Die Sache mit dem Fondue

Die Schweizer und die Deutschen. Eine Nachbarschaft ohne Nähe, abgesehen von der Nähe des Aneinander-Vorbeigehens. Oft stossen da sogar im stinknormalen Arbeitsalltag weit entfernte Welten aufeinander. Oder sie berühren sich überhaupt nicht. Eine kleine Mentalitätsstudie am Rande des Zulässigen.

Das Deutschtum, das mir manchmal auf die Nerven geht, hat auch seine guten Seiten. Es mag ein Hexengebräu sein, ein Gebrodel voller Spinnenbeine und Krötenfüsse. Doch typisch deutsch ist immer auch das Gegenteil, der dialektische Umschlag. In Deutschland findet man die grössten Hornochsen, aber auch die grössten Geister. Das "deutsche Wesen" hat einen Goethe hervorgebracht. Einen Jean Paul. Einen Eichendorff. Einen Novalis. Einen Hugo Ball. Einen Beuys. Und nicht zuletzt auch - quasi als Gegenpart zum deutschen Idealismus - einen Karl Marx. Ich mag die Deutschen, weil sie ein bisschen weltfremd sind. Ein bisschen abgehoben. Ein bisschen zwiespältig. Ein bisschen anders. Und selbstverständlich mag ich vieles an den Deutschen auch nicht: etwa ihre moralische Überheblichkeit oder die ewige Neigung zur Fürstendienerei, der berüchtigte Kadavergehorsam. Ich weiss, das sind alles nur Klischees. Wie auch die Vorstellung vom "Volk der Dichter und Denker" nur ein Klischee ist, eine Schulformel sozusagen, die hierzulande umso wirkungsvoller ist, als sie sich mit dem schweizerischen Minderwertigkeitskomplex vermischt. Und doch muss irgendetwas dran sein. Was mich im persönlichen Umgang mit Deutschen immer wieder erstaunt, ist ihre Belesenheit, ihre Bildung. Ich kenne das nur aus Deutschland: Postangestellte und Krankenschwestern, die mit der grössten Selbstverständlichkeit Hegel, Schopenhauer und Jean Paul lesen. So etwas gibt es in der Schweiz nicht. In der Schweiz sind es vielleicht drei bis vier Spezialisten, die solche Bücher lesen, und sie tun es möglichst heimlich, weil sie sich schämen. Nimmt ein Schweizer in einer Buchhandlung ein Buch zur Hand, interessiert ihn eigentlich nur der Preis. Und ob es nicht zu viele Seiten hat, wegen der Platzökonomie. Die kulturelle und geistige Sensibilität ist in Deutschland etwas sehr Allgemeines, während man in der Schweiz alles Geistige beargwöhnt und nivelliert. Die Schweizer sind - um eine Beschimpfung zu zitieren, mit der Thomas Bernhard die uns gar nicht so unähnlichen Österreicher charakterisiert hat - "zur Geistesschwäche verurteilt". Sowohl die Österreicher als auch die Schweizer sind ein bisschen geistesschwach, wenn auch die Eloquenz nicht die gleiche ist: wo die einen blöd drauflosschwatzen, fehlt den anderen schlicht die Sprache. Auf Mundart muss man umständlich um das Eigentliche herumreden, und wenn man endlich sagt, was man eigentlich sagen will, interessiert es kein Schwein mehr, - und die Pointe fällt unter den Tisch. Während die Österreicher genial blöd sein können, bringen die Schweizer nicht einmal das zustande. Was aber auch etwas Rührendes hat, etwas "Herziges". Der Schweizer ist ein "Bodensuri", auf den man herabschaut, und auch die Schweizer selber schauen auf sich herab, durch eine mentale Lupe, wenn man so will. Ohne Lupe könnten sie sich gar nicht sehen. Und das nehmen sie dann sehr genau! Hier entgeht ihnen nichts. Genau sein können sie, bis hin zum kleinlichsten Perfektionismus. Wenn sie etwas machen, muss es idiotensicher sein. Wohl deshalb heisst das grosse schweizerdeutsche Wörterbuch "Idiotikon". 

 

Bei aller Bewunderung für das Kulturvolk vom anderen Rheinufer habe ich, wie könnte es anders sein, mit den Deutschen (nicht mit einzelnen Deutschen, sondern DEN Deutschen) auch negative Erfahrungen gemacht. Oder sagen wir: ambivalente Erfahrungen. Wir Schweizer kennen den "typischen Deutschen" vor allem aus dem Arbeitsleben. Der stramme, ehrgeizige Deutsche, der aufs Wort gehorcht und überhaupt nichts hinterfragt. Und immer auf Zack! Und wenn er nicht gehorcht, dann befiehlt er. Ein Vorurteil? Keineswegs! Ich habe die deutsche Übernahme einer Schweizer Firma miterlebt. Plötzlich ging es im Büro wie in einer Kaserne zu, inklusive Morgenappell und weltanschaulicher Motivationsschulung. Als wir Schweizer noch unter uns gewesen waren, hatten wir alles endlos ausdiskutiert, ohne viel zu arbeiten. Und wie es die Schweizer halt so machen, wenn sie diskutieren: sie diskutieren zuerst einmal des langen und des breiten darüber, was man zum Diskutieren überhaupt traktandieren soll. Ganz allgemein regelt man das Miteinander in der Schweiz ganz anders als im "grossen Kanton": einerseits viel komplizierter und umständlicher, weil man für jedes Gespräch einen runden Tisch braucht; andererseits aber auch viel unkomplizierter, weil man an einem runden Tisch nicht sagen kann, wer oben oder unten sitzt, wodurch ein Gefühl der Gleichheit entsteht, der Konfliktdämmung. Eine Gleichheit der direkten Ansprache ist das nicht. Alles läuft hier indirekt, in einem einzigen "Sozusagen" sozusagen. Man ist per Du, aber in der Schweiz heisst das noch lange nicht, dass man einander auf dem Schoss hockt. Die Schweizerische Betriebskultur ähnelt, soweit ich sie selber erlebt habe, einem Fondueplausch unter Freunden. Oder besser gesagt: unter Kollegen. In der Schweiz hat man keine Freunde, man hat Kollegen. Man hockt einander nicht auf dem Schoss, aber man hat es doch recht gut miteinander, man rührt im Uhrzeigersinn auf unterschiedlichen Kreisbahnen, jeder für sich und doch alle zusammen. Wie das funktioniert, ohne dass sich die Fonduegabeln ineinander verheddern und verhaken, scheint das bestgehütete Geheimnis der Schweiz zu sein, eine Art Betriebsgeheimnis. Doch das täuscht. Was hier so gut gehütet und unergründlich scheint, hat mit den allereinfachsten Regeln zu tun. Mit Regeln, die im Grunde genommen jeder Idiot versteht. Oder sagen wir: jeder Schweizer. Man muss nicht den Doktor gemacht haben, um sich fonduekonform verhalten zu können. In der Schweiz gilt: was im Kindergarten gilt, gilt auch in der Gemeinschaft, in der Firma, im Staat und am Fonduetisch. Man kann nicht einfach drauflosrühren wie eine Wildsau. Oder wie ein japanischer Tourist, der das zum ersten Mal macht. In der Schweiz muss man immer wissen, wie es geht. Wenn aber alle Beteiligten wissen, wie es geht, und sich entsprechend verhalten, kann sich eine geradezu unschweizerische Lässigkeit entwickeln. Sie ist es, was den Schweizer sympathisch macht. Was ihn selber beeindruckt, wenn er in den Spiegel schaut. Aber auch hier kommt es auf das richtige Mass an. Dem Schweizer ist jederzeit bewusst, dass sich das Gute in der Mitte befindet. Nicht nur geografisch gesehen. In der Schweiz ist "Mittelmass" kein Schimpfwort, sondern ein Lob. Deshalb schaut man sehr genau darauf, dass man weder zu viel noch zu wenig macht. Nur nichts übertreiben! Faulenzer und Streber sind schlechte Schweizer. Die guten Schweizer sind diejenigen, die das Gleichgewicht halten. Immer hübsch arbeiten! Aber auch die Pausen nicht vergessen! So läuft es seit jeher in der Schweiz, ob beim Arbeiten oder Fondueessen: alles muss im Lot sein. Perfekt austariert. Immer rühren, damit der Käse nicht dick wird. Damit es nicht schon eine Kruste gibt, bevor man am Boden angelangt ist. Rühren, rühren, rühren. Nicht zu fest und nicht zu lasch. Nicht zu schnell und nicht zu langsam. Schön "süferlig", aber nicht zu "süferlig", sonst verliert man das Brotbröckli. Und selbstverständlich sollte man hin und wieder eine Pause machen. Wer keine Pause macht, ist ein Fanatiker und gehört nicht an einen Fonduetisch. So stochert man zwischendurch ein bisschen herum, ergriffen von einem Gefühl heimeliger Gemütsamkeit. Dieses Gefühl gibt es nur in der Schweiz, so wie es auch gewisse Regeln nur in der Schweiz gibt. Wer zum Beispiel sein Brotbröckli verliert, muss entweder singen oder eine Runde zahlen. Schlimmere Strafen können sich die Schweizer nicht vorstellen. Jahrelang habe ich solche Arbeitsverhältnisse als selbstverständlich wahrgenommen. Bis die Deutschen kamen! Unter der teutonischen Büro-Besatzung drehte sich dann plötzlich alles nur noch um das binäre Verhaltensschema des Preussentums: Befehlen und Befehlsausführung. Natürlich muss man das positiv sehen. Wenn man etwas von den Deutschen lernen kann, dann ist es arbeiten. Oder auf gut Neudeutsch gesagt: die pflichteifrige Selbstaufgabe im supermotivierten Team. Der Schweizer hat dem wenig entgegenzusetzen: er muss einpacken oder sich fügen. Allenfalls kann er vielleicht noch in seine Robertwalserische Ironie flüchten und den Globi spielen - also sich selbst - und so die hochdeutsche Gradlinigkeit unterspülen und leise verhöhnen. Doch sollte man es auch hier nicht übertreiben. Ironie ja, Sarkasmus nein. Der parodistischen Versuchung, die nassforsch-deutsche Phrase mit tiefer Stimme und einem grimmig knurrenden Hitler-R nachzusprechen, sollte man unbedingt widerstehen. Dass eine Hitler-Parodie bei deutschen Vorgesetzten und Arbeitskollegen möglicherweise nicht so gut ankommt, ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass Hitler laut Geburtsschein gar kein Deutscher war, sondern Österreicher. Und das heisst: er war auch ein bisschen einer von uns.

 

2017