigene Kuh hielt und eine speziell grosse Badewanne anfertigen liess, in der er trotzdem mehrmals steckenblieb. Kriege führte er keine. Klar, man weiss nicht, was noch alles kommt, und die Weltlage sieht nicht gerade rosig aus. Dennoch sind Trumps Schwerpunkte unübersehbar. Bomben und Granaten sind es nicht. Er kämpft mit Worten und wirtschaftlichen Massnahmen. Mag sein, dass es nicht die feinsten Worte und nicht die zimperlichsten Massnahmen sind. Aber Krieg? Nein, ohne Trump. Für die sonst so pazifistischen linksliberalen "Fake-news-Medien" zählt das anscheinend nicht. Für sie ist Trump der Leibhaftige, der Teufel in Menschengestalt. Da hagelt es Hitler-Vergleiche, dass es nur so kracht, und Nixon und Reagan widerfährt auf einmal die zweifelhafte Ehre, von den Demokraten als Musterpräsidenten gelobt zu werden. 

 

Trumps Erfolg ist ein Erfolg mit Ansage. Trump ist der Johnny Rotten der Politik, der personifizierte Stinkefinger. Die Punkbewegung der Siebzigerjahre war die unflätige Antwort auf Margaret Thatcher. Und so ist auch der Trumpismus zu verstehen. Er ist das, was dabei herauskommt, wenn Leute wie Obama oder Merkel die Weltpolitik bestimmen. Dass eine neoliberale Politik mit linkem Übergewändchen an ihren Widersprüchen scheitern muss, ist mittlerweilen ein feuilletonistisches Dauerthema. Abgezeichnet hat sich das schon 2008, nach dem Crash der Finanzmärkte, als in einem noch nie gekannten Ausmass Vermögenswerte von Arm nach Reich umgeschichtet worden sind. Gleichzeitig hat die hausgemachte europäische Finanzkrise die Kleinen bluten lassen, während sich die Grossen mit politischer Rückendeckung saniert, wenn nicht sogar bereichert haben. Vor dem Hintergrund dieser ökonomischen und moralischen Weltkrise, die nicht nur die freie Marktwirtschaft, sondern auch die supranationale Lenkung der Weltwirtschaft betrifft, hat sich die Identitätspolitik als ideologische Regulierung von oben fest etabliert: eine verordnungssüchtige "Schutzraum-Politik", die eng mit dem Neoliberalismus und der Globalisierung verzahnt ist. In diese "Schutzraum-Politik" einer neulinken Gesinnungshegemonie poltert nun Trump hinein wie ein Dinosaurier, der ein Kaffeekränzchen stört. Er ist die Nemesis der linksliberalen Globalisierung, die Quittung für einen Realitätsverlust, den man lange Zeit mit einer trügerischen Selbstgewissheit übertüncht hat. Natürlich ist Trump kein Robin Hood, der alles besser oder gerechter macht. Er macht es lediglich anders. Er macht es wie ein Trampeltier. Er trampelt durchs Weisse Haus und auf allen möglichen Empfindlichkeiten und Tabus herum. Eigentlich müsste man da genügend Angriffsfläche finden. Doch Fehlanzeige! Nichts und niemand hält ihn auf oder bringt ihn zu Fall: kein Impeachment-Antrag und keine Russland-Ermittlung. So schlau wie Trump ist nur einer: nämlich Trump selber. Ein typischer Zwilling. Vielleicht sollten seine Gegner mal ein astrologisches Gutachten einholen. Oder einen Blick auf einschlägige Internetseiten werfen. Das liest man Sätze wie: "Er ist in seiner Urform völlig amoralisch und dient nur als Träger für Botschaften." Wie auf Trump gemünzt! Und da wird auch schnell mal klar, womit man es hier zu tun hat. Einen Zwilling besiegt man nicht durch schweres moralisches Geschützfeuer. Und einfangen lässt er sich schon gar nicht. Er ist wie ein Hase: immer woanders, als man denkt. Trumps Gegner laufen hektisch ins Leere, anstatt ihre Wahlniederlage zu akzeptieren.

 

Ein bisschen verstehe ich sie schon, die verbissenen Trump-Gegner. Ich verstehe, dass man Trumps Visage nicht mag. Seine Frisur. Seine Eitelkeit. Seinen Protz. Und ich verstehe auch, weshalb die Medien gegen einen Mann zu Felde ziehen, der aussieht und sich benimmt wie ein Schurke. Seine Ähnlichkeit mit dem James-Bond-Schurken Goldfinger, gespielt vom unvergesslichen Gert Fröbe, kommt aus jenem archetypischen Bereich, wo Fiktion und Realität verschwimmen. Jedenfalls weiss man bei Trump sofort, dass er die Figur des Goldfingers nicht nur verkörpert. Er IST Goldfinger. Er IST ein Schurke. Und er hat da auch nichts zu verbergen. Trump braucht kein positives Image, das ihn "raushaut". Er braucht nichts, das ihn aufpoliert und ihn besser dastehen lässt, als er eigentlich ist. Und so kann er auf jeden Bonus verzichten. Und das muss er wohl auch. Er ist kein Hollywood-Liebling und Sonnyboy wie Reagan, kein Tankstellenwärter-Sohn wie Nixon, Trump ist keiner, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochgekämpft hat. Und er ist auch keine Kennedy-Kopie wie Bill Clinton. Er kann nicht Saxophon spielen, und er kann auch keine schönen Porträts malen wie George Bush junior. Trump kann überhaupt nichts. Ausser Golf spielen: ein Sport, bei dem sich auch die Dicken und Schwerfälligen sportlich fühlen dürfen. Ein Sport für die Komplexbeladenen, die reichen Säcke. Trump ist das dicke Kindergartenkind, das alle immer nur herumschubsen. Was macht dieses Kind? Es besucht einen Judo-Kurs, damit es sich wehren kann. Trump ist das dicke Kindergartenkind, das im Judo den Schwarzen Gürtel errungen hat. Trotzdem ist es immer noch das dicke Kindergartenkind. Trump zu mögen, ist relativ schwierig. Die meisten, die ihn mögen, mögen ihn nur, weil er kein Politiker ist. Und wenn er nun doch ein Politiker ist, dann wenigsten kein Politiker, der nach Sympathien heischt. Kein Blender wie Obama, der immer einen lockeren Spruch drauf hat - und nur ein bisschen in die Kameras grinsen musste, um den Friedensnobelpreis zu bekommen. Trump ist weder der coole Sprücheklopfer noch der Blender vom Dienst. Mit seinem Grinsen gewinnt er keinen Friedensnobelpreis. Mit seinem Grinsen gewinnt er nicht mal einen Blumentopf. Und dass man sein Grinsegesicht an Halloween überall als Gruselmaske antrifft, trägt auch nicht unbedingt zu einem besseren Image bei. Macht nichts. Ein positives Image, das man nicht hat, kann auch nicht beschädigt werden. Trump muss niemandem etwas vorspielen. Trump ist einfach Trump, ein Unternehmer und Dealmaker, bei dem immer irgendetwas am Dampfen ist. Sein Freund ist, wer ihm die Hand schüttelt, und sein Feind ist, wer ihm eine blöde Frage stellt. Und diesbezüglich ist er ja kein Einzelfall. So wie Trump ist eigentlich jeder, der im Haifischbecken des Unternehmertums viel Geld verdient. Man stelle sich Elon Musk im Weissen Haus vor! Ein James-Bond-Schurke, der die Menschheit mit Gehirnimplantaten beglücken will und sich zu rüden Ausfälligkeiten hinreissen lässt, wenn ihm etwas nicht passt. Was Elon Musk und Donald Trump verbindet, ist ihre Unkonventionalität. Aufgrund ihres Reichtums können sie sich sehr viel erlauben. Sie haben sich eine gewisse Narrenfreiheit erworben. Und diese können sie nun auch gegen Mächte ausspielen, die grösser sind als sie selbst. Das erinnert mich ein bisschen an die Schule. Wir hatten in der Klasse einen ewigen Provokateur. Er war aufsässig und skrupellos, ein selbstverliebter Blödmann. Im Gegensatz zu uns anderen hatte er keinen Ruf zu verlieren, niemand mochte ihn, und seine Schulnoten konnten gar nicht mehr schlechter werden. Aber wenn es darum ging, gegen unbeliebte Lehrer Stunk zu machen, um irgendeine Erleichterung zu erzwingen, weniger Hausaufgaben oder so etwas, wurde er plötzlich zum Helden, denn er war der Einzige von uns, der es wagte, der Lehrerschaft die Stirn zu bieten. Mit Trump geht es mir ähnlich. Ich mag ihn nicht. Und eigentlich mag ihn weit und breit niemand. Aber das ist eben nicht der springende Punkt. Manchmal braucht man ein Monster, um ein Monster besiegen zu können. Manchmal muss man sich mit King Kong verbünden, um Godzilla besiegen zu können. 

 

Und dann ist da noch das Sternzeichen. Wenn ich bei Trump ein Auge zudrücke und Gnade vor Recht ergehen lasse, liegt es mit Sicherheit auch am Sternzeichen. Nach dem Skorpion ist der Zwilling der grösste Charakterlump am Sternenhimmel. Zumindest behaupten das die Astrologen. Mit diesem Sternzeichen hat man es wirklich nicht leicht. Es gibt immer zwei vom eigenen Ich, und nie weiss man, welches gerade am Zug ist. Zu meiner Ehrenrettung - ich habe fast am gleichen Tag wie Trump Geburtstag, aber nur fast - muss ich hinzufügen, dass ich im Aszendenten den Krebs und als Mondzeichen den Steinbock habe, was den Zwilling ein Stückweit neutralisiert. Deshalb bin ich auch kein Trump-Fan. Wäre es nach mir gegangen, wäre Trump nicht gewählt worden. Es wäre mir lieber gewesen, Bernie Sanders wäre gewählt worden. Andererseits hält sich mein Frust in Grenzen. Immerhin ist Hillary Clinton nicht gewählt worden! Grund zur Freude besteht also allemal. Das Schlimmste ist uns erspart geblieben. Und immerhin ist das ganze Trump-Theater mal etwas Anderes, eine weltpolitische Betriebsstörung, die man durchaus positiv sehen kann, selbst wenn man diesen Präsidenten für eine Fehlbesetzung hält. Das wirtschaftliche und ideologische Konstrukt einer neoliberalen Globalisierung wird durch Trump empfindlich gestört. Und ich meine: verdientermassen.

 

2017/18