Retten wir das Klima!

Die Jugendlichen, das Klima und die Grünen

 

Fragt man die Jugendlichen nach ihren Zukunftsängsten, rangiert der Klimawandel an erster Stelle. Politisches Engagement bedeutet für viele oder die meisten Jugendlichen, dass man "etwas dagegen tut", zum Beispiel auf Autofahren oder Fleisch verzichtet. Das ist verständlich. Die heutigen Umweltsünden müssen diejenigen ausbaden, die das Leben noch vor sich haben, und soweit es um Atommüll, Pestizide, Artenschutz, Landschaftsschutz und weitere Dinge geht, die im normalmenschlichen Einflussbereich liegen, kann man jugendlichen Idealismus nur begrüssen. Ich selber bin mit gutem Beispiel vorangegangen. Voller Idealismus und noch ziemlich grün hinter den Ohren habe ich beim Bund für Naturschutz jahrelang in den heissesten Sommerwochen Trockenmauern gebaut, damit die Eidechsen ein Zuhause haben. Und damit die Landschaften hübsch aussehen. Ausserdem gab es da eine Menge hübscher Naturschützerinnen, mit denen man im nächstgelegenen Naturteich ein Naturbad nehmen konnte.

 

Doch beim Klimaschutz kommt man mit diesem Denken an eine Grenze. Retten wir das Klima! Fangen wir mit einem Lasso den Mond ein! Auf der Basis von Theorien und Modellen die Menschheit retten zu wollen, ist nun wirklich nicht das schlauste Vorhaben. Tatsächlich (daran muss hin und wieder erinnert werden) ist die Klimafrage eine wissenschaftliche Streitfrage, die vieles offen lässt - und offen lassen muss. 66 Prozent aller Klimawissenschaftler relativieren den menschengemachten Klimawandel mit guten Gründen. Und "relativieren" heisst eben nicht "leugnen" oder "negieren". Es heisst, dass man Wahrscheinlichkeiten (Probabilitäten) errechnet. Kein Mensch kann behaupten, dass alle Klimawissenschaftler zum gleichen Resultat kommen, auch wenn der Weltklimarat - das Heilige Offizium der apokalyptisch argumentierenden Klimakirche ("Heiss, heisser, am heissesten") - dies pausenlos suggeriert. Wissenschaftliche Theorien und Modelle sind nicht in Stein gemeisselt. Sie sind verhandelbar. Darin liegt ein gewisser Unterschied zu den beiden Steintafeln, die Moses vom Berge Sinai herab gebracht hat. Und darin liegt auch die Diskrepanz zur aktuellen Klima-Debatte, in der man "Klimaleugner" gerne als Gesinnungstäter hinstellt, für die man nur deshalb keinen Scheiterhaufen aufschichtet, weil das Feuer zu viel CO2 freisetzen würde. Klar, nach dem gegenwärtigen Wissensstand ist es so gut wie sicher, dass es einen menschengemachten (oder vom Menschen zumindest beeinflussten) Klimawandel gibt. Was aber nicht heisst, dass jeder kritische Einwand verstummen muss. Hier fängt die Diskussion eigentlich erst so richtig an. Wie kann der Mensch mit seinen mickrigen 3 Prozenten CO2 überhaupt so viel Einfluss auf das Klima haben? Gibt es seriöse Klima-Modelle, die aus politischen Gründen nicht publik werden? (Persönliche Anmerkung: ja, solche Modelle gibt es). Und warum muss eine Klimaerwärmung - egal ob menschengemacht oder nicht - unbedingt als Katastrophe gelten? Ist ein stabiles Klima, das eine Norm vorgeben könnte, einen Richtwert für allfällige Abweichungen, nicht eine Illusion? Was ist denn das "normale" Klima? Was ist hier der Richtwert? Kein Klimaforscher hat das bis jetzt klar definiert. (Persönliche Anmerkung: die Klimaforschung setzt mittels Durchschnittswerten ein erstrebenswertes Klimaziel fest. Auf diese Weise erschwindelt sie eine Konstante. Seriös ist das nicht. Die Konstante c gibt es nur in der Physik). Und wenn es doch so etwas wie ein "normales", hypothetisch konstantes Klima gäbe: dürften Gletscher und Polkappen unter "normalen" Klimabedingungen überhaupt existieren? Sind das nicht die Überbleibsel der letzten, immer noch zurückweichenden Eiszeit? (Eine interessante Theorie!) Und ist eine Klimaerwärmung nicht vielleicht sogar etwas Positives? Wäre eine neue Eiszeit für die Menschheit nicht ungleich katastrophaler? Sämtliche Hochkulturen sind in WARMEN Klimaperioden entstanden, während KALTE Klimaperioden für Hungersnöte und Epidemien gesorgt haben.

 

Doch wie man solche Fragen auch immer beantwortet: den wachsenden Volkswirtschaften in Indien, China und Afrika dürfte es ziemlich egal sein, wenn bei uns ein paar Klima-Spinner heldenhaft an einer CO2-Bilanz herumdoktern, die im globalen Masstab kaum ins Gewicht fällt. Und die man sowieso niemals hinbekommt, weil das ganze Wirtschaftssystem unabänderlich in die andere Richtung läuft: mehr Mobilität, mehr Warentransfer, weitere Transportwege und immer neue "Kurzschluss-Innovationen" wie zum Beispiel Elektroautous, die bei weitem klimaschädlicher produziert und betrieben werden als normale Autos. Das alles gehört zur Globalisierung, wie sie nun mal abläuft. Ob man das gut oder schlecht findet, ist eine andere Frage. Das es aber so ist, wie es ist, müsste man zuerst einmal akzeptieren. Man darf es nicht ausblenden. Und vor allem müsste man akzeptieren, dass man den CO2-Ausstoss unter diesen Bedingungen unmöglich reduzieren kann. Wenn man das ernsthaft durchziehen wollte, müsste man am richtigen Ort ansetzen: bei der Globalisierung. Man müsste sie drastisch einschränken. Was die Grünen aber nicht im entferntesten anstreben, im Gegenteil. Sie wollen die "offene Gesellschaft" und machen keinen Hehl daraus, dass sie Protektionismus und Abschottung verabscheuen. Und so verfangen sie sich in einem Widerspruch, der ihnen früher oder später um die Ohren fliegen wird. Überhaupt strotzt die grüne Ideologie nur so von Widersprüchen. Es ist eine Ideologie der zu kurz gedachten Gedanken und der zu weit gespannten Moral. Eine Ideologie der kleinen Füsse und der grossen Schuhe, der kleinen Köpfe und der grossen Hüte. Nichts passt hier zusammen. Das fängt ja schon beim Privatkonto an. Diejenigen, die sich am vehementesten für den Klimaschutz einsetzen, sind in der Regel - sämtliche Untersuchungen belegen das - gutsituiert und können sich ein Umweltgewissen leisten. Daneben geniessen sie natürlich eine unbeschränkte Mobilität (die sprichwörtliche grüne Vielfliegerei) und lassen - durchaus im eigenen Interesse - die einzigen relevanten CO2-Sünder ungeschoren: den internationalen Schiffgüterverkehr und die Bauwirtschaft. Die grossen Klima-Killer gewähren lassen und den kleinen Leuten das Heizen verteuern: darauf läuft die grüne Politik hinaus. Doch welche Interessen verstecken sich hier? Natürlich Interessen, die mit der Globalisierung einhergehen. Nehmen wir als Beispiel die Bauwirtschaft, und richten wir dabei den Blick auf die Schweizer Politik. Das mit Abstand meiste menschengemachte CO2 entsteht in der Zementindustrie. Darüber reden die Grünen jedoch nicht. Und sie wissen auch genau warum. Im Vorfeld der Abstimmung über die SVP-Initiative "Gegen Masseneinwanderung" sind die Grünen sehr dezidiert für einen künstlich forcierten Bevölkerungszuwachs und infolgedessen auch MEHR Infrastruktur, MEHR Bautätigkeiten und MEHR Zementverbrauch eingetreten. Den Grünen geht es mit Sicherheit nicht um die Einsicht in sozioökologische Zusammenhänge. Ihnen geht es ausschliesslich darum, den kleinen Mann und die kleine Frau in die Pflicht zu nehmen. Es geht um Psychologie. Es geht um die Macht über die Massen. Es geht um Bevormundung: Autofahren böse, Fleischessen böse, Jutesäcke gut, Windkraft gut, Kohlekraft böse, Atomkraft böse. Die Grünen indexieren das Verhalten der Endabnehmer, Konsumenten und Wähler, indem sie es mit einer Moral verbinden. Nicht, wie das in meiner Jugendzeit noch der Fall gewesen ist, mit einer primarschultauglichen Alltagsmoral ("Keine Frösche überfahren"), sondern mit einer abstrakten, das normalmenschliche Vorstellungsvermögen weit übersteigenden Supersize-Moral, die eine Verantwortung für das Weltganze einfordert ("Den Klimakollaps in letzter Sekunde verhindern").

 

Mit Hilfe dieser Supersize-Moral zwingen die Grünen auch noch die banalste Entscheidung - für oder gegen Geschenkpapier, für oder gegen ein Haustier, für oder gegen Tauchferien auf den Malediven - ins Raster eines leitbildartigen Wohlverhaltens und gehen dabei weit über jede nachvollziehbare umweltschützerische Kausalität hinaus. Dadurch beschädigen sie das ökologische Hauptanliegen: die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Denn was die Grünen mit ihrer Supersize-Moral propagieren, anregen, aufs Tapet bringen, in den Raum oder zur Diskussion stellen, initiieren, einreichen, vorlegen, vorschlagen, einbringen, verfügen und anpreisen, hat einen auffälligen Hang zum Globalen, wo sich der Naturschutzgedanke im Abstrakten, Nebulösen und Ungefähren verflüchtigt bis zu völligen Auflösung. Das zeigt sich schon rein sprachlich. Hier geht es nicht mehr um ein paar überfahrene Frösche, sondern um den planetaren Kipppunkt im Klimasystem. Die drohende Irreversibilität. Was immer das auch ist. Jedenfalls klingt es ungeheuer wichtig. Schon rein sprachlich macht man das grösste Fass auf. Vom Gesellschaftlichen und Ideellen gar nicht zu reden. So wie gewisse Leute daran arbeiten, ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen, indem sie den GRÖSSTEN Topflappen häkeln oder die GRÖSSTE Pizza backen, arbeiten die Grünen daran, die Welt zu retten. Und die meinen das nicht mal ironisch! Sie kämpfen tatsächlich für das Weltganze und die Weltrettung, und es ist nicht auszuschliessen, dass sie damit früher oder später ins Guinness-Buch der Rekorde kommen, etwas Grösseres als die Weltrettung gibt ja kaum. Allerdings hat die Sache einen kleinen Haken. Angesichts der Wichtigkeit, der Dringlichkeit und des moralischen Gewichts dieser Mission kann man sich leicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eigentlich für die Katz ist. Was soll's. Auf den Glauben kommt es an! Die Begeisterung! Wieso nicht in den Vesuv hineinspucken, um es dem blöden Vulkan mal so richtig zu zeigen! Und so machen die Grünen ihre Supersize-Politik und fokussieren dabei die kleinen Entscheidungen der kleinen Leute. Und die grüngestrickten Sympathisanten ziehen munter nach. Dementsprechend "zu kurz gehüpft" sind denn auch die Ergebnisse. Ein Veggie-Day tut nichts zur Sache, wenn der Freihandel und seine lukrativen Fleischimporte nicht bekämpft werden. Den Braunkohle-Tagebau zu attackieren und europäische Kohlekraftwerke zu schliessen, ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze und Energiesicherheit, ist ein Schuss ins eigene Knie, nicht nur weil in China fortwährend neue Kohlekraftwerke in Betrieb gehen. Letztlich bewirkt dieser Übereifer nichts anderes, als dass man die Wirtschaft und die gesellschaftliche Stabilität aufs Spiel setzt und damit auch den einzigen wirksamen Beitrag, den Europa zur globalen Ökologie leisten kann: die Forschung. Mit ähnlichen Eigentor-Initiativen geht es dann weiter: eine CO2-Abgabe auf Heizöl oder Benzin ist völlig sinnlos, wenn jährlich Millionen Tonnen billig produziertes Tomatenpüree von China nach Europa verschifft werden. Den Individualverkehr als Klimakiller zu verteufeln, ist eine lächerliche Nullnummer, eine Art Sündenbock-Politik, wenn überall Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen. Biogemüse ist sinnlos, wenn die Agrar- und Lebensmittelindustrie davon profitiert, dass auch in unsern Breitengraden immer mehr Menschen in den Dumpinglohnbereich abrutschen und auf billiges Fabrikfutter angewiesen sind. Damit die grüne Traumwelt perfekt ist, muss man natürlich solche Menschen mit Öko-Abgaben belasten, bis vielleicht eines Tages eine Revolte ausbricht oder die Rechtspopulisten derart zulegen, dass auch der letzte linksgrüne Nostalgiker spürt, woher der Wind weht. Das gleiche Alibi-Theater im Natur- und Landschaftsschutz: je grüner die Ideologie, desto mehr Beton, desto weniger Landschaft. "Ballenberg-Schweiz" ist für die Grünen bekanntlich ein Schimpfwort. Wie auch "Heimat" oder "Heimatschutz". Die Grünen haben seltsamerweise nichts dagegen, dass die Wirtschaft das Mass der Migration und das Ausmass der Zersiedelung diktiert. Und schliesslich das linksgrüne Insistieren auf Political Correctness. Damit ersetzt man keinen Klassenkampf. Die soziale Ungerechtigkeit ist von dorther genau so wenig zu bekämpfen wie die ökologische Schieflage, die man nicht abkoppeln kann vom Neoliberalismus, auf den die Grünen paradoxerweise angewiesen sind, um ihre Machtpolitik durchzusetzen.

 

Klingt alles ein bisschen verschwurbelt, und das ist es auch. Ein verschwurbelt selbstwidersprüchliches Taktieren. Die grüne Moral verfolgt eine systematische Vermeidungsstrategie. Andererseits ist sie auch ein Herrschaftsinstrument. Und insofern ist sie eine Moral um der Macht willen. Das, was man Moralismus nennt. Moralismus ist ein Herrschaftsanspruch im Namen der Moral. Moralismus instrumentalisiert die Moral, braucht aber selber nicht moralisch zu sein, sondern kann sich im Namen der Moral über die Moral hinwegsetzen: die Logik des Jakobinismus. Darin sind die Grünen derzeit führend. Ihre Moral ist eine Moral der Selbstoptimierung. Wie auch der Selbstangleichung an das bestehende ökonomische Steuerungssystem, das die Grünen für ihre Zwecke übernehmen und perfektionieren. Insofern ist die grüne Moral durch und durch neoliberal. Die Parallelen sind offensichtlich. In beiden Bereichen gilt ein totales Optimierungsgesetz: individuelle Quantitäten (Leistungswerte und moralische Verdienste) werden exzessiv ermittelt und ausgewertet. Man braucht nur den Radio einzuschalten oder irgendeine beliebige Zeitung aufzuschlagen, und schon hört oder liest man das Wort "klimaneutral". Es gibt ein "klimaneutrales" Verhalten. Das Mass aller Dinge ist die "Klimaneutralität". Was davon abweicht, ist "klimaschädlich". Ein lebender Organismus tendiert, weil er Ressourcen verbraucht und allerlei Substanzen ausscheidet, grundsätzlich in Richtung "Klimaschädlichkeit". "Klimaneutral" ist genaugenommen niemand, nicht einmal ein Toter, weil der ja immer noch irgendwelche Gase freisetzt. Und so beginnt eine Abstufung der Wertigkeiten, eine quantifizierbare Moral, durch die man die ganze Lebenswelt in ein biopolitisch verwertbares Raster einfügen kann. 15 Hunde - kein Witz, das hat man tatsächlich berechnet - sind etwa so "klimaschädlich" wie ein Mensch. Wohingegen 2 Kinder etwa so "klimaschädlich" sind wie ein Erwachsener. Schäm dich, Mensch! Schämt euch, ihr Erwachsenen! Und da sieht man es wieder einmal: Hunde sind einfach die besseren Menschen! Das eben ist Moralismus: man rechnet alles moralisch gegeneinander auf. Dabei gelingt es den Grünen, dies auch noch als sexy zu verkaufen, indem sie sich der neoliberalen Taktik des Lifeloggings oder Self-Trackings bedienen. Auf einmal vermessen die reuigen Wohlstandsbürger wie wild ihren CO2-Fussabdruck - und speisen mit ihrem Marktverhalten, ihrem Superego (auch Über-Ich genannt) und ihrem intimsten Selbst ein transparentes Leistungs- und Belohnungssystem, das letztlich dem Kapital dient. Dank dem psychologischen Kniff der vorgespiegelten Selbstermächtigung muss man nicht mal Zwang ausüben. Die Menschen bilden sich ein, es sei alles zu ihrem Vorteil, und so optimieren sie sich freiwillig, wenn auch äusserst zwanghaft, weil der Zwang in der neoliberalen Gesellschaft verinnerlicht wird. Auf diese Weise machen sich die Grünen zur moralischen Wächterinstanz des Neoliberalismus. Ihre Moral ist eine Herrenmoral. Sie vertritt die kapitalistischen Interessen der Herrschenden und Besitzenden. Vom Prinzip her ist sie anti-emanzipativ. Sie will herrschen. Der Einzelne soll als Lebensschüler behandelt werden, dem man das richtige Verhalten anerzieht. Und natürlich auch den Selbstoptimierungsdrang. Und viele Menschen sind froh, wenn man sie diesbezüglich an die Hand nimmt. Denn wer möchte nicht ein guter Mensch sein! Im Öko-Hype reisst sich das liberale Bürgertum fast in Fetzen vor Begeisterung. Auf einmal ist es schick, sich zu kasteien. Tim Bendzkos "Muss nur noch kurz die Welt retten", ein nicht ganz unironischer Song über die Belanglosigkeit des heutigen Heldentums, bringt diese Art der gutbürgerlichen Selbstvergewisserung auf den Punkt. Man tut zweifellos das Richtige, wenn man grün wählt. Man rettet die Welt. Und zwar völlig unironisch, ohne Distanz. Was eben auch heisst, dass man mit der Strömung schwimmt. Und so schwimmen die Grünen obenauf. Ihre mediale Präsenz und die Art und Weise, wie sie den politischen Diskurs dominieren, zeigen fast schon exemplarisch, welche Macht der Moralismus entfalten kann, wenn es ihm gelingt, sich über jede Kritik zu erheben. Wer das Gute will und dies auch lautstark verkündet, steht natürlich von vornherein auf der richtigen Seite. Wer die Welt retten will, kann sich unmöglich irren. Und wer dieser Grundannahme widerspricht, ist dann zwangsläufig ein "Böser", respektive ein Rechtspopulist oder sonst ein Scheusal, weil er sich weigert, die Welt und die Menschheit zu retten. Weil er sich am hehren Ideal versündigt. Auch hier wieder die Logik des Jakobinismus Und wie immer, wenn sich die Moral zum Moralismus steigert, bleibt auch bei den Grünen die Vernunft auf der Strecke.

 

Und letztlich auch die Ökologie. Man zielt auf Kleinigkeiten - und verliert das Ganze aus den Augen. Ob ich für eine Mitgebsel-Tüte 10 Rappen bezahlen muss, ist für die Umwelt wie auch für mein persönliches Umweltbewusstsein völlig egal. Ob ich nach einem Ferienflug eine Woche lang im härenen Büssergewand den schrecklichsten Vegi-Frass in mich hineinstopfe, um meine CO2-Bilanz aufzubessern: völlig egal. Das Klima hält sich mit Garantie nicht an meine Privatbuchhaltung. Und meine Skrupel entspringen wohl eher einer Gehirnwäsche als einem ehrlichen Naturgefühl oder dem Bewusstsein meiner Verantwortung der Umwelt gegenüber. Alles nur Gewissenskosmetik, Mitmach-Theater fürs gemeine Volk. Was wir tun oder lassen, um unsere persönliche Öko-Bilanz zu frisieren, geht nicht über den Schein hinaus. Es ist ein totaler Selbstbetrug. Das individuelle Verhalten beeinflusst weder den Klimawandel noch die andern grossen Umweltprobleme. Wir verhalten uns wie in einer Glasglocke, völlig unberührt von der uns umgebenden wirtschaftlichen Komplexität, die nicht nur unser Konsumverhalten lenkt, sondern auch das, was wir tun, um ökologischen Anforderungen gerecht zu werden. Marx hat das ja schön herausgearbeitet: jedes Wirtschaftssystem strukturiert aus sich selbst heraus einen ideologischen Überbau, durch den es sich absichert. Der Glaube daran, dass der Einzelne mit seinen Konsumentscheidungen die grossen Dinge lenken kann, ist nun genau das, was man als Überbau bezeichnet. Es ist die Ideologie des herrschenden Wirtschaftssystems: Liberalismus als Freiheit des Individuums. Der Markt als Selbstregulation des Allgemeinwohls. In diesem Überbau versteckt und organisiert sich das ideologische Immunsystem, das die bestehenden Machtverhältnisse schützt. Und insofern liegt darin auch eine Täuschung. Die Grünen können dem System nicht gefährlich werden, weil ihre Opposition (zum Beispiel gegen die Autoindustrie) systemimmanent ist. Es ist eine Schein-Opposition. Gegen die Regeln des Liberalismus verstossen die Grünen nicht. Dadurch, dass der Einzelne seinen individuellen Entscheidungen eine ökologische Bedeutung zumisst, kann er noch besser manipuliert und ausgebeutet werden. Wollte man dem Einzelnen seine Marktmacht zurückgeben, müsste man genau das tun, was man nicht tun darf. Man müsste gegen die liberalen Regeln verstossen. Man müsste die nationale und regionale Selbstbestimmung stärken und eine einschneidende und schmerzhaft protektionistische Regulierung der globalisierten Märkte anstreben. Dabei müsste man natürlich auch die Finanzmärkte in die Zange nehmen. Leichter gesagt, als getan. Würde ein grüner Politiker auch nur im entferntesten so politisieren, sässe er morgen oder übermorgen schon nicht mehr auf seinem Politikerstuhl. Und der Parteiausschluss wäre ihm sicher! Wer eine wirksame Politik gegen die Globalisierung macht, sägt sich sehr schnell vom Ast ab, auf dem er sitzt. Da hört nämlich der Spass auf, da gibt es ernsthaften Gegenwind. Lieber hackt man auf dem kleinen Bürger herum, auf dem vermessbaren Konsumenten, auf dem täglich zu seinem Marktplatz tuckernden Markthändler, der die EU-weiten Bestimmungen für LkW-Fahrer nur mit Mühe einhalten kann, auf dem verzweifelten Landwirt, der mit den schärfsten Düngemitteln ums Überleben kämpft, auf dem gestressten Autofahrer, der an der roten Ampel den Motor nicht abstellt, oder dem Kohlekumpel, nach dem kein Hahn kräht, wenn er arbeitslos wird. Und so setzt man halt den Globalisierungskurs fort: mit ökologischen Vorzeichen, aber trotzdem im Sinne der Eliten. Ihnen darf es nicht wehtun. Das ist die oberste Spielregel. Wir, die Normalbürger, müssen mitspielen, und in der Regel tun wir das sogar gerne. Wer nicht mitspielt, ist ein Loser oder Absteiger, einer, der kein Engagement zeigt, weil das Verantwortungsgefühl in ihm erloschen ist. Wir wollen mitspielen, weil es uns eine gewisse Wichtigkeit verleiht. Ein soziales Prestige. Von uns hängt es ab, ob die Welt untergeht oder nicht! Von uns, von jedem Einzelnen von uns! In diesem solidarischen "Uns" oder "Wir" steckt der suggestive Trick, auf den wir hereinfallen. Man appelliert an eine Solidarität, die uns glauben machen soll, Eigensinn sei schlecht, Individualismus sei böse, Verweigerung eine Schande. Jeder Eiszapfen, der irgendwo auf der Welt abschmilzt, sollte jeden Einzelnen von UNS aufrütteln, damit eine Kollektivverantwortung entsteht, eine Geschlossenheit der Opferbereitschaft. Es ist die Art von Ethik, die der Herr seinem Knecht predigt. Oder der Offizier seinen Soldaten, bevor er sie ins Sperrfeuer schickt. Durch diese Ethik bekommt sogar noch der letzte Bünzli eine moralische Bedeutung, eine Wichtigkeit für das Weltganze. Und so spielen wir unser Theaterstück der kommenden Weltrettung. So tun wir Busse für unsere Umweltsünden. Und spielen uns als Weltretter auf. Dabei merken wir kaum noch, dass das alles nur gespielt ist. Und logischerweise merken wir auch nicht, wie lächerlich wir sind, weil wir das nicht merken. Wie hochmütig und dumm. Nicht genug damit, dass wir privilegiert sind: jetzt wollen wir auch noch Helden sein und die Welt retten! Wir, die ökobewussten CO2-Verächter mit der Feinstaub-Plakette am Revers, zeigen der ganzen Welt, wie es geht. Die Wahrheit hören wir natürlich nicht so gern. Die Menschen in Rumänien, Albanien, Griechenland, Indien, Südamerika und Afrika interessiert das grünökologische Luxusgewissen einer sich selbst hätschelnden europäischen Oberschicht einen feuchten Käse. Sie wollen Wohlstand. Alles andere ist für sie sekundär. Und im übrigen wollen sie einen Wohlstand, der auch bei uns immer ungleicher verteilt ist. Wenn überhaupt Privatpersonen, sind es eigentlich nur die Superreichen - also sicher nicht wir Normalbürger - die einen halbwegs relevanten CO2-Fussabdruck hinbekommen. Doch just die Superreichen sind es, denen die Klimahysterie gelegen kommt, weil sie damit die Ungleichverteilung des Wohlstands verschleiern können. Denn nicht wahr: klimaneutral ist niemand. Wir alle müssen ran. Wir alle müssen schauen, was wir konsumieren, essen, anziehen etc. etc. Wir alle müssen uns gemeint und angesprochen fühlen. Auch mein politisch uninteressierter Onkel, der eine magere Rente bezieht und CO2 für eine Spirituosenmarke hält, auch er muss wissen, dass er die Welt nur retten kann, wenn er sein Verhalten ändert. Wenn er in Zukunft auf seine geliebte Fleischpastete verzichtet. Zugunsten von Hasenfutter. So will es die grüne Doktrin. Und so will es auch die neoliberale Doktrin, die auf vielen anderen Gebieten (Migrationspolitik, Energiewende, Geldpolitik Schuldenpolitik etc.) das gleiche Prinzip schon durchgesetzt hat: die Allgemeinheit soll die Lasten und Risiken tragen. Und die Gewinne werden oben abgeschöpft. Unten soll die unbeschränkteste Solidarität und Opferbereitschaft herrschen. Und oben sahnt man ab, was das Zeug hält.

 

Angesichts der zunehmenden Ungleichverteilung wird das Öko-Theater umso absurder. Es ähnelt einem Bühnenstück von Ionesco. Trotz aller Komik ist es derart zum Verzweifeln, dass man täglich den berühmten Stossseufzer von Ionesco zitieren könnte: "Jesus ist tot, Marx ist tot - und ich fühle mich heute auch nicht ganz wohl!" Die wachsende Bedrohung durch die soziale Zerklüftung ist der Grund, weshalb das System sich absichert. Und weshalb es dazu auch die Ökologie einspannt. Was ziemlich raffiniert ist. Die Grünen geben sich ja gerne als Linke aus. Als Widerständler. Ein dialektischer Schachzug, den man nur durchschaut, wenn man Marx gelesen hat. Marx ist nämlich gar nicht tot. Er tut nur so. Seine Analyse trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf. Durch die marxistische Brille gesehen, sind es vor allem die Grünen, die Liberalen und die Sozialdemokraten, die den gegenwärtigen kapitalistischen Unterdrückungsmechanismus schmieren, ölen, stützen und verteidigen. Sie sind die diskursiven und materiellen Machthaber, die Klassenfeinde der Unterschichtler, die man heute nicht mehr Proletarier nennt, sondern "prekär Beschäftigte", "Wutbürger", "Nazis" oder "Assis". Das heisst: bei einer marxistischen Revolution müsste man die Grünen, die Liberalen und die Sozialdemokraten als Konterrevolutionäre an die Wand stellen. Nicht dass ich mir das wünsche. Ich hoffe immer noch, dass es nicht so weit kommt. Aber es ist schon so, dass hier eine unterdrückte Wahrheit schlummert. In unserm System sind diejenigen die Bösen, auf die man moralisch herabblickt und die man mit Sprechgeboten massregelt, wenn sie aus dem "uneigentlichen" Sprechen ausbrechen und etwas sagen, das man nicht sagen darf. Beispiele: "Blonde Tussen sind scharf." "Autofahren ist geil." "Der Islam ist böse." "Die Ausländer nehmen uns alle Jobs weg". "Roberto Blanco ist ein wunderbarer Neger." Schon immer hat die Klasse der Unterdrücker die Klasse der Unterdrückten moralisch gemassregelt und ihnen das "eigentliche" Sprechen verboten. Dass sich derzeit so viele grüne, linke und liberale Oberschichtsbürger als Sprach- und Gesinnungspolizisten aufspielen und dabei nie oder selten ein Wort über Armut oder die wuchernde Kapitalakkumulation verlieren, von der sie selber profitieren, bestätigt nur die Richtigkeit der Marx'schen Analyse. Entscheidend ist nicht, ob man sich dem linken oder rechten Lager zurechnet, sondern wo man sich in den bestehenden Machtstrukturen installiert hat. Eine Moral haben kann jeder. Aber nicht jeder sitzt beim Moralisieren am richtigen Ort. Wenn man das aktuelle politische Geschehen unter diesem Gesichtspunkt analysiert, stellt man fest, dass der linksgrüne Moralismus schon längst Teil des gesellschaftlichen Überbaus ist. Die von den systemtreuen Medien hochgepushte und hochgelobte ökologische Weltrettungsmoral dient den Mächtigen. Sie dient dem Kapital. Sie dient der Unterdrückung.

 

Um aber auf den Bühnenvergleich zurückzukommen: die Bühnenmechanik - das automatisierte oder heimlich gesteuerte System, das diese ganze Öko-Inszenierung vorschiebt, um nicht vom wütenden Mob angegriffen zu werden - entzieht sich unserm Einfluss. Wir tragen diese Bühne mit, indem wir sie benutzen, wir bespielen sie, aber sie ist eben nicht verhandelbar. Im aktuellen politischen Diskurs nennt man das "alternativlos". Das System hält uns gefangen. Und es läuft wie geschmiert. Der Stromverbrauch steigt unvermindert an. Und die Warenströme und Produktionsmethoden sind in einem Ausmass globalisiert, dass man kaum noch ein Produkt kaufen kann, das nicht auf mindestens drei verschiedenen Kontinenten produziert worden ist. Man rechne nach, wie viel CO2 ausgestossen wird, bis ein einziges Smartphone, ein einziger Rasierapparat, ein einziger Küchenmixer mit allen Bestandteilen und der ganzen Verpackung im Ladenregal steht! Und parallel dazu haben wir einen Konsum, der an allen Ecken und Enden gepusht wird. Alles rennt an die Wühltische, wenn der "Black Friday" ruft. Und die übrige Zeit im Jahr - es kann ja nicht andauernd "Black Friday" sein! - bestellt man bei Zalando und Co. jeden erdenklichen Klimbim, ohne auch nur einen Gedanken an die Transportwege zu verschwenden. Klimaschutz? Kein Problem. Das kann man andernorts wieder gutmachen. Beim sogenannten individuellen Wohlverhalten. Da kann jeder mitmachen. Sogar jemand wie ich, der sich seine Freiheiten ungern nehmen lässt. Ich verzichte einfach auf ein paar Flüge, die ich sowieso nicht machen will. Oder nicht machen kann, weil sie ausserhalb meiner finanziellen Möglichkeiten liegen. Dieses Jahr fliege ich zum Beispiel nicht nach Neuseeland, nicht nach Argentinien, und nach Taiwan fliege ich auch nicht. Ist das nicht grossartig? Ein dreifacher Verzicht! Das tut mir gut! Es entlastet mein Gewissen. So kann man aus der Gewissensentlastung eine akrobatische Übung machen. Das ist es, was uns die Grünen beibringen. Doch mit der Akrobatik ist es noch nicht getan. Was die Grünen so stark macht, ist der unfreiwillige dialektische Materialismus ihrer Moral. Die grüne Moral funktioniert nämlich nur ab einem bestimmten Level des Habens und Könnens. Diejenigen, die uns Askese predigen, sind oft auch diejenigen, die auf nichts verzichten müssen. Sie dürfen, aber müssen nicht. Sie können dies und jenes tun, weil es in ihren materiellen Möglichkeiten liegt, und just daraus beziehen sie das Bewusstsein einer moralischen Höherwertigkeit. Wer bei diesem Heimspiel der Privilegierten nicht mitmacht (mitmachen kann oder will), muss belehrt oder bekehrt werden. Einer dialektisch-materialistischen Logik folgt die grüne Moral insofern, als sie ihre Grundlage negiert und verschleiert: die neoliberale Ausbeutung. In einer neoliberalen Gesellschaft nimmt die Ungleichheit zu. Und immer mehr Menschen wären froh, sie könnten sich den Luxus leisten, auf etwas zu verzichten! So gesehen ist der grüne Weg der falsche. Über kurz oder lang führt er in einen Bürgeraufstand. Oder um es etwas altmodischer auszudrücken: in einen Klassenkampf.

 

Wie aber müsste eine grüne Politik aussehen, die nicht nur gerecht, sondern auch nachhaltig wäre? Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Ich bin kein Politiker, und ich sitze auch nicht im Nationalrat, wo man fürs Nachdenken und Klug-Dreinschauen jährlich 100'000 Franken Aufwandsentschädigung erhält. Trotzdem habe ich so ein gewisses politisches Gefühl. Es bezieht sich auf die Handlungsfähigkeit des Staates. Ja, wofür hat man denn einen Staat? Gute Frage. Grundsätzlich bin ich kein Freund von Paragrafen. Und am wohlsten ist es mir eigentlich, wenn ich vom Staat nicht bemerkt werde und nichts mit ihm zu tun haben muss. Er ist ein notwendiges Übel. Wie die Schule, das Militär, das Arbeitsamt, das Gefängnis und das Spital. Ich bin froh, wenn ich solche Institutionen nicht aufsuchen muss. Kein halbwegs normaler Mensch geht zum Vergnügen in die Schule, ins Militär, aufs Arbeitsamt, ins Gefängnis oder ins Spital. Der Ruf nach "mehr Staat", mehr Vorschriften und schärferen Gesetzen ist mir suspekt. Vor allem, wenn dadurch eine Art Disziplinierung erreicht werden soll. Wenn der Staat in die Rolle einer Gouvernanten gedrängt wird. Eines Erziehungsbevollmächtigten. Aber ebenso suspekt ist mir das blinde Vertrauen in Marktmechanismen. Im grünen Neoliberalismus versucht man beides miteinander zu verbinden, also Pech und Schwefel zusammenzubringen. Ein Prinzip, das man im Neoliberalismus immer wieder antrifft. Um aber auf die Funktion des Staates zurückzukommen: ich glaube nicht, dass es seine Aufgabe sein kann, das ökologische Wohlverhalten seiner Bürger zu erzwingen. Seine Aufgabe ist es doch eigentlich, die grösstmögliche Freiheit seiner Bürger zu gewährleisten. Damit diese Bürger in Freiheit herausfinden können, was das Beste für sie ist. Ein Wohlverhalten, das auf Zwang und Druck beruht, ist selten von Wert. Das sieht man ja auch bei Kindern. Klar, Freiheit ist nichts Abstraktes, von allem Losgelöstes. Sie hat immer ein Bezugssystem. Man ist frei in Bezug auf andere Menschen und vor allem in Bezug auf einen Bewegungsraum, einen Lebensraum, eine Umwelt, die es zu schonen gilt. Hier das richtige Mass zu finden, die Mitte zwischen individueller Freiheit und Umweltverträglichkeit, ist meines Erachtens eine Aufgabe, die nur der Staat erfüllen kann. Aber eben nicht dadurch, dass er alles Mögliche und Unmögliche vorschreibt und auf jede noch so kleine Umweltsünde eine Strafgebühr erhebt, damit die Leute sich richtig verhalten. Indem der Staat die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen in tausend Einzelfragen beschneidet, verfehlt er das Ziel, die grösstmögliche Freiheit zu gewährleisten. Der Zwang zum Verzicht, auch Verbot genannt, ist auch deshalb der falsche Weg, weil man damit das Wesen der Ökologie verkennt. Jeder Förster weiss, dass sein Wald nicht Schaden nimmt, wenn hie und da jemand darin herumstapft. Einen Verzicht oder ein Verbot braucht es hier nicht. Stapfen aber täglich Hunderte Leute durch den Wald, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die Forderung nach dem "Allheilmittel" des Verzichts, der Einschränkung und der Massregelung lenkt den Blick in die falsche Richtung. Nicht der Verzicht, sondern die Mengenrelation ist es, womit wir uns in der Ökologie zu beschäftigen haben. Würde sich der Staat dazu durchringen, das Bevölkerungswachstum zu regulieren, wäre das zwar noch keine Umweltschutzmassnahme. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Hier ist nämlich der archimedische Punkt für ALLE Umweltprobleme. Die ökologische Grundfrage lautet ja immer: wie viel Mensch erträgt die Umwelt? Genau diese Frage wird aber nicht tangiert, wenn man neoliberale Regeln - wie etwa "Wirtschaftswachstum um jeden Preis" - auf die Ökologie überträgt. Und damit den Souverän entmachtet zugunsten neoliberaler Biopolitik oder irgendwelcher Multis, die mit dem Öko-Label ihre Profite vergolden. Die Grünen politisieren im Sinne biopolitischer Reformen, die immer nur das Wohlverhalten des Einzelnen anstreben. Das heisst: seine Zurichtung für den Markt. So wird die Ökologie zum Lockmittel und Schamblatt eines ideologisch und moralisch getrimmten Marktverhaltens, das eben nicht für das richtige Mass sorgt. 

 

Nachhaltige Ökologie funktioniert anders. Sie berücksichtigt das richtige Mass. Ein einzelner Mensch kann auf einer Wiese spazierengehen, ohne diese Wiese zu beschädigen. Bei fünfzig Menschen funktioniert das nicht mehr so gut. Was der Einzelne tut oder nicht tut, hat hier keine Vorrangigkeit. Was er tun oder lassen soll - moralisch oder normativ gesehen - ist ja eigentlich erst die Folge der Menge an Menschen, die man der Wiese zumutet. Entscheidend ist daher die Zahl der Menschen, die die Wiese betreten (dürfen). Auf solche Zusammenhänge kommen die Grünen seltsamerweise nicht. Das Verhältnis oder Missverhältnis zwischen Raum und Menge, das man an einer Wandtafel jedem Primarschüler begreiflich machen könnte, ist für sie das Unbegreifliche schlechthin. Hier hat die grüne Weltsicht einen blinden Fleck. Während die Ecopop-Initianten und fast alle Natur- und Heimatschutzaktivisten, die in den Fussstapfen von Franz Weber unterwegs sind, das Verhältnis oder Missverhältnis von Raum und Menge - oder einfacher gesagt: die lebensräumlichen Relationen - mitbedenken und einkalkulieren, denken die Grünen weitab von solchen Kategorien. Sie denken kapitalistisch: nicht deduktiv, sondern induktiv. Sie setzen beim Einzelnen an, beim einzelnen Individuum, beim einzelnen Produkt, beim einzelnen Kaugummipapierlein, beim einzelnen Weiss-ich-nicht-was, und tasten sich von dort aus, ohne auch nur den geringsten Begriff von einem integralen Ganzen zu haben, in die Nebelwolke eines zukünftigen Utopias vor. Der Mensch ist für sie in erster Linie ein Wirtschaftssubjekt. Und als solches versuchen sie ihn "dranzukriegen". Sie versuchen in seinen Kopf einzudringen, um das ökologisch richtige Verhalten zu steuern. Die Wiese aus meinem Beispiel - eine unberührt blühende Magerwiese - würden sie gemäss ihrer induktiven Logik höchstwahrscheinlich mit einer Öko-Gebühr belegen. Jeder darf die Wiese betreten, sofern er sich von der ökologischen Schuld freikauft. Die Gebühr soll ihn zum richtigen Verhalten erziehen. Wer die Umwelt belastet, soll dafür bezahlen. Aber egal, wie er sich entscheidet, ob für den gebührenpflichtigen Wiesenspaziergang oder den Verzicht: sein Verhalten dient einer strikten Marktlogik. Diese kann rein marktwirtschaftlich sein oder - wie im Neoliberalismus üblich - staatlich gelenkt. Und egal, was die grüne Moral intentiert, letztlich sind es die Reichen, die am meisten davon profitieren. Diejenigen, die sich ein Umweltgewissen leisten können. Für beides - den Verzicht wie auch die gebührenpflichtige Würdigung der naturbelassenen Wiese - braucht man Geld. Wer knapp über die Runden kommt, hat mit Sicherheit kein Interesse an einer Öko-Strafgebühr. Also bleibt er der Wiese fern. Aber eben nicht willentlich, nicht im Sinne eines Verzichts, sondern weil er dazu gezwungen ist. Und hier wird es nun wirklich wunderbar grün. Das heisst: absurd. Wer auf das Betreten der Wiese willentlich verzichtet, kann sich damit brüsten, ein moralisch höherwertiger Mensch zu sein. Und wie das bei denen ankommt, die die Wiese nicht betreten können, weil ihnen das Geld dazu fehlt, kann man sich ja denken! Womit das Mass des Absurden noch lange nicht erschöpft ist. Selbstverständlich haben die Grünen ein Interesse daran, möglichst viele Menschen auf die Wiese zu locken. Öko macht sich bezahlt! Auch wenn es sich hier um den umgekehrt reziproken Fall zu einem ökologisch sinnvollen Tun handelt. Hauptsache, es steht "Öko" drauf. Und so werden die geschäftstüchtigen Grünen wahrscheinlich den Naturschutzaspekt "aus Gründen der Profitabilität" ein Stückweit zurückschrauben - gerade so weit, wie das ökologisch noch zulässig ist - und auf der Wiese ein Karussell und eine Vegi-Würstchenbude aufbauen. Das Ergebnis: eine Öko-Wiesenparty für die Reichen und Privilegierten! Mit sprudelnden Einnahmen! Und einem marktkompatiblen Öko-Ideal, das die Wiese zwar nicht völlig verschandelt, aber das "richtige Mass" dann doch irgendwie strapaziert und die Gesellschaft spaltet. Und Letzteres ist denn auch das Einzige, was man an der grünen Politik als nachhaltig bezeichnen könnte.

 

Der innere Widerspruch dieser Politik liegt auf der Hand. Und nein, eine Umverteilung der Öko-Einnahmen auf die Allgemeinheit beseitigt ihn nicht. Der Zutritt muss limitiert bleiben. Ein Massenauflauf wie in Woodstock würde die Wiese zerstören. Und so bleibt der innere Widerspruch auch dann bestehen, wenn der Neoliberalismus Zugeständnisse an die soziale Gerechtigkeit macht. Den Hebel für einen gesellschaftsverträglichen Naturschutz muss man woanders ansetzen. Der Staat müsste - nötigenfalls über wirtschaftliche Interessen hinweg - Einfluss auf die demografische Entwicklung nehmen. Die scherzhaft abgewandelte Grundfrage wäre: wie viele Menschen passen in einen Schuhkarton? Dass die Bevölkerungsdichte (Populationsdynamik durch Zuwanderung, Geburten etc.) keine Rolle zu spielen hat, wenn es um ökologische Anliegen geht, ist ideologische Augenwischerei. Da erweist sich die grüne Politik als ziemlich ungrün, wenn nicht sogar als betongrau. Man will die schrankenlose Migration, weil man ein guter Mensch ist, der die offenen Grenzen befürwortet. Und weil man natürlich auch die wirtschaftlichen Vorteile des Turbo-Liberalismus erkennt, zumindest für das eigene Portemonnaie. Aber mehr Menschen in einem Raum XY, der nicht vergrössert werden kann, bedeuten dann eben auch auch, dass die Umwelt grösseren Belastungen ausgesetzt ist. Etwa durch die Zunahme baulicher Infrastrukturen, die eher grau als grün sind und immer mehr Landschaften verschlingen, verschandeln und zerstückeln. Aber nicht doch! beruhigen uns die Grünen. Wir bauen ökologisch! Wir schonen die Landschaft, wo wir können. Wir bauen verdichtet! Und wenn wir die Landschaft trotzdem ein bisschen verschandeln, tun wir das durchwegs ökologisch. Mit grünen Flachdächern, auf denen die Störche balzen. Wir setzen auf Nachhaltigkeit: neue Materialien, neue Technologien, neue Bau-, Lebens- und Wohnformen. Das grüne Credo klingt bestechend. Es klingt nach Zukunft, und in der Zukunft ist bekanntlich alles möglich und machbar. Was diesen Zukunftsoptimismus allerdings etwas entzaubert, ist die Tatsache, dass er sich auf die gelösten Probleme bezieht - und nicht auf die anstehenden Probleme. Was die Grünen hier vorhaben, ist einfach die Weiterführung dessen, was sie in der Vergangenheit geleistet oder angeregt haben. Doch damit kommen sie nun definitiv an die Grenzen ihres Paradigmas. In den letzten siebzig Jahren hat sich die Bevölkerung der Schweiz nahezu verdoppelt. Gleichzeitig hat man die gravierendsten Umweltprobleme (Luft- und Wasserverschmutzung) durch Filtersysteme und andere gezielte Massnahmen lösen können. Insofern haben die Grünen Recht. Es gibt eine fortschrittliche Umwelttechnik. Und sie wird auch weiterhin Fortschritte erzielen. Schadstoffe, Emissionen, Abfälle: das alles wird man in den Griff bekommen. Auch wenn man da ein bisschen mogeln muss: bekanntlich exportiert die EU ihren ganzen Elektroschrott - nebst vielen anderen Sonderabfällen - nach Afrika. Aus den Augen, aus dem Sinn. Hauptsache die Ökobilanz stimmt. Und so kann man die Vorteile der Globalisierung auf vielfältige Weise nutzen. Das wiederum ist ein anderes Kapitel grüner Politik. Es passt aber zum Ganzen. Es zeigt sehr deutlich, dass das grüne Paradigma versagt. Die grüne Politik steuert geradewegs in eine Sackgasse hinein. Was man durchaus wörtlich verstehen kann. Laut den Grünen spielt die Zuwanderung bei der Beurteilung von Umweltschutzfragen keine Rolle. Dabei ist die Umwelt immer auch eine räumliche Sache. Sie hat eine Ausdehnung. Sie ist das, was uns Platz bietet. Lebensraum. Die Frage ist nun die: lässt sich der Platzmangel kompensieren, indem man überall in die Höhe und in die Tiefe baut? Indem man die Menschen wie Batteriehühner behandelt? Oder wie Kaninchen? Wieso will man bei den Menschen Lebensbedingungen einführen, die man bei Tieren ablehnt und bekämpft? Ist es nicht verrückt, dass man auf Fleisch verzichtet und auf strengen Tierschutzauflagen pocht, aber andererseits die Menschen einer planmässigen Vermassung zuführt und den Konzernen, die das ausnützen, den Stellhebel für grössere Gewinne gibt? Hier sieht man, wohin das grüne Paradigma führt, wenn es konsequent umgesetzt wird. Es führt zu einem Szenario, das an den Rollentausch im Film "Planet der Affen" erinnert. Ein Zoo für die Menschen, Freiheit für die Tiere. Deshalb muss man die Grünen zurückpfeifen, bevor es zu spät ist. Bevor uns die Affen einsperren. Bevor sie Kohle mit uns machen!

 

Aber Spass beiseite. Es könnte durchaus sein, dass Sloterdijks Menschenpark Wirklichkeit wird - und wir uns in nicht allzu ferner Zukunft in einer futuristischen Korrektsheitswelt wiederfinden: als verhaltenstechnisch abgerichtete Untertanen eines Öko-Regimes, das den Kollektivismus der Ameisen für menschengemäss hält. Was diesem Zukunftsprojekt den Boden bereitet, ist nicht eine "Zurück-zur-Natur"-Philosophie. Tatsächlich gibt es unter den Grünen bemerkenswert wenig Aussteiger, Outdoor-Menschen, Survival-Spezialisten, Wurzelmannli-Typen und andere Halbwilde, die meisten Grünen überstehen ohne ihren Laptop und das Aufladekabel keinen einzigen Tag. Und wehe, es ist kein Kaffeeautomat in der Nähe! Was ihnen in die Hände spielt, ist nicht eine grün-esoterische Rückbesinnung auf Kräutermedizin und Lendenschurztänze, sondern die rasant voranschreitende technische Entwicklung. Paradoxerweise genau das, was uns immer weiter von der Natur wegführt. Nicht nur von der wildwüchsigen Natur im engeren Sinne, sondern von allem, was man als analog bezeichnen könnte. Wo können die Dinge noch ein heimliches Eigenleben führen, indem sie rosten, schimmeln, sich abnützen - oder sich sonstwie menschlichem Zutun verweigern? Wo darf das noch sein? Diese Verweigerung mag hie und da lästig sein. Doch daneben ist sie vor allem ein Stück Freiheit, risikobehaftet, versteht sich, aber eben auch von unschätzbarem Wert. Hier gibt es noch Freiräume, die nicht restlos durchgeplant und durchgetaktet sind und die sich der allumfassenden Datenanalyse und der biopolitischen Nutzbarmachung und Kalkulierbarkeit unseres "Humankapitals" entziehen. Was an uns noch frei und human ist, hat im wesentlichen mit den Restbeständen unserer herkömmlichen analogen Existenz zu tun. Zum Beispiel mit dem Bargeld. Oder mit dem unaufgeräumten Estrich und seinen verborgenen Flohmarktschätzen. Oder mit der mechanischen Maschine, die ab und zu klemmt, die wir aber wenigstens noch selber reparieren können. Oder mit dem unverkauften Brachland, auf dem die Kinder Fangen und Verstecken spielen. Oder mit dem Kaminholz, das wir mit dem Gefühl, eine wichtige Arbeit zu tun, in Brand setzen - und das uns glücklich macht, obwohl es manchmal unangenehm qualmt. Oder mit der Küchenschabe, die wir mit einem Pantoffel zerquetschen, wohl wissend, dass wir ein Leben auslöschen. Oder mit dem Jäger, der die Wildsau schiesst und "aufbricht" und sich dadurch intensiver und ehrlicher mit dem Leben auseinandersetzt als der tierschutzethisch motivierte Jagdgegner, der sich hinter seinem Schreibtisch verschanzt. Und analog ist schliesslich auch der Wind, der durch eine Mauerritze in die Wohnung hineinpfeift - und damit gegen die Energiesparverordnung für Hausbesitzer verstösst. Das Analoge ist das, was wir physisch und sinnlich erfahren, weil es zur Kontingenz unserer biologischen Ausstattung gehört. Wir essen, trinken, scheissen, furzen, pissen, kotzen, rotzen, schwitzen und atmen analog. Rülpsen, Niesen, Husten, Keuchen, Schluckauf: alles analog. Andererseits ist das Analoge derart beschränkt, dass man es ständig überschreitet. In Richtung Metaphysik, in Richtung Imagination. Schlafen kann sehr virtuell sein, vor allem wenn wir träumen. Essen kann sehr virtuell sein, vor allem wenn das Auge mitisst oder den begehrten Schmaus durch das Anschauen schöner Bilder antizipiert. Fast nur virtuell ist die Pornografie, ein reines Hirngespinst, - und leider auch die Liebe, die in ihrem Schwebezustand zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt einen virtuellen Zwischenraum ausfüllt. Vielleicht ist sie sogar das Virtuelle schlechthin, davon zeugt die Liebesbriefkultur, aber auch das Internet. Für den Flirt bietet sich das Internet geradezu an, und die Fernliebe funktioniert in der Regel recht gut. Je ferner, desto besser. Wenn es dann aber zur Sache geht, befinden wir uns sofort wieder im analogen Bereich, der immer auch der körperliche ist. Wir kleiden uns analog, kämmen und rasieren uns analog, schneiden unsere Haare und Fingernägel analog, und auch die weibliche Periode ist dem Vernehmen nach ziemlich analog. Von der Schwangerschaft gar nicht zu reden. Die Geburt erfolgt analog, selbst wenn es sich um einen kleinen Bill Gates handelt, und Säuglinge werden nicht am Computer gestillt, sondern an den Brüsten. Überhaupt sind Kinder von klein auf extrem analog, absolut nicht kompatibel mit egal welchem Betriebssystem, egal welcher Software. Vergeblich der Versuch, die vollgemachten Windeln im Windows-Papierkorb zu entsorgen. Auch Krankheiten sind - trotz Computerviren - ein analoges Phänomen. Wie auch die Altersbeschwerden. Und wenn unser letztes Stündlein geschlagen hat, verfault unser Körper so analog, wie er gelebt hat. Das Analoge ist das, was uns ausmacht, was uns mit den Lebensgrundlagen verbindet, und selbst noch die vielen scheinbar abstrakten Zeichen, Spuren und Vorgänge im Internet - Texte, Bilder, Videos, Zahlen - beruhen auf Fingern, die zählen können, auf Stimmen, die sprechen können, und auf den Bewegungsabläufen des realen Lebens. Ist das Analoge der Naturzustand, so ist das Digitale dessen Nachbildung auf der Basis berechenbarer virtueller Systeme. Im analogen Leben ist nicht alles so berechenbar. Wer spricht, kann heiser werden, wer mit den Fingern zählt, kann sich verzählen, weil die Finger bei zehn aufhören, und reale Bewegungsabläufe führen nicht selten zu realen Hals- und Beinbrüchen. Das Analoge ist das, was nicht restlos verfügbar und kontrollierbar ist, was häufig ungeplant oder ungewollt passiert, was passieren kann, aber nicht muss, und was dem Leben letztlich Tiefe, Würze und Farbe verleiht. Und es ist auch das, was uns zunehmend abhanden kommt. Durch die stärkere Beanspruchung der Umwelt und die Forderung nach einem möglichst umfassenden Sicherheitsdispositiv und möglichst umfassenden Umweltstandards drängen wir das Analoge immer weiter zurück. Und mit ihm auch die Natur. Wenn man sich anschaut, in welchem Kontext und mit welchen Absichten neue Technologien eingesetzt werden, wird einem schnell mal klar, wohin die Reise geht. Die Idee des verdichteten Bauens (Kaninchenstall-Philosophie) verbindet sich oft mit dem Versprechen neuer "sauberer" Technologien. Man könnte auch sagen: mit dem Versprechen totaler Sterilisation. Dank der Problem-Weg-Beam-Maschine werden wir vielleicht bald alle Probleme wegbeamen können. Was nicht sauber ist, wird per Knopfdruck wegsterilisiert. Moralismus auch auf technischem Gebiet, Reinheit über alles. Das Paradoxe an den Grünen besteht darin, dass sie gezielt darauf hinarbeiten, die analoge Erfahrungswelt des Natürlichen aus dem Alltag zu verdrängen. Je grüner die Politik, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass wir in eng umzäunten und streng verwalteten habitablen Zonen leben müssen, unter der Glasglocke einer Biosphäre, die die Natur vor uns schützt - und uns vor der Natur. Für diese Entwicklung gibt es schon deutliche Anzeichen. So empfehlen die Grünen neuerdings, nur noch Christbäume aus Plastik in die Stube zu stellen. Aus Klimaschutzgründen. Ökologisch sei es unverantwortlich, für jeden Privathaushalt ein echtes naturgewachsenes Bäumchen zu fällen. Was lernen wir daraus? Je mehr Naturschutz, desto weniger Natur. Je grüner die Gesinnung, desto mehr Künstlichkeit, Zwang und Sterilität. Was uns die Grünen vermitteln und beibringen, ist nicht die Naturaneignung, sondern die Naturaustreibung, nicht die Naturharmonie, sondern die Naturfeindlichkeit, nicht die Nähe zur Natur, sondern die Naturentfremdung und Naturverachtung in Form einer systematischen Natur-Neutralisation. Im Innersten sind die Grünen Manichäer. Sie hassen die Natur und alles Natürliche. Deshalb wollen sie geschlechterneutrale Toiletten und Christbäume aus Plastik. Der Christbaum aus Plastik karikiert die Natur, aber repräsentiert sie nicht. Er ist kein Natursymbol. Durch ihn wird die Natur, auf die sich das Symbol des Christbaums bezieht, mit einer neuen Bedeutung aufgeladen. Die Natur erscheint auf einmal als etwas Nicht-mehr-Vorhandenes. Das Zeichen - gerade weil es sich um ein Imitat handelt, eine Augentäuschung - verweist nicht mehr auf die Natur, sondern auf die Künstlichkeit eines Natur-Konstrukts, das genauso verfügbar wird wie das entnaturalisierte, sozial konstruierte Gender-Geschlecht. So stellt man die Natur in die Sphäre des Abstrakten und Rechnerischen. In die Sphäre der ökologischen Hausbuchhaltung. Damit führen die Grünen die Ökologie auf die ursprüngliche Wortbedeutung zurück. Das griechische Wort "Oikos" bedeutet nämlich "Haus" oder "Behausung". Freilich wäre das in der grünen Umsetzung eher eine Art Gefängnis, ein Menschenpark. Hier  zeigt sich, wie stark sich die grüne Ideologie gewandelt hat. Früher träumten die Grünen vom Kompostieren, von der Selbstversorgung und der naturbelassenen Magerwiese. Der Technik gegenüber waren sie eher skeptisch, und in moralischer Hinsicht zielte das grüne Grundbestreben auf die antiautoritäre Freiheit des Individuums. Inzwischen hat sich das alles um 180 Grad gedreht. Heute träumen die Grünen nur noch ganz selten von blühenden Wiesen, die nach Naturgülle duften. Weitaus öfters träumen sie von künstlichen Christbäumen made in China, von der Problem-Weg-Beam-Maschine, von autoritären Klimanotstandsgesetzen, vom ökologischen Menschenpark und der totalen Sterilisation. Diese Ambivalenz steckt übrigens auch in der Farbsymbolik. Grün steht ja nicht nur für Natur und Natürlichkeit, sondern auch für Gift, Widernatürlichkeit und Blödheit. Und vor allem auch für Falschheit. Im Mittelalter stellte man sich den Teufel in einen grünen Rock gekleidet vor. Grün als Tarnfarbe: das funktioniert heute noch.

 

Damit will ich nicht sagen, dass die Technik böse sei. Nichts gegen technische Lösungen. Punktuell lässt sich da einiges machen. Im Ganzen aber stehen wir vor Problemen, die kein Erfindergeist lösen kann. Die Schrumpfung der Umwelt. Die zunehmende Normierung des menschlichen Verhaltens. Die soziale Ungleichheit. Und es stellt sich natürlich die Frage, ob die Technik in unserm Wirtschaftssystem nicht zum Selbstläufer wird. Zum stur programmierten Laufband für die hechelnden Konsumenten und Leistungsträger. Ist das ökotechnisch Neuste und Allerneuste - vom Ultrahochleistungfaserbeton bis zum solarbetriebenen Eierkocher -  nicht eine geschickt geschnürte Mogelpackung? Zielt der ständige Innovationsdruck, so edel die Absichten im Einzelnen auch sein mögen, nicht vorwiegend darauf ab, die Menschen in ein wirtschaftskonformes Korsett zu zwängen? Anscheinend müssen wir ums Verrecken in eine grünökologisch getrimmte Massentierhaltung hineingetrieben werden, durch die man die Doktrin des ewigen Wirtschaftswachstums mit dem ökologischen Normativ in Übereinstimmung bringen kann. Auch wenn die Grünen und ihre Sympathisanten das nicht wahrhaben wollen: wir steuern da auf etwas sehr Fragwürdiges zu. Und es ist keineswegs alternativlos, Umweltschutz hin, Klimaerwärmung her. Es ist gewollt, obwohl es von den Wirtschaftsmächtigen als Naturtatsache hingestellt wird. Es entspringt einem ideologischen Vorsatz, einem ideologischen Bauplan. Und es ist eine Unverschämtheit. Weil es so lautstark propagiert wird, und zwar ausschliesslich von oben. Im Tonfall einer Belehrung, die sehr leicht durchschaubar ist. Als wäre der ökozertifizierte Kinderspielplatz sinnvoller als die Wiese hinter dem Haus, auf der wir vor vierzig Jahren gespielt haben. Klar, wenn es halt keine Wiese mehr gibt, weil man das ganze Land überbaut hat - gewissen Schätzungen nach liegen in der Schweiz etwa 20 Prozent aller Gebäude ausserhalb der ausgewiesenen Bauzonen, was nicht nur mit den föderalistischen Strukturen zusammenhängt, sondern auch mit dem Profitstreben - muss halt ein Öko-Kinderspielplatz her! Es ist alles zu unserm Besten. Öko macht happy. Mit Öko holt man sich die heile Welt, die man jahrelang zubetoniert hat, dem Schein nach wieder zurück. Wenn da keine Freude aufkommt! Vielleicht ist das eine oder andere ja sinnvoll, was da als Öko angepriesen wird, aber die Freude über so viel Vorsorge und Umsicht fühlt sich dann doch etwas schal an. Denn das Öko-Label ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Kompensation, ein Natur-Ersatz. Das Natürliche muss nicht als "Öko" gelabelt werden: es versteht sich von selbst. Sobald aber die Natur kaputt, verscheucht oder zubetoniert ist, braucht man eine Öko-Kulisse, um über den Verlust hinwegzutäuschen und das beunruhigte Gewissen zu beruhigen. In genau dem Masse, wie es keine Natur mehr gibt, wird alles systematisch auf Öko gebürstet. Und plötzlich merkt man, was man an der Natur eigentlich hat - und dass sie ziemlich lukrativ sein kann! Freilich geschieht das nicht nur im Öko-Bereich. Dass uns ständig eine Ersatzbefriedigung angedreht wird, ist ein marktwirtschaftliches Prinzip - und vielleicht der wichtigste Motor des Wirtschaftswachstums. Die Kehrseite davon ist der Verlust, die Entfremdung. Der marktwirtschaftliche Optimierungsdauerlauf ist ja wahrlich nichts Attraktives. Für die meisten ist er eine Zumutung. Nicht nur weil er den Leerlauf zum Prinzip macht, sondern vor allem auch deshalb, weil man kein Marxist sein muss, um zu kapieren, wer dieses Hamsterrad installiert hat. Und mit welchen Absichten. Wenn ich innerhalb von zwei Jahren drei neue Router bekomme, damit mein Telefon und mein Internet auf dem jeweils neusten Stand der Datenübertragung und des Networkings die optimale Leistungsfähigkeit gewährleisten können, ist der Verdacht relativ naheliegend, dass es gut organisierte Gruppen gibt, die kräftig davon profitieren: Aktionäre, Manager, Consulter und Entwickler. Mir selber bringt das nichts. Ich merke keinen Unterschied. Ein Router ist für mich wie der andere. Ich bin einfach der Depp, der dazu gezwungen wird, dreimal innerhalb von zwei Jahren einen neuen Router zu installieren. Und selbstverständlich muss ich das selber machen. Es ist meine Zeit, die ich da investiere. Deshalb muss man hin und wieder an das Beharrungsvermögen des Souveräns erinnern. Um nicht zu sagen: des Volkes. Wir müssen wieder lernen, Sand im Getriebe zu sein. Wir müssen uns stur stellen. Oder auch blöd stellen. Aber auf keinen Fall dürfen wir gefügig sein - und uns zu den Blöden machen lassen, die man die ganze Zeit gängelt und antreibt. Keine Denkfabrik, keine Hochschule und kein Wirtschaftszirkel darf eine Gesellschaft umformen, umformatieren oder auf ein bestimmtes Ziel hinlenken. Zumal in einer Demokratie. Wenn eine Elite dergestalt den Kurs vorgibt und dabei auch noch die geschichtliche und mentale Dimension ignoriert oder offen anfeindet, ist der Knatsch in der Regel programmiert. In Bezug auf Gemeinschaften - seien das nun Länder oder Regionen - gibt es so etwas wie Traditionen und ein kollektives Bewusstsein dessen, was man ist oder hat. Oder woher man kommt. Und die Schweiz ist eben nicht Tokio oder Singapur. Um die Grundfrage, wie dicht ein Land bevölkert sein darf, damit die Lebensqualität mit den jeweils verlangten Naturräumen erhalten bleibt, kommt man nicht herum. Diese Grundfrage verschleiern und verwedeln die Grünen mit falschen moralischen Argumenten und falschen technologischen Versprechungen. Wenn es nach den Grünen ginge, wäre die Schweiz schon längst ein auf Hochglanz poliertes Öko-Hightech-Paradies mit ungefähr 50 Millionen Einwohnern. Allerdings ohne Natur. Und so siegt die grüne Moral über die Vernunft. Und letztlich auch über die Ökologie.

 

Dabei wäre Ökologie durchaus eine Sache, die man mit Vernunft betreiben könnte. Tatsächlich gibt es berechtigte Umweltschutzanliegen, und natürlich wäre es sinnvoll, die Verbrennung fossiler Stoffe einzudämmen. Nicht nur aus Klimaschutzgründen. Und hier zeigt sich denn ein weiterer Schwachpunkt im Weltbild der Grünen. Nicht nur, dass sie einem selbstgefälligen Moralismus verfallen sind und mit frischgrünem Übereifer biopolitische und neoliberale Herrschaftstechniken unterstützen und adaptieren. Nun kommt auch noch das Klima hinzu, ein Thema, das an Diffusität und Komplexität kaum zu überbieten ist. Ein Thema, das sich für Fehleinschätzungen, Missverständnisse, melodramatische Rhetorik und quasi-religiöse Überhöhung geradezu anbietet. Mit diesem neuen Angelpunkt grüner Selbstlegitimation entsteht eine fragwürdige Symbolpolitik. Seien wir ehrlich: wer den Anspruch hat, auf der Grundlage irgendwelcher Klimaberechnungen die Menschheit zu retten, ist entweder nicht ganz dicht oder macht Symbolpolitik. In der Praxis und bei Lichte besehen ist die sogenannte Klimapolitik ein massenmedialer Popanz. Die Verengung der Wahrnehmung auf das Klima erzeugt eine politische Themensetzung, die an die Schildbürger erinnert. Selbst die Kuhfürze werden zu einem breit diskutierten Politikum, sobald ein Grüner sie als klimaschädlich einstuft, und so kommt es, dass beim Klimaschutz die Prioritäten oftmals im Bereich des Absurden liegen. Und dass die wirklichen Umweltprobleme aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Dazu gehören auch Bedrohungen und Risiken, die jedes Erderwärmungsszenario in den Schatten stellen. Das Mahnmal der nach wie vor grössten Umweltgefahr kann man in Tschernobyl besichtigen. Klar, da haben wir scheinbar die richtigen Konsequenzen gezogen. Aber eben nur scheinbar. Wenn wir unsere eigenen AKWs abschalten, ist auch DAS dem grünen Moralismus geschuldet: eine trügerische Alibi-Massnahme. Populismus auf unterstem Niveau. Eine Weigerung, reinen Wein einzuschenken und den Tatsachen in die Augen zu blicken. Denn die Abhängigkeit von Atomenergie bleibt unverändert bestehen. Noch immer gibt es keine erneuerbare Energie, die den steigenden Strombedarf zuverlässig, d.h. witterungsunabhängig decken könnte. Und das ist auch der Grund, weshalb weltweit ständig neue AKWs ans Netz gehen. England, Frankreich und Russland übertreffen sich gegenseitig mit der Planung superleistungsfähiger Mammut-Atomkraftwerke. DAS ist die Zukunft. Unterdessen basteln wir an Windrädern herum, in die wir am Ende noch selber hineinpusten müssen, weil der Wind nicht mitmacht. Was aber eigentlich egal ist: unser Strom kommt zum Glück aus der Steckdose.

 

Und auch das dürfen wir nicht vergessen: während die Öffentlichkeit wie gebannt aufs Klima schaut, stellen sich die Atommächte in aller Heimlichkeit neu auf. Die nuklearen Waffenarsenale sind bald wieder auf dem Stand des Kalten Kriegs. Und kein Mensch spricht darüber! Stattdessen hechelt man auf allen medialen Kanälen der Klima-Thematik hinterher und füllt die tägliche Primetime mit alarmistischen Meldungen über godzillaartige Attacken durch menschengemachte Naturgewalten. Da kann man sich ja schon an den Kopf fassen! Das ist wie in den alten japanischen Godzilla-Filmen, wo man genau sieht, dass in der herumwatschelnden Godzilla-Puppe ein Mensch steckt, der am Filmset wahrscheinlich zu viel Sake getrunken hat. Wenn das Monster gegen Strommasten und Hochhäuser wütet, muss man unwillkürlich lachen, weil diese Wut überzogen wirkt. Wie von einem Betrunkenen gespielt. Auch die Klimageschichte wirkt irgendwie überzogen. Dass sie dennoch einschlägt und viele Menschen vom Hocker reisst, hat höchstwahrscheinlich mit der einseitigen Informationslage zu tun. Damit, dass man den Leuten sehr einseitig etwas eintrichtert. Wenn durch die immergleiche, laut herausposaunte Botschaft die immergleiche Sau durchs globale Dorf getrieben wird, sollte man vielleicht hie und da einen Schritt zurücktreten und ein bisschen darauf achten, was NICHT gesagt wird. Hier wird es nämlich interessant. Angesichts der immer noch lauernden Risiken durch Atomenergie und Atomwaffen ist die Klimaerwärmung ein Pappenstiel. Dass die Bauern am Vierwaldstättersee bald schon Bananen und Mangos anbauen müssen, weil die Kühe die Hitze nicht mehr ertragen, ist auf der Skala der (drohenden) Menschheitskatastrophen ein verhältnismässig kleines Übel. Diese Feststellung mag ketzerisch sein. Aber zynisch ist sie nicht. Selbstverständlich sind die Auswirkungen des Klimawandels dramatisch. Und viele Menschen (und nicht nur Kühe!) leiden darunter - oder werden noch darunter leiden. Doch dem ansteigenden Meeresspiegel kann man ausweichen. Dem tauenden Permafrost kann man geeignete Sicherheitsmassnahmen entgegensetzen. Neue Klimazonen entstehen, neue Umweltbedingungen, neue Lebensverhältnisse. Der Mensch ist extrem anpassungsfähig. In Grönland wird man in ein paar Jahren oder Jahrzehnten eine üppige Landwirtschaft betreiben können, weil die Wärme in den bislang unfruchtbaren Böden viele Mineralstoffe freisetzt, und die Grönländischen Fischer machen jetzt schon täglich Freudensprünge und bedanken sich beim CO2 für die vielen Thunfische, die es ihnen beschert. Und Grönland ist nur ein klitzekleines Beispiel: auch bei uns - und sogar viel weiter südlich - werden die Menschen vom Klimawandel profitieren können. Sie werden freudig überrascht sein! Und das Gleiche gilt auch für die Pflanzen und Tiere. Wenn die Eisbären aussterben, freuen sich die Braunbären. Und wenn die Fichten eingehen, wachsen dafür die Kastanien umso besser. 

 

Eine atomare Verseuchung ist ein ganz anderes Kaliber. Hier gibt es keine Anpassung. Hier gibt es nur Tod und Verwüstung. Und hier ist das Wort "Katastrophe", das die Grünen so leichtfertig verwenden, um ihre Klimapolitik zu verkaufen, auf einmal angemessen. Die ehemaligen Kernkraft-Gegner und Eidechsen-Schützer können gar nicht dick genug auftragen, wenn es um das Klima geht. Und das Klima bestimmt mittlerweilen fast die ganze politische Agenda, nicht nur bei den Grünen. Diese Monothematik hat etwas Opportunistisches. Sie riecht nach Massenverdummung. Was umso bedenklicher ist, als da auch eine gute Portion Grössenwahn mitspielt. Das grösste Menschheitsproblem! Hört, hört! Damit lässt sich gut einheizen! Nur zu dumm, dass es auch noch andere Probleme gibt! Wo protestieren die Grünen eigentlich noch gegen Überbauungen? War das nicht mal ein grünes Kernanliegen? Und wenn wir schon bei den Gretchenfragen sind: könnten die vielen Überschwemmungen der letzten Jahrzehnte nicht vielleicht etwas mit den versiegelten Böden zu tun haben? Aber nein: es ist das Klima!

 

Allerdings steckt da nicht einfach nur Blödheit dahinter - oder grüne Naivität. Entgegen ihrem Image sind die Grünen keineswegs auf den Kopf gefallen. Das Klima ist das ideale Steuerungsinstrument, ein politisches Allzweckmittel, das vor allem dazu dient, einen Gesellschaftsumbau im Sinne der globalistischen Eliten voranzutreiben. Kein Grüner wagt es, die Globalisierung anzutasten, respektive die eigene Privilegierung. Will sagen: die Grünen, die man fälschlicherweise oft als Linke darstellt, verfolgen eine knallharte Oberklassen-Agenda. Mehr als jede andere Partei politisieren die Grünen "im Geiste" der EU, die sämtliche Schweinereien in die Dritte Welt exportiert, mit unfairen Zollbestimmungen die halbe Welt über den Tisch zieht und durch horrende Billigimporte aus Südamerika die Zerstörung der Amazonas-Regenwälder mitzuverantworten hat. Auch innenpolitisch treiben die Grünen die Landschafts- und Naturzerstörung an vorderster Front voran. Etwa indem sie Hand in Hand mit Wirtschaftsverbänden, Grossunternehmen und transnational vernetzten Denkfabriken die unbeschränkte Migration begrüssen, die in Wahrheit ein neoliberales Projekt ist, ein Verfügbarmachen von "Humankapital". Unsere Weltretter stehen nirgends zurück, wenn es um die Ziele der grossen Wirtschaftsakteure geht. Mehr oder weniger zufällig mischen da immer auch die Grünen mit, unsere kleinen unschuldigen Öko-Gärtner. Fleissig plädieren sie für den undurchsichtigen Handel mit Emissionsrechten, für neoliberale Klientelpolitik auf dem Buckel der Geringverdiener, für mehr Mobilität durch internationale Vernetzung, für staatlich oder EU-mässig alimentierte Eliten, die das alles promoten, etc. etc. Und hier zeigt sich auch das Ausmass der Scheinkämpfe, die auf der Bühne der "Klimarettung" ausgetragen werden. Wer einigermassen bei Verstand ist, durchschaut dieses ideologische Blendwerk auf Anhieb. Das Ganze ist ein einziges Alibi-Spektakel. Wo immer ein Grüner "Klimapolitik" propagiert, haben wir es mit dem Auftritt eines Luftgitarristen zu tun, der sich zum jaulenden Feedback der angezupften Saiten ekstatisch verrenkt, aber eigentlich gar nicht wirklich Gitarre spielt. Und das betrifft nicht nur den Umgang mit dem Klima. Alles, was gesellschaftspolitisch begrünt wird, bekommt diesen leicht kindischen Alibi-Charakter. Die Monothematik der Klimaerwärmung ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Oder besser gesagt: das Zugpferd. Während andere Natur- oder Umweltthemen zusehends an den Rand gedrängt werden, übernimmt die grüne Politik viele Bereiche, die man eigentlich als bunt bezeichnen müsste. Wenn nicht sogar als "kunterbunt". Die Grünen kämpfen für eine "offene Gesellschaft". Was immer das auch ist. Jedenfalls ist es etwas, das auch die Liberalen und Neoliberalen wollen. Und natürlich vor allem auch die Linken, die eigentlich fast nur noch im Windschatten der Grünen politisieren, als schlechte Öko-Kopie mit ein bisschen Rosarot.

 

Irgendetwas läuft hier gründlich schief. Was ist denn eigentlich noch grün, wenn grün für alles Mögliche und Unmögliche steht? Also nochmals: was ist grün? Zum Beispiel Kermit der Frosch. Oder die spitznasige Hexe in "The Wizard of Oz". Und grün ist auch die Heide in einem deutschen Heimatfilm, der den Titel "Grün ist die Heide" trägt, was sich, wie der Heimatfilmkenner weiss, auf die Lünenburger Heide und ihr heimatseliges üppiges Grün bezieht. Die Heidi dagegen - eine Arbeitskollegin von mir - wird manchmal grün vor Neid, ein Grün, das man nicht wirklich sieht, aber spürt. Die Apotheken haben ein grünes Kreuz, woran man sie schon von weitem erkennt, und wenn man im Restaurant einen grünen Salat bestellt, weiss der Kellner genau, was das ist, und bringt dann auch tatsächlich einen grünen Salat. Doch was bekomme ich, wenn ich grün wähle? Bekomme ich dann auch wirklich etwas Grünes? Bekomme ich dann nicht meistens etwas Rotes, Gelbes, Violettes oder sogar Blaues? Genau deshalb wähle ich schon lange nicht mehr grün. Schon seit Jahren ist es mit dieser Farbbestimmung nicht mehr so weit her. Wenn ich eine Wundertüte möchte, gehe ich zum Kiosk. Wir, die Ökos alter Schule, die Balkongärtner und Fischmadenzüchter, die Vogelstimmenlauscher und Igelretter, die Wurmkompostierer und Reisigbesenwischer, die Topfkräuterspezialisten und Grüngutentsorger, wir wissen schon längst, dass sich die Grünen in ihrem Buntheitsbestreben verrannt haben. Schuster bleib bei deinen Leisten! Die Grünen sollten sich radikal auf ihre Farbe zurückbesinnen. Sie sollten sich nur noch mit Fröschen, Eidechsen und Magerwiesen beschäftigen. Oder sagen wir: mit Natur. Mit dem, was kreucht und fleucht oder grünt und blüht. Und bitte nicht mit dem Klima! Das Klima sollte für die Grünen tabu sein. Wie auch die Moral, soweit sie sich nicht aufs Recycling bezieht. Du sollst die Senftuben vom Abfall trennen. Soweit ist der kategorische Imperativ der Grünen noch ganz in Ordnung. Doch das Klima schützen! Das Klima retten! Das ist etwas für Bekloppte! Die Verquickung von Klima und Moral ist wohl das Bekloppteste, was die Grünen jemals propagiert haben. Wo man hinschaut: Bekloppte, die das Klima retten wollen. Diese Beklopptheit erinnert ein bisschen an das "Haus, das Verrückte macht" aus dem Zeichentrickfilm "Asterix erobert Rom". In diesem Haus wird Korrektheit derart grossgeschrieben, dass jeder, der es besucht, völlig bekloppt wieder herauskommt. Gackernd, meckernd, krähend, blökend oder wie ein Esel schreiend. So geht es den Menschen, die sich auf die Klimarettung einlassen. Und schuld daran sind die Grünen. Sie haben diese Sache ins Rollen gebracht. Sie haben die Beklopptheit salonfähig gemacht. Oh wären sie doch bei ihren Gräslein und Würzlein geblieben! Alles, was nicht mit der Natur oder der Umwelt in der allernächsten Umgebung zu tun hat, führt bei den Grünen in die Irre. Oder ins ideologische Irrenhaus. 

 

Angesichts der "Klimakatastrophe" ist die heutige Jugend den machtbewussten Volkspädagogen schutzlos ausgeliefert, und das ist die eigentliche Katastrophe. Hier droht die eigentliche Gefahr. Eine grüne Politisierung der Jugend wäre schlimm; fast noch schlimmer als eine Verführung durch den softigen Neoliberalismus, den Operation Libero propagiert. Müssen wir am Ende gar froh sein, dass das grosse politische Engagement bei den Jungen ausbleibt? Nicht auszudenken, wenn da plötzlich ein politischer Wille um sich greifen würde, ein Fanatismus des Alles-oder-nichts! Aber seien wir gnädig! Sie hat es nicht leicht, diese Jugend. Ihre Situation ist hochgradig schizophren. Einerseits verdankt sie der rücksichtslosen Wirtschaft einen Wohlstand ohnegleichen. Andererseits schmelzen die Polkappen: also muss man dringend etwas tun und tanzt - mangels vernünftiger Optionen - den Schalmeienklängen einer rührend idealistischen Weltrettungsphantasie hinterher. Der grüne Romantizismus kommt bei den Jungen an: wieder einmal. Man ist grün, und grün ist hip, nicht unbedingt politisch, aber als Lifestyle. So kann man das noch akzeptieren. Ein bisschen grün sind wir alle einmal gewesen, sogar die Vernünftigsten unter uns. Vielleicht ist das der Hesse-Effekt. Den gab es schon zu meiner Zeit. Nur hat man sich damals noch mit der Rettung von Eidechsen begnügt. Und ich meine: das war schon anstrengend genug. Hätte ich damals auch noch die Welt retten müssen, so hätte ich wohl heute noch Muskelkater. Damals hat man noch etwas geschützt, das man sehen und anfassen kann: vor der eigenen Haustüre, im eigenen Land, im Naturteich eines Hochmoors und in den schönen Bergen. Ansonsten hat die Jugend das gemacht, was sie am besten kann: Unfug treiben, Sachbeschädigungen verursachen, Drogen nehmen, Alkohol saufen, falsche Entscheidungen treffen, bei Rot über die Kreuzung fahren, dämlichen Idealen hinterherlaufen und sich masslos überschätzen. Das kann die Jugend gut. Darin liegt etwas zeitlos Genialisches, das Sturm-und-Drang-Potential, das schon den jungen Schiller beflügelt hat, als er "Die Räuber" schrieb. Mit diesem Potential kann man alles Mögliche anstellen, zum Beispiel ein geniales literarisches Erstlingswerk oder einen bahnbrechenden Rocksong wie "Smells Like Teen Spirit" schreiben. Aber die Welt retten kann man damit nicht. 

 

2014