Blasphemie

Darf man sich über Mohammed, Jesus, den lieben Gott und den Papst lustig machen? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum erst recht? Die Klärung eines Standpunkts.

 

Der Säkularismus ermöglicht ein friedliches und faires Zusammenleben auf der Basis von Vernunft und universellen Menschenrechten. Es ist nicht die Befolgung der zehn Gebote, was uns zu anständigen Menschen macht. Was uns in der Sonntagsschule zwischen "Kumbaya my lord" und Krippenbasteln erzählt wurde, können wir getrost vergessen. Es ist grösstenteils Unsinn. Die mosaischen Gesetze gelten bei uns nicht. Unsere Gesetze und ethischen Normen sind durchgehend areligiös. Die universal gültigen Leitlinien für Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Tierschutz, gute Nachbarschaftshilfe und Toleranz gegenüber Heiden und Schwulen finden wir mit Sicherheit nicht in der Bibel - und mit Sicherheit auch nicht in irgendeinem anderen heiligen Buch. Unsere säkulare Gesellschaft beruht auf der ausdrücklichen Garantie, dass irrationale Haltungen und totalitäre Ansprüche kein Mitbestimmungsrecht geniessen. Somit schrumpfen Religionen zu etwas Privatem, das ihrem Anspruch eigentlich zuwiderläuft. Sie müssen es verkraften, dass man ihnen den Zutritt zum Cockpit verwehrt. Sie dürfen mitfliegen, aber nicht das Steuer übernehmen. Auf dem Markt der Weltbilder fügen sie sich - meist zähneknirschend und nicht ohne Substanzverlust - in das gängige Sortiment der Sinnangebote ein. Sie präsentieren sich gleich neben der Esoterik und dem Psycho-Wellness-Bereich. Doch Pluralismus bedeutet nicht, dass man alles relativiert, alles als gleichwertig betrachtet. Zum Wohle des Ganzen gibt es auch in der liberalsten Gesellschaft eine klare weltanschauliche Hierarchie. Auch wenn es uns häufig so vorkommt, als würde unsere Gesellschaft im Autopilot fliegen, muss doch jemand im Cockpit sitzen. Neben dem aufgeklärten, pluralistischen Rationalismus, der als Grundlage demokratischer Gesellschaften das Eichmass bildet, nach dem sich alles auszurichten hat, was sich in diese Gesellschaft einbringen will, müssen sich irrationale Ideologien und Traditionen fortwährend hinterfragen, relativieren und zurückstufen lassen. Sie schwimmen gegen den Strom. Je irrationaler ihre Ausrichtung, desto eher riskieren sie, an den Rand gedrängt zu werden: eine legale und notwendige Form der Diskriminierung. Den Vertretern irrationaler Ideologien ist kaum je bewusst, dass sie ihre Existenzgrundlage ausgerechnet jener Geisteshaltung verdanken, die sie nach Kräften verteufeln: dem säkularistischen Rationalismus. Ohne ihn würden sie sich gegenseitig den Krieg erklären - und ihn wohl auch führen. Man stelle sich vor, jede Glaubensgemeinschaft könnte buchstabengenau in die Tat umsetzen, was die jeweiligen heiligen Texte und Regelwerke vorschreiben. Stellen wir uns vor, Evangelikale, Salafisten, Hisbollah-Schiiten, Scientologen, Jesuiten, Opus-Dei-Katholiken, Mormonen und Zeugen Jehovas könnten sich uneingeschränkt der Aufgabe widmen, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Es wäre die Hölle. Würden wir alle diese Spinner frei schalten und walten lassen, hätten wir innert kürzester Zeit den grössten Krawall. Wir hätten einen hemmungslos entfesselten Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen totalitären Formen von Gleichschaltung und Gehirnwäsche. Das Ergebnis wäre Mord und Totschlag, pure Anarchie. Alles würde in Flammen aufgehen: wie die Farm der Davidianer in Waco. Dass es nicht soweit kommt, verdanken wir dem Säkularismus. Dank dem auf rationalen Prämissen aufbauenden Grundgesetz geniessen alle diese Gruppierungen staatlichen Schutz, auch vor den eigenen Kamikaze-Gelüsten und Allmachtsphantasien.

 

Die rationalistische Konsensfähigkeit westlicher Demokratien garantiert ein annähernd friedliches Zusammensein unterschiedlichster Individuen und Haltungen. Allein schon deshalb sind die geistigen Präambeln dieser Konsensfähigkeit nicht relativierbar. Ohne den gemeinsamen Nenner der Vernunft gäbe es keinen Pluralismus, keinen Frieden in der Vielfalt und keine Freiheit auf der Grundlage gegenseitiger Rücksichtnahme. Unsere Gesellschaft hat diese Logik verinnerlicht. Was auf konsensfähiger Rationalität aufbaut, wird ernst genommen und gilt als diskutabel; was sich dieser Rationalität verweigert, muss es sich gefallen lassen, auf die hinteren Ränge - oder in die Schmuddelecke - verbannt zu werden. Zugegeben, diese Zurückstufung widerspricht dem Ideal von Gleichbehandlung, sie ist ungerecht, weil sie es nicht allen recht machen kann. Aber sie sichert den Frieden. Sie ist der einzige Grund, weshalb Religionen in einer säkularen Gesellschaft überhaupt zugelassen sind. Sie sind domestiziert, auf Vernunft und Pluralismus getrimmt. Selbstverständlich tun sie sich schwer damit. Selbst in den vorbildlich säkularisierten Landeskirchen vernimmt man hie und da das Grollen einer schlecht verwundenen Kränkung. Man hätte halt doch gerne eine Bedeutung. Man würde sich gerne in die Politik einmischen, in das soziale Leben, man hätte gerne eine "christliche Ethik" von allgemeiner Gültigkeit und so weiter. Nur ist das eben ein Hirngespinst. Unsere Ethik - von den allgemeinen Menschenrechten bis zur säkularen Staatsverfassung - ist durch die Aufklärung entstanden: nicht ohne Religion, wie man klar hinzufügen muss, aber durchwegs im Widerstreit mit der Religion, wenn nicht sogar in einem diametralen Widerspruch zur Religion. Religiöse Menschen kann man unmöglich davor bewahren, sich auf irgendeine Weise gekränkt zu fühlen. In genau dem Masse, wie sie ihren irrationalen Wahrheitsanspruch zur Geltung bringen, werden sie kritisiert und lächerlich gemacht. Darauf - und nur darauf - beruht das Recht auf Religionsfreiheit.

 

Wer das Recht für sich in Anspruch nimmt, unter dem säkularen Schutzschirm religiöse Praktiken und Lehren zu propagieren, die auf historisch überholten, zutiefst archaischen und irrationalen Weltbildern und Idealen beruhen, zahlt einen Tribut. Dieser besteht darin, dass man sich hin und wieder als Depp hinstellen lassen muss. Es geht nicht an, dass Aussagen oder Bilder eines irrationalen Wahrheitspostulats für unantastbar erklärt werden. Auch rationale Postulate - etwa in der Wissenschaft - sind nicht unantastbar, im Gegenteil, ihre Revidierbarkeit bildet geradezu die Voraussetzung für den geistigen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, den die westlichen Gesellschaften für sich verbuchen können. Selbstverständlich hat dieser Fortschritt auch Schattenseiten: Umweltzerstörung, Konsumismus, Atomwaffen, kapitalistische Ausbeutung, technologische Abhängigkeiten etc. Das alles ist kritikwürdig. Aber es kann nicht als Vorwand dienen, um in ein vormodernes, magisch-religiöses Denken zurückzufallen, das von "göttlich inspirierten" Autoritäten diktiert wird. Unsere Gesellschaft gewährleistet Fortschritt, erlaubt aber auch Kritik an diesem Fortschritt, vorausgesetzt, diese Kritik ist rational begründet. Insofern ist auch Fortschrittskritik Teil des Fortschritts, vielleicht sogar sein wichtigster Motor. Ohne Kritik und Kritikfähigkeit hätten wir keine Wissenskultur, keine Wissenschaft, keine Selbstbestimmung im Sinne der Aufklärung. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Umso berechtigter ist Kritik, wenn sie sich gegen irrationale Positionen wendet.

 

Was darf Satire? Darf sie alles? Nein. Es gibt Grenzen. Der Gegenstand der Satire sollte der Satire angemessen sein. Wenn sich jemand über einen Behinderten lustig macht, ist es schwierig, diesen Spott als satirisch zu empfinden. Er ist nicht wirklich motiviert. Es sei denn, der Behinderte heisst Adolf Hitler. Dann aber zielt der Spott nicht auf Hitlers Parkinson-Erkrankung, sondern auf die Grausamkeit der Ideologie oder den Personenkult des Diktators. In jedem Fall zielt der Spott auf etwas, das er "herunterreissen" kann. Logischerweise auf etwas, das sehr weit oben ist. Oder sehr weit oben sein möchte. Die Grenzen der Satire liegen also nicht dort, wo man das Grosse und Heilige vor sich hat. Hier findet die Satire die bestmögliche Zielscheibe. Man darf sich über Mohammed und Jesus lustig machen, man darf Religionen und ihre Repräsentanten als lächerlich hinstellen. Und zwar auch dann, wenn der Witz - anders als bei der Hitler-Satire - keinerlei moralische Absicht verfolgt und einfach nur dem atavistischen Bedürfnis nachgeht, Heiliges zu beschmutzen. Der naheliegendste Grund, weshalb man das darf, ist wohl darin zu sehen, dass es funktioniert. Ein Witz funktioniert, wenn er zündet. Und wann zündet ein Witz? Wenn er den richtigen Zunder hat! Der Zunder, der den Witz anfacht und antreibt, ist das, was eigentlich nicht geht. Oder nicht sein darf. Wenn man auf den Zug rennt, hat man keineswegs Lust, auf einer Bananenschale auszurutschen. Geschieht es dennoch, so ist das witzig. Vielleicht nicht für den Betroffenen selbst, aber mit Sicherheit für den Zeugen, der das im Kopfkino immer wieder anschaut. Geschieht es nochmals, indem der soeben Verunglückte ein paar Schritte weiter auf einer zweiten Bananenschale ausrutscht, so ist das natürlich doppelt witzig, weil ein so unglaublich dummer Zufall nicht sein darf. Nun sind diese Bananenschalen keineswegs etwas Tragisches. Das Tragische (das "Katastrophische") ist eine andere Kategorie: eine entgegengesetzte. Ein Unfall mit tragischen Folgen oder ein Erdbeben ist nicht witzig. So wie auch eine Religion nicht witzig ist. In jeder mir bekannten Religion gibt es eine "Kultur des Lächelns", aber richtiges Lachen oder Gelächter ist - im Gegensatz zu anderen heftigen Emotionen, wie etwa dem "heiligen Zorn" - in der religiösen Narration eher negativ besetzt, wenn es denn überhaupt vorkommt. In seinem berühmten Roman "Der Name der Rose" baut Umberto Eco die ganze kriminalistische Handlung auf einem einzigen religiösen Tabu auf: der Todsünde des Lachens. Religion verhandelt das Höchste und Tiefste, das Erhabenste und Gewaltigste: Leiden, Tod, Ewigkeit, Seelenheil, Verdammnis, Erlösung, jede Form von Absolutheit. Eine Nummer grösser geht nicht. Der Witz steht diesem Anspruch diametral entgegen. Er ist das Realitätsprinzip. Hier waltet die Schwerkraft, die den Menschen "sinnlos" auf die Fresse fliegen lässt, das Mechanische, das ihn zum Hampelmann macht, die Entropie, die ihn der Lächerlichkeit aussetzt, das Zufällige am falschen Ort und zur falschen Zeit, kurzum: das notorisch Unzulängliche und Unsinnige. Witzig ist, was in beiläufig-perfider Art den perfekten Plan durchkreuzt, die reibungslose Routine durcheinanderbringt oder den würdevollen Kontext stört. Das witzige Störelement ist vorzugsweise etwas Banales, Dummes, Blödes, Idiotisches, Kleines, Zufälliges. Die Bananenschale ist hierfür das perfekte Beispiel. Im Angesicht des Religiösen wimmelt es von solchen Bananenschalen. Anders als bei einer Katastrophe entspringt hier das Überdimensionale, das die Menschen einschüchtert oder ergreift, fasziniert oder erschreckt, einer gezielten Inszenierung. Der Eindruck von Erhabenheit ist nicht nur gewollt, sondern auch das Ergebnis von Regeln und Normen, die man missachten oder geringschätzen kann. Wieso lachen wir, wenn Rowan Atkinson in seiner Rolle als Mister Bean den unbedarft-naiven Gottesdienstbesucher gibt und während der Sonntagspredigt die ganze Zeit in der Nase popelt? Wir lachen nicht über das Nasenpopeln an sich, sondern über die Kontrastwirkung des Ungehörigen. Von Laurel und Hardy bis zu Loriot und Mister Bean alias Rowan Atkinson setzen fast alle Meister des Komischen auf diese Kontrastwirkung und den entsprechenden Nervenkitzel, mit dem laut Freud das Naturhafte oder Unbewusste gegen die normative Instanz des Über-Ichs revoltiert. Nach wie vor senkt man in einer Kirche die Stimme. Mit Gläubigkeit hat das bei den meisten Kirchenbesuchern nichts zu tun, wohl aber mit dem Respekt vor der sakralen Umgebung. Das Religiöse ist immer auch Repräsentanz, und Repräsentanz ist Macht. Ich erinnere mich an einen Schulausflug. Es war in der ersten Gymnasialklasse. Wir besuchten die Kirche von Colmar. Bei der Kirchenbesichtigung, die ein Priester leitete, sagte ein Mitschüler plötzlich, indem er auf ein holzgeschnitztes Kruzifix zeigte: "Da hängt ja einer!" Nach wie vor - Jahrzehnte später - muss ich über diese Bemerkung lachen. Ob und wie komisch etwas ist, hängt oft von der Situation ab. Oder vom Kontext. Das Religiöse will ernst genommen werden. Es erheischt Respekt. Und gerade diese Fallhöhe zieht die Komik magisch an. Grösser könnte eine Zielscheibe für Spott nicht sein. Da braucht es nicht mal eine religionskritische Absicht. Darüber hinaus gibt es aber noch andere triftige Gründe, religiöse Satire zu verteidigen, und zwar nicht nur aus atheistischer Perspektive. Religiöse Satire ist auch im Interesse derjenigen, die sich als gläubig betrachten. Das mag paradox klingen. In einer säkularen Gesellschaft ist das aber genau die Grundlage, die den religiösen Pluralismus überhaupt erst ermöglicht. Wer hinter religionskritischen Bestrebungen eine typisch atheistische Position auszumachen meint und von einer “gottlosen Gegenreligion” redet, täuscht sich gewaltig. Das Schema "Gläubig versus Ungläubig" ist viel zu eng. Es ist das Schema der Fundamentalisten. Und nicht zufällig auch das Schema vieler Kirchengegner, etwa der Freidenker-Vereinigung. Sowohl die einen wie die andern liegen falsch. Die einen würden den Säkularismus am liebsten beseitigen, und die anderen missverstehen ihn als etwas, das dem Christentum entgegengestellt werden kann. Doch der Säkularismus ist nicht vom Himmel gefallen: er hängt unauflösbar mit dem Christentum zusammen, weshalb er in anderen Kulturkreisen kaum oder gar nicht realisiert werden kann - oder nur durch die Überformung durch westliche Einflüsse. Das Christentum ist mehr als eine duale Angelegenheit, bei der sich nach dem Muster der Fundamentalisten "Gläubige" und "Ungläubige" frontal gegenüberstehen. Ohne die weltumspannende abendländische Kultur gäbe es keinen Säkularismus. Von daher erklärt sich denn auch der Minderwertigkeitskomplex der muslimischen Welt. Der antiwestliche Hass radikaler Muslime gilt logischerweise nicht dem christlichen Fundamentalismus, sondern dem christlich-jüdischen Säkularismus (Dass überall auf der Welt christliche Minderheiten von Muslimen geächtet und drangsaliert werden, ist eine andere Geschichte). Das, womit sich viele strenggläubige Muslime schwertun, ist nicht das Gegenüber einer anderen Religion, sondern das Gegenüber einer säkularen Hegemonie, dem sogenannten "Abendland". Dass es sich hier um einen Cocktail handelt, der nicht nur aus christlichen und jüdischen Elementen besteht, muss wohl kaum erläutert werden. Das Abendland ist ein Sammelsurium aus Dingen, Ideen, Erzeugnissen, Zuschreibungen und Merkmalen, die im weitesten Sinne mit Europa oder einer europäischen Sozialisierung und Identität assoziiert werden. Also ist das Abendland etwas ziemlich Schwammiges, eigentlich Undefinierbares. Eine oberflächliche Zusammenstellung kann das verdeutlichen. Was haben Michelangelo, Marilyn Monroe, Mustermessen, Mälzels Metronom, Mozart, Mickey Mouse, Met, Magellan, Morsezeichen, Menschenrechte, Markenprodukte, Mehrwegverpackungen, Mercedes-Benz, McDonald's, Museen, Microsoft, Maschinenfabriken, Massenvernichtungswaffen, Mini-Röcke, Mondrian, Modernismus, Mikroskopie, Mopeds und die Mutter Gottes gemeinsam? Richtig: sie gehören zum Abendland. Eine reichlich diffuse Gemeinsamkeit, die beim Kaffee, dem Tabak und der Kartoffel schon aufhört und als Alltagskriterium überhaupt nichts taugt. Dennoch - und vor allem auch weil der Begriff "Abendland" in Reaktion gegen den Islam neuerdings als beliebte Parole fungiert  - werde ich hier kurz auf die ominöse "abendländische Identität" eingehen. Existiert das Abendland als reale kulturelle Entität? Oder ist es nur eine Parole? Gute Frage. Vorsicht ist geboten, wo dieser Begriff geografisch ausgelegt oder zur Selbstabgrenzung benutzt wird. Wenn zum Beispiel die "Patriotischen Europäer" gegen die "Islamisierung des Abendlands" demonstrieren, kann man sich ja schon fragen, wie es diese überzeugten Europäer mit Augustinus halten, einem der grössten abendländischen Denker. Der stammte nämlich aus Numidien, dem heutigen Algerien. Und die Hauptreligion des Kontinents ist bekanntlich im vorderen Orient entstanden. Erst durch die politische Aneignung durch die römischen und byzantinischen Kaiser ist das Christentum europäisch geworden. Und was heisst hier überhaupt "patriotische Europäer"? Man kann ein patriotischer Franzose oder Schweizer sein, aber ein patriotischer Europäer ist so ziemlich das Letzte, was ein Patriot sein möchte, es sei denn, er ist grössenwahnsinnig. Trotzdem glaube ich nicht, dass das Abendland ein Phantom ist, wie die ebenso falsch gewickelte Gegenseite behauptet. Um bei unserm Beispiel zu bleiben: zur Zeit von Augustinus - noch vor Mohammeds Erscheinen - war der ganze Mittelmeerraum hellenistisch geprägt und insofern das Herzstück dessen, was man heute als Abendland bezeichnet. Von diesem Abendland profitierten übrigens auch die muslimischen Eroberer, lange bevor die Christen anfingen, antike Texte zu sammeln. Insofern gehört auch der Islam zum Abendland, wenn auch nicht als eigenständige Hochkultur, sondern eher in der Rolle eines Vermittlers und Archivars.

 

Heute haben wir die Situation, dass der Islam entweder gegen den "bösen Westen" die Faust ballt oder von diesem Westen geschluckt wird. Der fundamentalistische Islam wird zwar überall stärker, aber ebenso auch die Verwestlichung. Dadurch wächst der innerislamische Zwiespalt mit all den Konflikten, die seit 9/11 - und im Grunde genommen schon seit der Iranischen Revolution und dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan - einen permanenten globalen Konfliktherd darstellen. Bezeichnenderweise hantieren die militanten Islamisten mit topmodernen westlichen Waffen und Kommunikationsgeräten. Eigentlich müssten sie sich selber bekämpfen, denn alles an ihnen - ausser dem Glauben an Allah - ist durch und durch westlich. Sogar die Schnürsenkel an ihren Kampfstiefeln entspringen einer industriellen Fertigung, die kaum möglich wäre, wenn es der Kriegerreligion aus dem 6. Jahrhundert gelungen wäre, ihren Auftrag in die Tat umzusetzen. Eine religiöse Weltherrschaft mit einem totalitären Zuschnitt hätte die Menschheit keinen Millimeter weitergebracht. Ein Problem, dass auch das Christentum hatte. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: die Bibel gilt nicht als das unmittelbare Wort Gottes. Im Christentum musste sich das Wissen lediglich gegen die Kirche behaupten, nicht aber gegen die Heilige Schrift. Darin steckt schon der Keim des abendländischen Säkularismus. Alles, was unser Leben im 21. Jahrhundert ermöglicht und erleichtert - von der Polioimpfung bis zum elektrischen Rasierapparat - verdanken wir der Tatsache, dass sich auf der Grundlage einer christlich-humanistischen Kultur der globale Säkularismus durchgesetzt hat. Aufgrund dieser Tatsache sind streng religiöse Menschen von vornherein als Spinner und Idioten abgestempelt. In dieser Hinsicht können die Islamisten nicht mal in den Spiegel schauen, ohne vor Wut zu schäumen. Ganz offensichtlich steht Allah auf der falschen Seite. Ausgerechnet die Religion, die sich als Vollendung und Siegel aller anderen Religion betrachtet, findet sich nach Jahrhunderten des Abstiegs am historischen Katzentischchen. Der Islam, der im Koran als ultimative Siegerreligion verkündet wird, scheint der ultimative Verlierer zu sein, ein Versager auf ganzer Linie. Schlimmer hätte es nicht kommen können! Die Welt gehört dem Christentum. Nicht unbedingt der christlichen Religion, aber ganz eindeutig dem Säkularismus christlich-jüdischer Prägung. Dieser hat die heutige Welt geformt und beeinflusst das Weltgeschehen mehr als jede Religion, - und erst recht eine Religion, die in ihren Hauptbestrebungen im 6. Jahrhundert stehengeblieben ist und sich wie im Leerlauf um einen schwarzen Klotz dreht. Selbst fundamentalistische Theokratien wie Saudi Arabien und der Iran kommen in wirtschaftlichen, bautechnischen, medizinischen, industriellen und militärischen Belangen nicht um westliche Standards herum. Das erstreckt sich bis auf die unterste Ebene. Im Alltag der iranischen Muftis und der saudischen Imame, die den Koran über alles andere stellen, gibt es mehr Westen als Koran. Das fängt beim Handy an, geht weiter mit dem Toaster, geht weiter mit dem fliessenden Wasser und endet an der Stromdose, wo man das Handy auflädt. Alles Moderne und Fortschrittliche ist nun mal westlichen, das heisst christlich-säkularen Ursprungs. Und der Clou daran: das Abendland lässt sich kaum noch auf einen geografischen Raum reduzieren. Was zu erheblichen Problemen führt, wenn nur die äusserlichen Attribute des Westens angenommen, aber seine aufklärerische und säkulare Essenz zurückgewiesen wird, wie das bei muslimischen Staaten fast durchgehend der Fall ist. Ob sie wollen oder nicht: sie alle hängen am "bösen und gottlosen Westen" wie an den Zitzen einer grossen Muttersau. Das Abendland ist dort, wo man mit Euklid rechnet und mit Shakespeare Theater spielt. Wo man im Internet surft und Zeitungen liest. Wo man Plastiktüten verwendet und Coca Cola konsumiert. Also eigentlich überall, wo es Bildung und Zivilisation gibt, in welcher Form und Konzentration auch immer. Und nein: darauf stolz sein können wir nicht. Nicht, wenn es uns ernst ist mit der Aufklärung. Dieser historisch einmalige Generalnenner von Zivilisation und Kultur ist unter anderem auch für Hiroshima, unzählige Genozide und den Holocaust verantwortlich. Ja, wir kennen die "Dialektik der Aufklärung". Die Aufklärung hat auch ein Kippmoment. Ein Kippmoment, das ein Linksintellektueller wie Lukas Bärfuss gerne in den Vordergrund stellt, um den Kulturrelativismus zu verteidigen. Er tut das zwar sehr differenziert, aber in der Konklusion läuft seine Argumentation dann doch auf etwas hinaus, das sich reichlich simpel anhört - und durch den vielen Gebrauch nicht wahrer wird. Es ist die beliebte Schablone der Selbstentlastung durch Selbstbezichtigung. Wir sind die Allerschlechtesten von allen. Wir massen uns an, unsere humanistischen Werte für universal zu erklären. Dabei haben wir die Indianer und andere Urvölker an den Rand der Ausrottung gebracht, wir haben den Holocaust verbrochen und Atombomben gezündet. Wir zerstören die Umwelt, und trotz Feminismus posieren auf unseren Werbeplakaten lauter nackte Frauen. Wer kann es den strenggläubigen Muslimen verdenken, dass sie uns verachten? Ich weiss, so einfach und holzschnittartig denkt Lukas Bärfuss nicht. Ich schätze seine Essays, und ich schätze ihn als Schriftsteller. Dennoch nervt er mich manchmal mit seinem linksdiskursiven Argumentationsmuster, das nicht nur reichlich abgenutzt ist, ausgeleiert, könnte man fast sagen, sondern auch noch falsch. Die Dialektik ist ein Prozess, in dem sich Gegensätze aufheben. Idealerweise. Banal gesagt: am Schlechten arbeiten wir noch. Das tut auch der Bühnenautor und Essayist Lukas Bärfuss. Wenn auch (leider) mit  einem kulturrelativistischen Einschlag, der den Prinzipien heimlich entgegenwirkt, die in seinem Namen verteidigt werden sollen. Alles Böse, das die Menschheit im Namen der Rationalität und der Aufklärung verbrochen hat, "ist noch in Arbeit". Auch das gehört zur "Dialektik der Aufklärung". Und es kann nur durch sie geleistet werden! Es gehört zu ihren genuinen Möglichkeiten, aus Fehlern zu lernen und das Böse zu überwinden. Darauf muss man nicht stolz sein. Doch wenn man die "Dialektik der Aufklärung" auf ein schlechtes Gewissen reduziert und denen unfreiwillig den Weg ebnet, die die aufklärerischen Werte von aussen oder innen bekämpfen, läuft man schlichtweg auf die Selbstzerstörung zu. Deshalb sollte der Westen (das "Abendland") darauf verzichten, das Bewusstsein für seine Stärken zu ächten. Selbstbewusstsein ist nicht das Gleiche wie Überheblichkeit. Links-masochistische Selbstpreisgabe ist genauso falsch wie chauvinistische Hybris. In einem alltäglichen und uns unmittelbar betreffenden Sinn bedeutet Aufklärung Wohlstand ohnegleichen, moderne Medizin, Lebenserleichterungen durch technische Innovationen, umfassendes Wissen, Eindämmung von Hunger und anderen Nöten, Meinungsfreiheit, Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Menschenrechte, kurzum: Humanitas. Entgegen einem verbreiteten Irrtum ist das alles nicht einfach vom Himmel gefallen. Es ist keine Naturtatsache, dass wir diesen Zustand und Anspruch in der Welt haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit. Ohne den christlich-jüdischen Säkularismus gäbe diesen Status quo nicht, und der Widerspruch in dieser Formulierung (Religion/Nicht-Religion) zeigt eben schon an, dass wir es hier mit einer typisch europäischen Entwicklung zu tun haben, einem dialektisch fortschreitenden Säkularismus, der dem Islam zutiefst fremd ist, obwohl die muslimischen Gelehrte des Mittelalters viel dazu beigetragen haben, dass sich Europa weiterentwickeln konnte. Die heutige Überlegenheit der westlichen Kultur ist auch durch den Islam zustande gekommen. Und gerade deshalb vergaloppieren sich die muslimischen Fundamentalisten, wenn sie von den muslimischen Grossreichen des Mittelalters träumen. Den Islam auf das frühere Niveau bringen zu wollen, ähnelt dem Versuch Doktor Frankensteins, einen einstmals blühenden Körper durch Stromstösse wiederzubeleben. Das Ergebnis ist grauslig. Der Islam hat vor Jahrhunderten seinen Beitrag geleistet. Wenn er heute noch lebt, dann nur als Untoter. Im Mittelalter wurde der Siegerpokal weitergereicht: vom Süden in den Norden, vom Orient in den Okzident, vom Mittelmeerraum nach Europa und von Europa nach Amerika und in die ganze Welt hinaus.

 

Wie stark und weltumspannend die westliche Kultur ist - und dass es auch wirklich eine Kultur ist und nicht nur eine technokratische Zivilisation, wird deutlich, wenn man sich anschaut, was auf den Theatern der ganzen Welt am häufigsten gespielt wird. Es ist Shakespeare. Komischerweise versteht man diesen Engländer aus dem 16. Jahrhundert in allen Kulturen, sogar in Bollywood. Was nicht nur mit Shakespeares Genialität zu tun hat, sondern auch mit dem "abendländischen Spirit", der in zweifacher Hinsicht universal ist. Er rückt den "Menschen an sich" ins Zentrum, als kulturübergreifendes Phänomen. Daneben ist Hamlet - Shakespeares bekannteste Figur - natürlich DER Prototyp jener real existierenden, weltumspannenden europäischen Kultur, die so allgegenwärtig ist, dass wir sie als solche kaum noch bemerken. In seiner selbstreflexiven Haltung verkörpert Hamlet den europäischen Geist. Er ist der ewige Zweifler, der alles hinterfragt, keine Grenzen akzeptiert und mit dieser Fähigkeit viel Unheil anrichtet. Aber auch den Horizont menschlicher Denk- und Handlungsmöglichkeiten enorm erweitert, ein Punkt, wo sich Hamlet mit Faust trifft. Im 20. Jahrhundert hat Hamlet die Formel zur Kernspaltung gefunden, und Faust - assistiert vom grinsenden Mephisto - hat die Atombombe gebaut. Dieser diabolische Pakt hat nicht nur neuartige globale Bedrohungen hervorgebracht, sondern auch unzählige Menschenleben gerettet, nicht nur dank der atomaren Abschreckung und der friedlich genutzten Atomenergie, sondern auch dank Kunstdünger, Impfungen, Medikamenten und Krebstherapien, und die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit um etwa fünfzig Jahre erhöht. Dank der westlichen Technik und Rationalität hätten wir eigentlich jeden Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Der Menschheit geht es besser denn je. Noch nie wurde auch nur annähernd ein solches Ausmass an Wohlergehen erreicht wie in den letzten Jahrzehnten. Eine These, mit der der US-amerikanische Psychologe Steven Pinker gegen die allgemeine Schwarzseherei, die grün-fundamentalistische Ignoranz und den allzu bequemen Kulturrelativismus anschreibt. Seine Argumente sind stichhaltig, soweit sie sich auf den wissenschaftlichen Fortschritt beziehen. Nur auf ökonomischem Gebiet scheint seine These ein bisschen zu schwächeln: der zunehmende Reichtum ist nämlich mit einer zunehmenden Ungleichheit verbunden. Doch immerhin sind in einer reichen Gesellschaft die Ärmsten nicht annähernd so arm wie in einer armen Gesellschaft. Dank Verbesserungen auf beinahe allen Gebieten hat die Menschheit einen statistisch nachweisbaren exponentiellen Schritt nach vorn gemacht. Ein Hilfsarbeiter aus Bombay geniesst heute einen höheren Lebensstandard als ein englischer Aristokrat um 1800. Vollends deutlich wird die abendländische Hegemonialität, wenn wir uns mit Wissenschaft beschäftigen. Nicht Kunst, Religion oder Literatur haben die Menschheit weitergebracht. Religiös und kunstbeflissen waren - soweit wir wissen - auch die Neandertaler. Mit Sicherheit wären aber die Neandertaler nicht ausgestorben, wenn sie über bessere Waffen oder bessere Schutzmittel gegen Infektionen verfügt hätten. Wenn etwas das menschliche Leben nachhaltig gesichert und verbessert hat, dann ist es die Wissenschaft. Und wo hat die Wissenschaft ihren Anfang genommen? Nicht in einer Religion oder einer sittlichen Philosophie, sondern im natur- und weltbezogenen Denken der vorsokratischen Philosophen. In der Entmystifizierung der Natur und ihrer systematischen Nutzbarmachung. Dort liegt die Quelle dessen, was sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden, bereichert von zahllosen Zuflüssen wie Judentum, Hellenismus, Platonismus, lateinischem Christentum, Gnostizismus und islamischer Gelehrsamkeit, zu einem globalen Strom ausgeweitet hat. An der türkischen Westküste - genaugenommen nicht einmal in Europa - hat das Abendland seinen Anfang genommen. Insofern schildert der Mythos der aus Vorderasien nach Kreta entführten Europa die historischen Vorgänge erstaunlich genau. Das Abendland ist kein Kontinent, sondern eine Bewegung, die das Wohl des Menschen und die Beherrschung einer per se unmenschlichen Natur zu einem universalen Anliegen gemacht hat.

 

Dass der Islam in vielen Bereichen einmal führend gewesen ist, ändert nichts an der Tatsache, dass er seit 500 Jahren bedeutungslos vor sich hinflackert - und dass ihm die führende Rolle nur zugefallen ist, weil er viele ältere Kulturen beerbt hat. Ein Erbe, das er nach und nach aufgebraucht, verschandelt oder verschwendet hat. Schuld daran ist eine trügerische religiöse Siegesgewissheit, ein Überlegenheitsgefühl, das im Koran unhinterfragbar festgelegt ist. Im Gegensatz dazu hat sich die selbstkritische abendländische Kultur alternativlos verfestigt: nicht als Religion, sondern als Freiheit von Religion. Diesem Umstand verdanken wir den Säkularismus und die mit ihm zusammenhängende geistige Freiheit, ohne die wir zum Beispiel auch nicht den Kolonialismus und die westliche Hegemonialität kritisieren könnten. Denn auch die Menschenrechte stammen aus dieser Quelle. Der europäische Geist ist selbstreflexiv und selbstkritisch. Manchmal bis zum Exzess, bis zur Selbstverneinung im radikalen Kulturrelativismus, der uns weismachen will, dass alle Kulturen gleichwertig seien. Nein, sind sie nicht. Kulturrelativismus kann sich nur jemand leisten, der einer überlegenen Kultur angehört. Oder anders gesagt: Kulturrelativisten sind Leute, die wortreich behaupten, es gäbe keine Sprache. Es sind Leute, die fluchend das Fluchen verbieten. Sie widersprechen sich selbst. Ohne ihre überlegene Kultur könnten sie diese überlegene Kultur nicht relativieren. Dass die westliche Vormachtsstellung mit ihrer technologischen und kapitalistischen Hemmungslosigkeit die Welt zerstören kann, bestreitet niemand. Doch in welcher anderen Kultur ist eine derart fundamentale Selbstkritik möglich? Und wird sogar öffentlich gefördert? In vielen muslimischen Ländern riskiert man schon sein Leben, wenn man seinen Teddybären "Mohammed" nennt. Eine Kultur oder Religion, die auf Spott und Kritik mit beleidigten Abwehrreaktionen bis hin zu Gewaltorgien reagiert, ist grundsätzlich schon disqualifiziert - und muss sich genau deshalb verspotten und kritisieren lassen: eine endlose Spirale der Abwertung oder Selbstabwertung. Dass eine solche Religion oder Kultur tatsächlich minderwertig oder schwach ist, liegt auf der Hand. Die westliche Kultur ist auch deshalb die überragende und überlegene Kultur, weil sie Selbstkritik, Spott, Satire, freie Interpretation und allerei Grenzwertiges zulässt und verkraftet, ohne dass gleich alles zu brennen anfängt. Witze über die Jungfrau Maria entfachen keine Flächenbrände, Papst- und Jesuskarikaturen sind gang und gäbe, und die massiv blasphemischen Kunstaktionen eines Hermann Nitsch haben - trotz einzelner Proteste aus konservativ-katholischen Kreisen - zu keinem einzigen Mordanschlag geführt. Es gibt sogar gläubige Katholiken, die Nitschs "Orgien Mysterien Theater" aus Blut, Kreuzen, Exkrementen und Gedärmen toll finden und diesen freien Umgang mit dem Religiösen schätzen. Es entspricht unserem Selbstverständnis, dass sich sowohl Atheisten als auch gläubige Menschen mit dem Religiösen frei auseinandersetzen dürfen, sei es künstlerisch, esoterisch, literarisch oder wissenschaftlich. Dies gelingt dank der umfassenden Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, die wir in Europa (noch) geniessen. Nach unserem westlich-aufgeklärten Verständnis ist Religion eine archetypische und kulturelle Angelegenheit, die vielerlei Zugänge erlaubt - und erlauben muss. Eine Auffassung, die mit dem christlich-humanistischen Ethos unauflösbar verbunden ist. Anderswo gibt es das nicht. Gleichwertige Alternativen gibt es nicht. Kein anderes Ethos steht für Menschenrechte, Individualismus und Freiheit. Weder China noch die theokratisch regierten muslimischen Länder haben etwas Gleichwertiges anzubieten. Und selbstverständlich ist dieses Ethos auch im Westen nicht überall präsent. Das mindert seine Universalität nicht im geringsten. Universal ist es deshalb, weil es keine Dogmen, Sitten und Gebräuche bestätigt, sondern die menschliche Natur, die überall und zu allen Zeiten ähnlich ist. Nicht gleich, aber ähnlich. Es stimmt eben nicht, was die Kulturrelativisten behaupten: die "Werte der Aufklärung" sind nicht ein imperialistisches Exportprodukt, das nur deshalb global geworden ist, weil man es anderen Kulturen aufgezwungen hat. Zwar sind diese Werte im kulturellen und historischen Umfeld Europas entstanden und haben sich quasi im Windschatten des Kolonialismus verbreitet, doch letztlich gelten sie gerade deswegen, weil sie in kulturunabhängigen menschlichen Befindlichkeiten und Ansprüchen wurzeln. Kulturrelativisten argumentieren in dieser Hinsicht völlig falsch und einseitig. Ihre Fundamentalkritik widerlegt sich selbst, sobald man sie konsequent anwendet. Denn auch die Emanzipationsbestrebungen in der Dritten Welt - von der Anti-Apartheitsbewegung bis zur Befreiungstheologie - fussen auf europäischen Werten und Bestrebungen. Und genau das berechtigt die westliche Kultur zu einer gewissen Vormachtstellung. 

 

Den Atheisten und radikalen Laizisten, die diesen Universalismus gerne als religiöse Neutralität hinstellen, muss man in einem Punkt vehement widersprechen: die westliche Vormachtstellung gäbe es nicht ohne das Christentum. Das Christentum spielt hier eine Schlüsselrolle. Betrachten wir das mal aus einer alltäglichen Perspektive. Ein Herr Müller oder Meier konvertiert zum Shintoismus, Buddhismus oder Islam. Ist er deswegen kein Christ mehr? Trotz seiner Konversion bleibt er mit seinem ganzen Denken und Fühlen in seiner angestammten Kultur und Zivilisation verwurzelt. Seine Prägung kann er nicht ablegen. Als Konvertit trägt er nur ein Kostüm. Er kann gewisse Gewohnheiten und Einstellungen ändern, aber mehr nicht, und meistens auch nur vorübergehend. Das ist ungefähr wie der Vorsatz, durch eine strenge Diät das Idealgewicht erreichen zu wollen. Meistens setzt sich dann eben doch das Realgewicht durch. Christ ist man nicht, weil man gläubig ist - oder besonders bibelkundig. Wobei Letzteres immer eine strittige Frage ist. Fundamentalistische Christen kennen das Christentum verdammt schlecht. Ihre Bibelfestigkeit ist trügerisch. Es ist pure Dummheit, den Glauben auf ein "Für-wahr-halten" im Zusammenhang mit einem Buch zu reduzieren, das man nicht mal in der Originalsprache liest. Und auch die Freidenker und Konvertiten verkennen, dass wir es hier nicht nur mit "Gläubigkeit" zu tun haben, sondern mit einer 2000jährigen Kultur, mit der wir durch unzählige geistige Kanäle verbunden sind. Man kann sich eine Religion nicht einfach so überziehen wie ein Arbeitsgewändchen, das den Bäcker vom Schreiner unterscheidet. Nichts ist lächerlicher als ein Schweizer, der zum Islam konvertiert und sich schämt, weil seine Nationalflagge ein Kreuz hat. Dieses Kreuz hat er auch auf seinem Passbüchlein, auf seiner Identitätskarte, auf seinen Personalpapieren, in seinem Kopf, in seinen Träumen - und es verfolgt ihn bis nach Mekka. Sein Christsein wird er niemals los. Deshalb sind die Konvertiten oftmals die grössten Fanatiker. Sie müssen vor allem gegen sich selbst kämpfen. Der wunde Punkt bei ihnen - und bei allen, die die Religionszugehörigkeit als eine Willenssache auffassen - besteht darin, dass man sich die Religion eigentlich gar nicht aussucht. Man kann zehnmal hintereinander aus der Kirche austreten und bleibt trotzdem Christ. Ich selber weiss das. Einen Kirchenaustritt habe ich schon hundertmal in Erwägung gezogen. Schliesslich bin ich jemand, der den Glauben durchschaut und jedes Glaubenskorsett verachtet. Doch inwiefern bin ich deswegen kein Christ? Das Christentum manifestiert sich ja nicht nur in der Kirche, im Apostolischen Glaubensbekenntnis, im Katechismus oder in unsern halbwegs christlichen Bräuchen, sondern betrifft zum Beispiel auch die Art und Weise, wie ich denke und empfinde. Ich denke, also bin ich. Also bin ich schon mal kein Buddhist. Und wie steht es mit den sogenannten Buchreligionen? Als Protestant müsste ich doch zum Islam oder wenigstens zum Judentum einen leichten Zugang finden können. Doch weit gefehlt! Ich mag Hunde. Und im Schwein sehe ich ein Symbol für Glück und Wohlstand. Und wie steht es mit dem Hinduismus? Bei Yoga denke ich zwanghaft an einen Menschen, der sich selber auf den Kopf kackt, und bei der Karma-Idee sträubt sich meine Logik wie eine Katze, die den Buckel macht. Jemand schlägt mich grundlos tot, und dann bin ich auch noch selber schuld! Ich kann mich yogisch verrenken und karmisch reinigen. Ich kann mir Rattenkot auf den Bauch streuen. Ich kann es mit Ayurveda versuchen und mittels Tantra ein höheres Bewusstsein anstreben: es hilft alles nichts. Das Höchste, was mir zugänglich ist, habe ich schon. Es spricht nichts dagegen, Grenzen zu überschreiten und Fremdes auszuprobieren. Aber ich bezweifle sehr, dass ein christlich oder westlich erzogener Mensch in einer fremden Kultur oder Religion auf die Höhe seiner Möglichkeiten gelangt. Ein Baum wächst nur auf der Grundlage seines eigenen Wurzelwerks. Ein Naturheilpraktiker würde sagen: in der Wurzel liegt die Kraft! Ich mag solche Esoterik-Phrasen eigentlich nicht. Das Ursprüngliche ist keineswegs immer nur das Gute, weshalb ich Rousseau genauso misstraue wie den Grünen und den Esoterikern - und mich im Zweifelsfall eher Voltaire anschliesse, der den Rousseauschen Wunsch, auf allen Vieren zu gehen und Gras zu fressen, für abwegig hielt. Ähnlich kritisch sehe ich auch den religiösen Fundamentalismus. Auch hier gibt es Menschen, die am liebsten auf allen Vieren gehen und Gras fressen würden. Ich halte es für gut, dass wir das "totale" Christentum überwunden haben. Andererseits sind wir auch als Humanisten und Säkularisten - und sogar als Atheisten und Freidenker - immer noch Christen. Das Christentum ist die wichtigste Tiefenschicht unseres kollektiven kulturellen Gedächtnisses. Das kulturelle Erbe der Antike wie auch das kulturelle Erbe der heidnischen Mittel- und Nordeuropäer, etwa der Kelten, bilden die anderen beiden Tiefenschichten, die unsere abendländische Identität ausmachen. Diese beiden anderen Tiefenschichten stehen dem Christentum gar nicht so fern. Im Gegenteil. Die verschiedenen Schichten sind miteinander verbunden und durchdringen einander. Das Christliche ist ja gerade deshalb so zentral, weil in ihm viele vorchristliche Elemente konserviert sind. Zum Beispiel der ganz und gar unbiblische Platonismus mit dem Glauben an die unsterbliche Seele - oder die ganz und gar unbiblische keltische Sagenwelt, die uns den heiligen Gral beschert hat. Kurzum: das Christentum ist die grosse synkretistische Grundlage des Abendlands. Verlieren wir diese Verbindung, verlieren wir auch unsere Bildung und Kultur. Oder um es noch deutlicher zu sagen: wir verscherbeln das Beste und Wertvollste, das wir haben. In unseren kulturellen Tiefenschichten gibt es nämlich ein profundes Wissen. Zum Beispiel ein Wissen um Bilder. Ein Wissen um symbolische Zeichen und Handlungen. Ein Wissen um Bedeutungen. Ein Wissen um Geschichten. Das Christentum ist voll davon. Ein riesiges Geschichtenreservoir, ein Fass ohne Boden! In diesem Fass fehlt es nicht an Widersprüchen und Ungereimtheiten. Bei näherem Hinsehen stellen wir fest, dass vieles, was wir gemeinhin für christlich halten, von seinem Ursprung her gar nicht so christlich ist. Und umgekehrt entpuppen sich Sachen, die wir kaum noch mit dem Christentum in Verbindungen bringen, unversehens als zutiefst christlich. Wobei auch das nicht immer so eindeutig ist. Kiffen ist in unserer Kultur verpönt, während der Weingenuss als Kulturleistung gilt. Diese Wertung ist eindeutig auf die christliche Kultur zurückzuführen, insbesondere die symbolische Bedeutung des Weins für die Liturgie. In einer tieferen Schicht steckt darin noch der Bacchus-Kult, der schon vor den Römern und Griechen existiert hat. Eine uralte Sache also. Doch mit dieser Wertung - Wein gut, Haschisch schlecht - ist die Sache noch längst nicht abgetan. Das kultische Rauchen und Räuchnen ist keineswegs aus unserm Kulturkreis verbannt. Wie wir wissen, haben die Katholiken einen Weg gefunden, an den "Wohlgerüchen Arabiens" ohne Verlust an Würde zu schnuppern. Und so ist auch der Weihrauch - eine psychotrope Substanz wie Haschisch - aus der christlichen Kultur nicht mehr wegzudenken. Myrte und Weihrauch gehören zu den christlichen Traditionen wie der Stern von Betlehem oder der gütig-strenge St. Nikolaus, der übrigens Türke war. Darauf verweisen noch die Erdnüsse und Mandarinchen. Nur die Rute ist ein einheimisches Produkt. Und so könnten wir immer weiter den christlichen Bestandteilen unserer Kultur nachspüren: in einem Hin und Her zwischen fremd und nicht-fremd, zwischen christlich und ausser-christlich, zwischen christlich und vor-christlich, und wir kämen damit niemals an eine klare Trennlinie. Das Christentum ist ein Fass ohne Boden.

 

Zwischen den verschiedenen Religionen und Kulturen gibt es zahlreiche Verwandtschaften und Überschneidungen, so wie es innerhalb der verschiedenen Religionen und Kulturen auch gravierende Unterschiede gibt: etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Oder zwischen Katholiken und Protestanten. Oder zwischen Protestanten und Evangelikalen. Andererseits ragt die Kultur, in der sich eine Religion manifestiert, über sämtliche internen Spaltungen und Parteiungen hinaus. Ich bin kein Katholik und erst recht kein Papst-Fan. Aber das hält mich nicht davon ab, die gotische Architektur oder die Gregorianischen Choräle zu bewundern. Oder den Isenheimer Altar! Und nein, das ist nicht die gleiche Bewunderung, die ich den Pyramiden von Gizeh entgegenbringe, die ich zwar bewundere, weil es grossartige Bauwerke sind. Aber andererseits sind sie mir auch völlig egal. Sie berühren mich nicht. Mit mir persönlich haben sie nichts zu tun. Sie sind mir so fremd wie irgendwelche Gesteinsbrocken im Weltraum. Ganz anders verhält es sich mit christlichen Kunstwerken. Oder mit Luthers Bibelsprache. Die altägyptische oder indische Kultur kann ich bewundern. Sie kann mich faszinieren. So wie mich auch eine Molluskel fasziniert. Aber kann ich mit einer Molluskel befreundet sein? Wohl kaum. An fremden Kulturen trample ich vorbei wie ein Tourist, der ein paar schöne Fotos schiesst - und sich auf die Hotelbar freut. Ich kann die schönsten indischen Tempel und die höchstgelegenen tibetanischen Klöster besuchen: alles schön und gut. Vielleicht sind das Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss. "Man". Aber wieso eigentlich ich? Nichts davon betrifft oder berührt mich existentiell. Im tiefsten Innern lässt es mich gleichgültig. Und so gibt es hier auch keine Spiritualität, zumindest nicht für mich, der ich westlich sozialisiert bin, in der abendländischen Kultur. Egal, wie und wohin ich mich bewege, ob geistig, spirituell oder künstlerisch: das Abendland ist meine Basis. Hier ist meine Rampe. Hier springe ich ab. Die Linie, die ich zum Heiligen oder Höheren ziehen kann, finde ich immer nur an dem Ort, wo ich verwurzelt bin. Ich finde sie nicht am Ganges, nicht bei den Indianern - und auch nicht in einer sibirischen Schamanenhütte. Als Esoterik-Tourist finde mein "höheres Selbst" wahrscheinlich am ehesten in der Hotelbar. Dort gehöre ich hin. Dort ist mein Platz. Dort bin ich an der Quelle meiner Identität und finde je nachdem sogar meine Erleuchtung. Mit Sicherheit finde ich die Erleuchtung (falls es bei uns überhaupt so etwas gibt) nicht bei den Indianern, nicht in einer sibirischen Schamanenhütte oder in einem indischen Tempel, wo man Ratten verehrt. Denn in unserer Kultur liegt die Wahrheit auch im Wein, während wir beim Anblick von Ratten eher an die Pest denken als an irgendetwas Religiöses. Das nennt man kulturelle Konditionierung. Was uns in Bann zieht, wenn wir zu den Schamanen gehen, zu den indischen Gurus oder den brasilianischen Regentänzern, ist ebenfalls ein Produkt dieser Konditionierung: nämlich eine Projektion, eine Fata Morgana. Das Exotische hat seinen Reiz. Doch wirklich fündig werden wir nur dort, wo wir eben keiner Projektion erliegen. Zum Beispiel in der Hotelbar. Zum Beispiel wenn wir Wein oder Schnaps trinken. Nein, das ist überhaupt nicht ironisch gemeint. Die alten Dorfbeizen, die irischen Pubs, die italienischen Grottas: das sind unsere Kulturstätten. Und steckt im Wort "Spirituosen" nicht das Wort "Spirit", also "Geist"? Manchmal lohnt es sich, auf die Sprache zu hören. In ihr ist unsere Kultur und Identität quasi eingelagert. Codiert und jederzeit abrufbar. Die Sprache, das wussten schon die Gebrüder Grimm, ist ein verlässlicher Wegweiser.

 

Über Jahrhunderte hinweg hat das Christentum den kulturellen Körper, von dem es umgeben ist, am Leben erhalten. Wie ein System aus Blutgefässen hat es diesen vielgestaltigen Körper mit Nährstoffen versorgt. Ohne Blutgefässe kein Körper. Und umgekehrt. Insofern ist es richtig, von einer "christlichen Kultur" zu reden. Diejenigen, die allergisch reagieren, wenn man öffentliche Kreuze entfernt und den Säkularismus dergestalt umfrisiert, dass man ihn mit "religiöser Neutralität" gleichsetzen kann, haben im Grunde genommen recht. Mit einer nicht unwesentlichen Einschränkung: das Christentum füllt unsere Kultur nicht gänzlich aus, so wie auch ein Körper nicht ausschliesslich aus Blutbahnen besteht. Die sogenannt "christliche Kultur" ist eben auch deshalb christlich, weil sie nicht ausschliesslich christlich ist! Zur christlichen Krippe gehört auch der heidnische Weihnachtsbaum. Und zu Weihnachten gehört auch ein Türke namens Sankt Nikolaus. Oder archetypisch gesehen: eine druidenähnliche Figur mit Stock und Bart, ein Gandalf für Kinder, der mit dem Christentum rein gar nichts am Hut, respektive an der Kapuze hat. Gott sei Dank! könnte man sagen. In seinen kulturellen Traditionen ist das Christentum ebenso weiträumig wie schwammig, ebenso durchlässig wie schillernd - und insofern auch human. Inhuman wird es immer nur dort, wo es sich allzu ernst nimmt. Wo es eine von allen "unchristlichen" Zutaten und Schlacken gereinigte Religion sein will. Oder wo es sich übernimmt, weil es die eigenen Grundlagen missversteht und den lieben Gott mit dem Über-Ich, die Bibel mit dem Zivilgesetzbuch und die Offenbarung des Johannes mit dem Terminkalender verwechselt. Als Christ weiss ich ganz genau, dass eine Religion, die Gesetze erlässt, Sittengebote ausspricht und Regierungen stellt, zum Tyrannen wird. Darin liegt denn auch der Grund, weshalb die Europäer den Islam ablehnen. Sie tun es aus einem sicheren Gefühl heraus. In einem Islam, der nicht durch westliche Einflüsse abgeschwächt oder eingedämmt wird, beherrscht die Religion alles, jede Kleinigkeit im Leben. Solche Zustände haben wir in Europa auch schon gehabt. Der religiöse Eifer hat Europa stärker verwüstet als die Pest und alle anderen Naturkatastrophen zusammengenommen. Kein Europäer wünscht sich das zurück. Andererseits gibt es im Christentum eine klare theologische Trennung zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit, was die Europäer letztlich dazu befähigt hat, den Schritt in den modernen Säkularismus zu tun. Was dem Islam bis dato nicht gelungen ist - und ihm wahrscheinlich auch niemals gelingen wird, weil ihm dazu die theologische Grundlage fehlt. Die Schwäche des Christentums ist nämlich auch seine Stärke: es ist transzendent. Es ist keine Gesetzesreligion. Es ist keine Religion der Lebenspraxis - und erst recht keine politische Religion. Das Kirchenrecht, das auf die zivile Rechtsprechung der alten Römer zurückgeht, ist nicht mit der Scharia zu vergleichen. Da die christlichen Bezüge nicht diesseitig sind, ist das Christentum eigentlich ein Religion für den Privatgebrauch, absolut untauglich für die grosse Politik - oder gar als Herrschaftsinstrument. Andererseits ist diese Religion -  auch das gehört zu ihren Stärken und Schwächen - extrem flexibel. Man kann sehr viel daraus machen: mehr, als eigentlich da ist. Mit einem enormen propagandistischen Aufwand wurde der gedemütigte und gekreuzigte Christus zum "Weltenherrscher" ("Pantokrator") ausgerufen, und dank der clever gefälschten "Konstantinischen Schenkung" konnten sich die Bischöfe von Rom als legitime Machthaber ausweisen.  Gänzlich übertünchen liess sich das Problem jedoch nicht. Angesichts ihrer mangelhaften theologischen Legitimation war die Kirche von Anfang an gezwungen, eine realpolitische Exekutive zu installieren, die unter Umständen auch zur Konkurrenz werden konnte. War der Papst ein Arschloch, gab es garantiert einen Arschloch-König, der dem geistlichen Oberhaupt auf die Finger klopfte. Authentisch christlich ist eigentlich nur das Mönchswesen. Oder präziser gesagt: die christliche Armut, die natürlich von den Mönchen auch nicht immer so ernst genommen wurde. Oder im umgekehrten Fall als Askese und Bussfertigkeit missverstanden wurde. Diese schwierig zu handhabende, realpolitisch völlig unsinnige "Ausserweltlichkeit" finden wir im Evangelium als Botschaft wie auch als Lebensgeschichte. Sie ist der religiöse Kern. Jesus hat keine Länder erobert und keinen Gottesstaat gegründet. Er hat keine Armee aufgestellt und keine Handelskarawanen organisiert. Im Gegenteil. Er hat ein Reich verkündet, das nicht von dieser Welt ist. Was dann die Christen - und zwar in der real existierenden Welt - die nächsten 1700 Jahre daraus gemacht haben, ist natürlich eine andere Geschichte. Pure Machtgeschichte. Von der man sich allerdings nicht täuschen lassen sollte. Dass sich ausgerechnet aus der "Kriminalgeschichte des Christentums" (Karlheinz Deschner) der heutige Säkularismus entwickelt hat, ist nur die logische Folge einer religiösen Grundlage, die nie als weltliche Machtbasis gedacht war.

 

Es gibt also keinen Säkularismus ohne Christentum. Wohl aber ein Christentum ohne Säkularismus. Die Zeugen Jehovas, die evangelikalen Freikirchen und viele andere christliche Splittergruppen ausserhalb der Landeskirchen sind nicht säkularistisch orientiert. Die Rechtgläubigen, Heilsgewissen, Gottesfürchtigen und Einfältigen vor dem Herrn, die sich gerne einbilden, sie müssten ungläubige Christen (was immer das auch ist) zum Christentum bekehren, erwecken oft den Eindruck, als hätten sie sich von den Grundlagen ihrer eigenen Religion abgekoppelt. Offensichtlich verstehen sie da etwas falsch. Christ ist man aufgrund der kulturellen Prägung - und nicht weil man an dies oder jenes glaubt oder diese oder jene Überzeugung hat. So absurd es klingt: in der Religion tut der Glaube nichts zur Sache. Man kann jeden Tag etwas anderes glauben - und die Überzeugung kann man wechseln wie ein Hemd. Wenn man auf den Kopf gefallen ist, glaubt man etwas anderes, als wenn man nicht auf den Kopf gefallen ist. Je nach Wetterlage ändert sich auch die Religiosität, je nach Befindlichkeit ist man von etwas überzeugt oder auch nicht. Sitzt man in einem abstürzenden Flugzeug, betet man plötzlich zu Gott. Wenn man hingegen die Kirchensteuer begleichen muss, sinkt die Glaubenskurve schlagartig in den Keller. Die Prägung aber zieht sich durch alles hindurch. Das Christentum, das uns geprägt hat und weiterhin prägt, ist ein Grundpfeiler der abendländischen Zivilisation. Zusammen mit der klassischen Antike (die auch über den Umweg islamischer Gelehrsamkeit nach Europa gelangt ist, wie man fairerweise hinzufügen muss) hat es den Nährboden gebildet, aus dem der Humanismus und die Aufklärung entsprossen sind. Ausserdem ist das Christentum der Schleifstein, an dem sich das aufklärerische Denken über Jahrhunderte hinweg geschärft hat, ein Gegner, den man letzten Endes zwar besiegt hat, dem man aber auch viel zu verdanken hat. Nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern beinahe alles. Unter anderem auch die Freiheit der bildlichen Darstellung, etwa des nackten Körpers. Die Sixtinische Kapelle bringt den Unterschied zwischen dem Abendland und den muslimischen Kulturen auf den Punkt. Obwohl sich Michelangelo wegen seiner muskelstrotzenden Darstellungen den Ruf eines Provokateurs zuzog, bekam er von den Päpsten seiner Zeit jede nur mögliche Unterstützung. Der geniale Freigeist, der es wagte, in einer zentralen Kirche der Christenheit Gottes Arschbacken zu malen, landete keineswegs auf dem Scheiterhaufen. Er wurde reich und berühmt. Schon in der sakralen Kunst zeigt sich die grosse geistige Reichweite, die im Christentum und seiner kulturellen Einflusssphäre angelegt ist. Deshalb muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bad ausschüttet, wenn man religiöse Neutralität einfordert und öffentliche Kreuze entfernt. Diese Neutralität ist eine Illusion. Ohne Christentum gäbe es auch keine Freidenker-Bewegung und keinen Atheismus. Wir alle sind vom Christentum durchdrungen: umso besser, wenn uns das bewusst ist. Bei den Freidenkern und ihren Bemühungen, alles Christliche aus der Öffentlichkeit zu entfernen, kratzt man sich zuweilen am Kopf. Angesichts einer Kirche, die keine weltliche Macht mehr besitzt oder auch nur anstrebt, ist die Freidenker-Bewegung zum Leerlauf verkommen. Zur Donquichotterie. Als ob man heute noch die Inquisition bekämpfen müsste. Der Vatikan hat zwar noch einen gewissen politischen Einfluss, aber die Katholische Kirche ist schon längst nicht mehr die kriegführende, alles beherrschende Supermacht des Mittelalters und der frühen Neuzeit, sondern allenfalls so etwas wie ein Grosskonzern, ein spirituelles Disneyland, wo man seltsame Trachten trägt und unter Hosianna-Gesängen uralte Riten vollführt, die sogar dem Papst fremd sind. Die Freidenker adressieren eindeutig den falschen Feind: das Christentum ist nämlich weitgehend säkularisiert. Zumindest was die Landeskirchen betrifft. Man kann gläubig sein und trotzdem am gesunden Menschenverstand festhalten. Man kann in der Kirche sein und Kirchensteuer zahlen - und trotzdem den Standpunkt vertreten, dass das letzte Wort im Zusammenleben der Menschen nicht Gott oder irgendeine mythische Tradierung haben soll, sondern die Vernunft.

 

Das Recht auf Blasphemie lässt sich nicht auf die Gretchenfrage reduzieren. Man muss es in einem grösseren Zusammenhang sehen. Wer Religionen in Frage stellt, will sie ja nicht durch eine alternative Weltanschauung ersetzen. Das Ziel kann nicht eine Ersatz-Religion sein. Ein Atheismus, der diesem grösseren Zusammenhang Rechnung trägt, ist keine Ersatz-Religion, sondern lediglich eine Abrissbirne für Häuser, die zuviel Platz einnehmen. Sofern sich der Atheist auf den Standpunkt stellt, dass Atheismus vor allem mit intellektueller Redlichkeit und weniger mit festen Glaubenssätzen zu tun hat, kann er die von ihm kritisierten oder verspotteten Religionen ganz gut am Leben lassen. Er möchte bloss verhindern, dass religiöse Menschen allzu selbstsicher werden. Er sägt ihnen sozusagen die Hörner ab. Kurz gesagt: er kämpft nicht für eine atheistisch genormte Weltanschauung, sondern für eine säkulare Gesellschaft, die den religiösen Pluralismus überhaupt erst ermöglicht. Das Recht auf Blasphemie kommt nicht ausschliesslich den Atheisten zugute. Meinungsfreiheit schützt auch diejenigen, die zwar gläubig sind, aber nicht ganz auf der verlangten Linie: Abweichler, Häretiker, Minderheiten. Das aber bedeutet, dass keine Religion das Recht hat, ihre Schutzwürdigkeit über die Meinungsfreiheit zu stellen. Jede Religion muss sich messen lassen, vor allem auch an sich selbst. Auch innerhalb einer Religion offenbaren sich Widersprüche, Feindschaften und konkurrierende Auffassungen. Diese Divergenz macht deutlich, dass intersubjektive Verbindlichkeit in Glaubensfragen illusorisch ist. Sie ist ein realitätsfernes Versprechen. Ein gefährliches Versprechen, weil Religionen diese Verbindlichkeit vorgaukeln, ohne sie im geringsten garantieren zu können. Wo eine Religion gegründet wird, ist das Schisma schon programmiert. Mit ihren "dogmatischen Abschirmungs-Prinzipien" (Hans Albert) kaschieren religiöse Weltdeutungen eigene Denkfehler, Widersprüche und Auslegungsspielräume, die zu endlosen Streitereien führen können, bis hin zu offener Gewalt. Nicht nur zwischen Religionen, sondern auch und vor allem innerhalb ein und derselben Glaubensgemeinschaft, wobei dieser Spaltpilz sogar innerhalb ein und derselben Konfession wirken kann, wie die Geschichte des Protestantismus zeigt. Liberale Protestanten und Evangelikale stehen sich fremder gegenüber als Buddhisten und Muslime.

 

Liberale Religionsvertreter stellen das Religiöse gerne als eine Art Therapie gegen Empathielosigkeit dar. Das ist natürlich Unsinn. Um Empathie haben zu können, braucht man nicht gläubig zu sein, und über weite Strecken der Menschheitsgeschichte sind Religionen nichts anderes als Machtinstrumente und Unterdrückungsorgane gewesen. Oder Opium für das Volk, um mit Marx zu reden. Ausserdem täuscht die wohlfeile Kirchentagsrhetorik über das Dunkle und Psychotische hinweg, das aus der Religion herausspringt wie der Kobold aus der verwunschenen Schachtel, sobald man den Deckel ein bisschen anhebt. Wenn man die heiligen Texte liest und sich mit religiösen Traditionen und Auffassungen auseinandersetzt, merkt man schnell, dass man hier das ganze Paket geliefert bekommt. Das ganze Irrenhaus des Menschlich-Allzumenschlichen, um mit Nietzsche zu reden. Doch wie es halt so ist: auch in einem Irrenhaus kann man sich geborgen fühlen. Vorausgesetzt, man gehört zu den Patienten, die fügsam ihre Pillen schlucken. Religiöse Narrative geben Sinn und Halt, weil sie mit einer kulturellen Identität verbunden sind. Sie reissen aber auch Gräben auf und verleiten Menschen zu einer Selbstautorisierung jenseits jeder verhandelbaren Rationalität. Das Problem an Religionen ist ihr Anspruch, "von oben" gewollt zu sein. Die göttliche Beauftragung mit der Aussicht auf Erlösung ist wie eine Generalbevollmächtigung, ein Freibrief. Der natürlich oft auch als Schutzbrief verstanden wird. Religionen verlangen stets eine Sonderbehandlung; religiöse Gefühle gilt es zu schonen. Andererseits ist diese Schonung eine ziemlich alberne Einbahnstrasse. Religionen verschonen nämlich nichts und niemanden, wenn man sie von der Leine lässt. Selbst im Protestantismus, der sich schon vor langer Zeit selber an die Leine gelegt hat und vorbildlich für den Säkularismus eintritt, kommt zuweilen ein Moralismus zum Vorschein, bei dem es einem kalt über den Rücken läuft. Die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin war eine Pfarrerstochter. Kein Zufall. Auch wenn ich hinzufügen muss, dass die meisten Pfarrerstöchter - unter anderem auch Angela Merkel und Theresa May - nicht unbedingt bekannt dafür sind, dass sie Banken überfallen und Geiseln nehmen. Die grösste terroristische Bedrohung kommt heute aus ganz anderen Kreisen. Gudrun Ensslin erwähne ich nur, um nicht schon wieder auf dem Islam herumhacken zu müssen. Religiösen Terror - oder die Anlage dazu - gibt es in jeder Religion, sogar im Buddhismus, von dem man sich im Westen ziemlich naive Vorstellungen macht. (Der Nichiren-Buddhismus hat die Japaner in den Zweiten Weltkrieg getrieben). Eines haben alle Religionen gemeinsam: sie wollen sich durchsetzen, sie wollen die Gesellschaft offensiv beeinflussen. Diesen Bestrebungen gilt es ebenso offensiv entgegenzutreten. Religionskritik ist ein tragendes Element jeder säkularen Gesellschaft, die als solche ein vitales Interesse daran hat, irreale, totalitäre und theokratische Bestrebungen zu unterbinden. Das Christentum ist nur deshalb tolerierbar, weil man es in die Schranken gewiesen hat. Katholiken und Protestanten wissen das sehr genau, zu viele Federn haben sie schon lassen müssen. Mit guten Gründen verzichten sie darauf, ihre historisch bedingte Sonderstellung auszunützen. Sie halten sich vornehm zurück, halten sich brav an die Spielregeln und pflegen sogar eine gewisse Selbstkritik. Nicht einmal der übelste Hardcore-Katholik käme heute noch auf die Idee, die Inquisition gutzuheissen. Und die Protestanten, die in der Neuzeit gewütet haben wie die Buddha-Statuen zerstörenden Talibanmilizen, sind inzwischen ganz nett und kleinlaut und getrauen sich kaum noch, einen Gottesdienst zu veranstalten, ohne mit Buddhisten, Muslimen und Katholiken Händchen zu halten. Wo man früher das Schwert geschwungen hat, um Glaubensabtrünnige niederzumetzeln, benutzt man heute Stricknadeln, um die obligaten Wollsocken für den Kirchenbazar zu stricken. Im Umgang mit dem Säkularismus sind die Landeskirchen - das muss man anerkennen - über den eigenen Schatten gesprungen. Ernsthafte Konflikte gibt es hier kaum noch. Ausnahmen wie die katholische Entrüstung über die Papst-Sottisen der Satire-Zeitschrift “Titanic” bestätigen die Regel. Im allgemeinen gehen die Landeskirchen ziemlich souverän mit Religionskritik um. Denn eines haben sie gelernt: Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiöse Autoritäten und Auffassungen nicht lächerlich gemacht werden dürfen.

 

Gesetzlich bewegt man sich hier zwar in einer Grauzone. In den meisten europäischen Ländern - auch in der Schweiz - gibt es einen Blasphemieartikel, ein Gesetz gegen Gotteslästerung. Allerdings kennt es eine wichtige Einschränkung. In der juristischen Praxis kann es nicht so ohne weiteres gegen Karikaturen, Polemik, Satire und Ähnliches angewendet werden. Eine Handhabe für Zensur bietet dieses Gesetz nicht. Die Meinungs- und Kunstfreiheit hat meistens Vorrang. Man kann praktisch jeden Juristen fragen und erhält stets dieselbe Antwort: in einer liberalen Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit höher zu gewichten als religiöse Empfindlichkeit, da letztere keine intersubjektive Geltung besitzt, keine wirkliche Konsensfähigkeit, die Meinungsfreiheit aber schon. Der Blasphemieartikel - eigentlich ein alter Zopf aus vergangenen Jahrhunderten - richtet sich in erster Linie gegen handfeste Störungen und Vandalenakte wie zum Beispiel Kirchenschändungen. Eine Protestaktion, wie sie Pussy Riots in einer Moskauer Kirche veranstaltet haben, könnte auch bei uns mit dem Blasphemiparagraphen geahndet werden. Doch in der Praxis wäre das gar nicht so einfach. Würde ein derartiger Fall in der Schweiz verhandelt werden, müsste der Ankläger höchstwahrscheinlich eine Argumentation vorbringen, die in Richtung "Erregung öffentlichen Ärgernisses" geht. Der Vorwurf der Blasphemie hätte vor einem mitteleuropäischen Gericht, das seine religiöse Neutralität hochhalten muss, denkbar schlechte Chancen.

 

Will man die Frage beantworten, wodurch religiöse Satire begründbar ist, tut man gut daran, zuerst einmal den Begriff der Religionsfreiheit zu klären. Religionsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf religiöse Immunität. Eine solche Immunität gibt es nur in Theokratien. Bei uns hat niemand das Recht, seine Überzeugungen für sakrosankt zu erklären. Religionsfreiheit bedeutet lediglich, dass ich das Recht habe, meine eigene Religion zu wählen. Ich darf sogar meine eigene Religion oder Kirche gründen: - wie das zum Beispiel der französische Komponist Erik Satie getan hat, der sich zum Papst seiner eigenen Kirche ernannt hat, deren einziges Mitglied er war. (Das Experiment schlug dann allerdings fehl: als er sich wegen Häresie exkommunizieren wollte, verstrickte er sich im Unfehlbarkeitsdogma und schmiss den Papsthut mit einem "Urbi et Orbi" aus dem Fenster). Glauben darf ich alles, solange ich in der Ausübung meines Glaubens nicht gegen die Gesetze verstosse. Ich darf den grössten Unsinn glauben. Ich darf in meiner Besenkammer den heiligen Besen anbeten. Das darf mir niemand verbieten. Aber umgekehrt darf ich auch niemandem verbieten, meinen heiligen Besen als ein plumpes Stück Holz zu bezeichnen. Ja mehr noch: man darf ihn sogar als Dreckschleuder bezeichnen. In einer säkularen Gesellschaft müssen solche Meinungen frei und offen geäussert werden dürfen. Religiöse Menschen müssen erkennen und akzeptieren, dass ihr Glaube keine intersubjektive Geltung besitzt. Ausserdem ist der Glaube keine personale Angelegenheit. Seine Verletzung oder Kränkung betrifft nicht die Unversehrtheit der Person. Heikel ist Religionskritik erst dann, wenn sie - wie zum Beispiel im Antisemitismus - nicht die Religion an sich zum Gegenstand hat, sondern ein ethnisches Feindbild, wenn also Religionskritik lediglich als Vorwand dient, um den Juden wieder einmal alles Übel dieser Welt in die Schuhe zu schieben. Freilich geschieht das heute eher auf politischem Gebiet. Die Kritik am Staat Israel, wie sie derzeit vor allem bei Linken im Schwange ist, reizt eine Grauzone aus. Für Antisemiten ein Freipass. Andererseits auch ein Freipass für diejenigen, die überall Antisemitismus wittern. Es gibt sehr gute Gründe, den einzigen demokratischen, multireligiösen und säkularen Staat im Nahen Osten zu verteidigen. So wie es auch gute Gründe gibt, diesen Staat zu kritisieren. Im Normalfall steht eine Religion - präziser gesagt: das normative Glaubenssystem einer Religion, nicht ihre Kultur - auf der gleichen Stufe wie eine politische oder ideologische Überzeugung. Und für eine Überzeugung muss ich - als geistig mündiger Mensch, der seiner kleinkindlichen Trotzphase entwachsen ist - selbstverständlich Kritik einstecken können. Ein Spott, der nicht auf die Person, sondern auf die Überzeugung zielt, kann nicht mit persönlicher Diffamierung - geschweige den Rassismus - gleichgesetzt werden. Eine religiöse Überzeugung kann man ablegen oder annehmen, nicht aber die Haut- oder Haarfarbe, die Körpergrösse, das Geschlecht oder eine Behinderung. Ein Punkt, der oft unter den Tisch fällt. Vor allem in linken Kreisen wird Islamkritik gerne mit Rassismus gleichgesetzt. Ein hanebüchener Blödsinn. Und ein Eigentor obendrein. Wenn man Rassen konstruiert, wo gar keine sind, um sich hinter dem Schutzschild von Rassismusvorwürfen zu verstecken, ist das eben auch schon Rassismus. Religionskritik kritisiert die Überzeugung, nicht die ethnische Zugehörigkeit oder die kulturelle Prägung. Wenn jemand das Christentum kritisiert, fühle ich mich, obwohl ich durch und durch christlich geprägt bin, kein bisschen beleidigt. Ich würde mich aber beleidigt fühlen, wenn ich ein überzeugter Christ wäre, ein Christ, der sein Christentum als Willenssache auffasst, die es zu verteidigen gilt, weil jemand anders eine andere Auffassung über diese Sache haben könnte. Deshalb sind es nicht die Blasphemiker und Religionskritiker, die man in Sachen Toleranz massregeln sollte: es sind die religiösen Ignoranten.

 

So logisch das alles ist: leider steht zu befürchten, dass die Abwehrkräfte des Säkularismus erlahmen. Durch den Druck strenggläubiger Imigranten und ihrer religiösen Interessensverbände ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die fast nicht mehr aufzuhalten ist. Das säkulare Terrain verkommt zum Selbstbedienungsladen für religiöse Separatisten, und der Widerstand ist zwar vorhanden, fällt jedoch politisch nicht ins Gewicht. Das Problem ist, dass sich unsere Gesellschaft für derartige Missbräuche geradezu anbietet. Durch ihr naives Toleranzethos gerät sie zunehmend unter Druck, sie lässt sich erpressen und ausnehmen. Selbst die Landeskirchen predigen mittlerweilen eine Toleranz, mit der sie die eigenen Voraussetzungen untergraben. Denn der Mainstream-Islam kann in keiner Weise mit dem Mainstream-Christentum verglichen oder gleichgesetzt werden. Zwischen den beiden Religionen liegen ungefähr 500 Jahre Schocktherapie in Form von Reformation, Gegenreformation, Humanismus, Aufklärung, Positivismus, Darwinismus, Marxismus und einer Moderne, die in der muslimischen Welt gehasst wird wie der leibhaftige Teufel, obwohl an jeder Strassenecke von Dakar bis Islamabad eine Leuchtreklame für Coca Cola blinkt.

 

Die Debatte um Religionskritik durch Satire und Karikatur hat sich am Islam neu entzündet. Es ist eine uralte Debatte, und noch im 20. Jahrhundert betraf sie vor allem das Christentum. Seit der Fatwa gegen Salman Rushdie und der Ermordung Theo Van Goghs haben sich die Gewichte merklich verschoben. Was nicht nur mit dem islamistischen Terrorismus zu tun hat, sondern auch mit dem Islam insgesamt. Von wegen: es hat nichts mit Religion zu tun. Das Christentum musste sich extrem verbiegen, um sich als Machtreligion installieren zu können. In dieser Biegsamkeit lag aber auch die Chance zur Säkularisierung. Anders beim Islam. Hier finden totalitäre und politische Tendenzen den idealen Nährboden, da diese Religion - gegründet von einem Feldherrn, Politiker und Kaufmann - schon von Grund auf sittenpolizeilich, machtpolitisch und militärisch zu Werke ging. Diese Totalität in der Vereinnahmung der Gesellschaft wie auch des Einzelnen kann die muslimische Theologie ohne weiteres auf die jeweiligen politischen und sozialen Verhältnisse übertragen. Und nein: das ist keine Sache von Extremisten. Es betrifft den Mainstream-Islam. Und es betrifft auch Äusserlichkeiten. Noch in den Achtzigerjahren sah man in den Strassen europäischer Städte keine jungen muslimischen Frauen mit Kopftüchern. Oder besser gesagt: wenn eine junge muslimische Frau ein Kopftuch trug, fiel sie auf. Und das Gleiche galt auch für einen Grossteil der muslimischen Welt, wo traditionelle muslimische Bekleidungen nicht überall im gleichen Masse erwünscht und normal waren. Wenn man alte Fotos anschaut, auf denen junge Frauen in Afghanistan, im Iran oder in der Türkei luftig gekleidet und mit offenen Haaren flanieren oder sich in Discos vergnügen, kratzt man sich verwundert am Kopf. Dass das heute anders ist als noch vor 30 oder 40 Jahren, hat mit dem Erstarken des politischen Islam zu tun, der andere Ideologien im vorderen Orient und in Afrika zurückgedrängt hat, zum Beispiel auch den Sozialismus. Der Islam bietet sich hier als Ersatz an. Vor allem auch deshalb, weil er in seiner politisierten Spielart kein "entstellter" oder "zweckentfremdeter" Islam ist, wie bei uns gelegentlich behauptet wird, sondern quasi aus dem Vollen schöpfen kann. Der politische Islam ist authentisch, und genau darin liegt der Grund, weshalb er sich weltweit und auf sehr breiter Basis durchsetzt. Einen unpolitischen Mainstream-Islam gibt es nicht. Nirgends. Den Beweis dafür finden wir in islamischen Ländern. Diese Länder sind eben nicht islamisch in dem Sinn, wie ein christliches Land christlich ist. Eine Staatskirche - egal, ob anglikanisch, protestantisch oder römisch-katholisch - hat nicht den Rang, den der Islam in muslimischen Ländern beansprucht - und meistens ziemlich totalitär durchsetzt. Muslimische Mehrheitsgesellschaften sind fast immer Theokratien. Oder weniger freundlich ausgedrückt: religiöse Despotien. Damit könnte man umgehen, wenn der Westen eine klare religionskritische Haltung hätte und sich dazu durchringen könnte, die liberalen und säkularen Kräfte in der muslimischen Welt zu unterstützen. Leider passiert genau das Gegenteil. Die linksgrüne Islam-Toleranz, eine kurzsichtige Blanko-Toleranz, die das Böse immer nur rechts verortet und jeden Islamkritiker als Rassisten diffamiert, verrät nicht nur den westlichen Säkularismus, sondern auch all jene mutigen Muslime, die unter Lebensgefahr ihre eigene Religion zu kritisieren wagen. Getrieben von einer verknöcherten anti-westlichen Ideologie und einer falschen Auffassung von Religionsfreiheit hofiert man den Kreide fressenden Islamisten und schliesst mit ihnen eine Art Schutzpakt, mit dessen Hilfe Frauen unterdrückt, die Meinungsfreiheit eingeschränkt und ein weltweiter religiöser Obskurantismus durchgesetzt wird. Dieses anti-aufklärerische Engagement von Menschen, die ihrer politischen Überzeugung nach eigentlich die Werte der Aufklärung verteidigen müssten, befeuert den rechten Populismus und reisst die ganze Linke in den Abgrund. Und mit ihr auch jeden Ansatz zu einer nachhaltigen Assimilation europäischer Muslime. Sogar in der vergleichsweise schwach islamisierten Schweiz befürworten sehr viele Muslime die Scharia. (Nach einer Umfrage der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften befürwortet jeder fünfte Schweizer Muslim die Scharia. Stand November 2018). Diese demonstrative und gleichsam selbstverständliche Abgrenzung, die man heute bei vielen europäischen Muslimen antrifft, ist ein deutliches und alarmierendes Zeichen dafür, dass sich der Islam in einem globalen Massstab politisiert hat und den Säkularismus ablehnt. Und nein, schuld daran ist eben nicht der rechte Populismus oder irgendeine systematische Stigmatisierung ("Islamophobie"). Hier verwechselt man Ursache und Wirkung, zumal der erstarkte islamische Fundamentalismus ein globales Phänomen darstellt. Viele Muslime stigmatisieren sich selber.

 

Ansätze zu einem mittelalterlichen Gesellschaftsverständnis gibt es auch in anderen Religionen, selbst im solid säkularisierten Christentum. Obwohl der Islam mit seinem rigiden Tugendkatalog und seiner Neigung zur schriftgetreuen Militanz weitaus stärker aneckt als jede andere Religion, ist der Fanatismus auf christlicher Seite keineswegs verschwunden. Und man sollte ihn auch nicht aus den Augen verlieren. Nur weil christliche Fundamentalisten darauf verzichten, Halleljua schreiend Menschen umzubringen mit gesegnetem Sprengstoff, sind sie noch lange nicht zur Vernunft gekommen, was man vor allem in den USA sehen kann. Während sich die Landeskirchen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils liberalisiert haben, sind die Evangelikalen - mehr noch als die im Mittelalter hängengebliebenen Opus-dei-Katholiken - weltweit in eine erfolgreiche Expansionsphase eingetreten. Mittlerweilen betreiben sie eine ähnliche Popaganda wie die Salafisten: mit Volldampf in die Apokalypse. Alles oder nichts. Himmel und Hölle zum Discountpreis. Beide Gruppierungen profitieren von der gleichen Schwäche, der gleichen Nachgiebigkeit. Christliche und islamistische Fundamentalisten machen sich nur deshalb breit, weil wir ihnen die Chance dazu geben. Weil wir uns erpressbar machen aus Angst, wir könnten das Augenmass verlieren und die eigenen Grundwerte verletzen. Jeder Fernseh-Evangelist und salafistische Scharfmacher darf seinen religiösen Blödsinn straflos verbreiten, es herrscht Meinungsfreiheit, und Dummheit ist nun mal nicht strafbar. Davon profitieren religiöse Menschen ganz erheblich. Die Frage ist, ob und wie man sie daran hindern kann, das offene Meinungsforum, das ihnen genauso zur Verfügung steht wie jedem andern Mitbürger auch, für die planmässige Propagierung von Wahnideen zu missbrauchen. Die Frage ist überdies, wie man Demarkationslinien durchsetzt, um die religiöse Okkupation des öffentlichen Raums zu stoppen. Dass dies möglich ist, hat die Schweizer Anti-Minarett-Initiative bewiesen. Dennoch sollte man die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wer sich vom Friedens- und Versöhnungsgesäusel der “Rechtgeleiteten” und “Barmherzigen” einlullen lässt, riskiert ein unsanftes Erwachen. Diese Leute werden nämlich ganz und gar ungemütlich, wenn man ihren Idealen und Weltbildern nicht den verlangten Respekt zollt. Dabei müsste ihnen doch eigentlich klar sein, dass sie in einer liberalen Gesellschaft nicht darum herumkommen, diesen oder jenen Kratzer hinzunehmen. Der deutsche Publizist Henryk M. Broder hat unlängst eine Schocktherapie vorgeschlagen, eine Strategie des roten Tuchs, mit der man religiöse Fanatiker herumhetzen kann, bis sie sich ausgetobt haben und abstumpfen. Broder ist der Meinung, dass jede grössere Zeitung regelmässig Mohammed-Karikaturen veröffentlichen sollte. Bis sich das Empörungspotential verbraucht hat. Die Gewöhnung ist eine Macht, die jedem Tabu früher oder später die Spitze abbricht. Noch in den Fünfzigerjahren waren Frauen in Hosen ein Skandal. Irgendwann hat man sich dann aber daran gewöhnt, und hosentragende Frauen wurden zur Normalität. Der Gewöhnungseffekt ist auch im Umgang mit religiösen Fanatikern der alles entscheidende Faktor. Unter dem Dauerbeschuss religionsfeindlicher Karikaturen müssten sich die religiösen Fanatiker dem Druck der Gewöhnung beugen. Und Gott behüte, dass es umgekehrt läuft! Wir, die säkular gesinnten Menschen, dürfen uns unter keinen Umständen daran gewöhnen, dass uns religiöse Fanatiker ihre Tabus aufzwingen. Leider passiert genau das immer öfters. Aus Feigheit oder weil man die Zwangsjacke eines linkstolerant verschwurbelten Wertesystems trägt, kommt man immer weiter davon ab, die Freiheit des Denkens und der Kunst gegen religiöse Einschüchterungen zu verteidigen. Broders Vorschlag hat meine uneingeschränkte Sympathie. Das Dümmste, was man machen kann, wenn religiöse Fanatiker auftrumpfen, ist nachzugeben. Der Klügere sollte in die Offensive gehen. Und auch wenn er die rote Karte riskiert: lieber foulen als zurückweichen. Lieber nachtreten als Zugeständnisse machen. Religiöse Gefühle zu verletzen, sollte kein No-Go sein. Schliesslich verletzen religiöser Fanatiker unsere Gefühle am Laufmeter. Kreationisten versuchen den Darwinismus aus deutschen Schulen zu verdrängen, Islamverbände treten lautstark für muslimische Sonderrechte ein, und in den Fussgängerzonen europäischer Städte verteilen junge Salafisten Gratis-Korane, die von wahabitischen Theokraten gesponsert werden, während in den gleichen Städten islamkritische Publizisten, Karikaturisten und Reform-Muslime permanenten Polizeischutz benötigen. Das sind ungefähr die Zustände, die wir heute bei uns haben, mitten im säkularisierten Europa. Verschärft oder sogar regelrecht angeheizt wird dieses Problem durch eine irrationale linke Toleranzpolitik, die am liebsten jedes religiöse Gefühl unter Schutz stellen würde. Gefühle zu schützen, ist die neue linke Mission. Marx würde sich im Grab umdrehen! Den Widerstand gegen die um sich greifende Desäkularisierung durch den importieren Islam findet man heute eher im rechten Lager. Dort gibt es einen breiten aufklärerischen Widerstand, der viele Normalbürger ins Lager der Rechtspopulisten treibt. Diese Gegenwehr ist nötig und plausibel, und ob sie nun von links oder rechts kommt, kann einem eigentlich egal sein. Hauptsache sie kommt. Allerdings sollte man die problematische Seite an der rechten Islamkritik nicht ausblenden. Geht es hier nicht in letzter Konsequenz um eine Re-Christianisierung? Die Rechtspopulisten holen nicht nur die Religions- und Islamkritiker ab, sondern auch die christlichen Fundamentalisten, also genau jene Christen, die sich unter dem Eindruck einer schleichenden Islamisierung als "Gegengift" anbieten. Womit sie keineswegs für die Aufklärung streiten. Man könnte sie höchstens als das kleinere Übel bezeichnen, weil das Christentum auch in seinen fundamentalistischen Manifestationen einigermassen säkularisiert ist. Doch indem diese Fundis den Darwinismus und die ganze westliche Aufklärung ablehnen, legen sie sich mit ihren muslimischen Feinden im Grunde genommen ins gleiche Bett.

 

Egal, ob wir es mit christlichen oder muslimischen Fundamentalisten zu tun haben: wir befinden uns wieder im 16. oder 17. Jahrhundert, als die katholische Kirche Jagd auf "ketzerische Philosophen" machte. Wenn das für einen Menschen des 21. Jahrhunderts keine Beleidigung ist, dann weiss ich auch nicht. Religiöse Propagandisten verspüren anscheinend Rückenwind. Allerorten drehen sie das Rad zurück. Was wir brauchen, ist eine Gegendrehung, eine streitbare Aufklärung. Leute wie Henryk M. Broder, Abdel Samad und Richard Dawkins springen hier in die Bresche. Was wir brauchen, ist eine Religionskritik ohne Scheuklappen und Waschlappen-Mentalität. Trotz erheblichem Widerstand von Seiten islamischer Staaten hat sich diese Ansicht teilweise auch bei der UNO durchgesetzt. Auf der Informationsplattform des Vereins Humanrights.ch wird in Bezug auf entsprechende UNO-Beschlüsse unmissverständlich klargestellt, dass niemand “wegen seiner Äusserungen über eine bestimmte Religion bestraft werden” kann, es sei denn, “es handle sich um eine ohnehin strafbare Verletzung religiöser Gefühle (Blasephemie-Verbote auf der Ebene des Strafrechts)...” Blasphemie-Verbote, so führt Humanrights.ch weiter aus, “fallen unter die Meinungsäusserungsfreiheit”.

 

Hier beisst sich die Katze freilich in den Schwanz. Was nützt es, Religionen kritisieren zu dürfen, wenn man keine religiösen Gefühle verletzen darf? Ich darf also uneingeschränkt Kuchen essen, muss aber darauf achten, dass ich meine Diät einhalte. Da sich das Diffamierungsverbot in Religionsfragen als Unsinn erweist, wird es auf die strafrechtliche Ebene der “Meinungsäusserungsfreiheit” abgewälzt, was aber keine Lösung bringt, sondern lediglich zur Folge hat, dass ein Unsinn durch einen grösseren Unsinn ersetzt wird. De facto (wenn auch nicht de juris) gibt es für Ideen, Ideologien und religiöse Traditionen keine Immunität. Der von den Religionswächtern gerne zitierte Blasphemieartikel (im Schweizerischen Strafgesetzbuch Artikel 261) kollidiert, wie ich bereits erwähnt habe, mit dem Recht auf Meinungs- und Kunstfreiheit und entlarvt sich immer wieder als Papiertiger, der in der säkularen Rechtsprechung nur sehr beschränkt angewendet werden kann. Wenn überhaupt. Im Ernstfall kann der Blasphemieartikel keine einzige Form von Religionskritik unterbinden oder einschränken, vor allem nicht im Kunstbereich. Und selbstverständlich ist es nicht an den Gläubigen, zu definieren, wo eine Kritik aufhört und eine Verunglimpfung anfängt. Ob jemand, der kritisiert wird, weil er an etwas glaubt oder von etwas überzeugt ist, die betreffende Kritik als herabwürdigend empfindet oder nicht, hängt einzig und allein von seiner subjektiven Empfindung ab. So gesehen kann jede derartige Kritik als verunglimpfend empfunden werden, und das Argument, dass man Religionen wohl kritisieren darf, aber nicht verunglimpfen, hängt ziemlich in der Luft. Es ist ein Scheinargument. Es ist null und nichtig. Die Grenzziehung kommt ja immer von dort, wo man sich beleidigt fühlt: sie ist also nicht objektiv. Das Motiv dieser Grenzziehung ist nicht verallgemeinerbar. Das Recht, nicht bestohlen, beraubt oder ermordet zu werden, ist verallgemeinerbar. Das Recht nicht persönlich beleidigt zu werden, ebenfalls. Nicht aber das Recht auf eine unantastbare Weltauffassung. Dieses Recht - eigentlich ein Pseudo-Recht - unterliegt keinen allgemeingültigen Kriterien. Es ist ein Exklusivrecht - und insofern eben kein Recht, sondern eine Sonderregelung. Das, was Religionen gemäss ihren eigenen Drehbüchern gerne etablieren würden: den sakrosankten Status des Gläubigen und die Bestrafung oder Ächtung des Ungläubigen, Zweiflers und Häretikers. Vor dem Gesetz sollten aber alle Menschen gleich sein. Insofern sind Religionen immer - wenn auch meistens nur latent - gegen das säkulare Gesetz gerichtet. Was die Religionshüter fordern, ist ein Exklusivrecht, ein Privileg. Sie fordern, dass religiöse Gefühle geachtet und respektiert werden. Dass man sie quasi unter Schutz stellt. Andererseits nehmen sich die Religionswächter kraft einer höheren (göttlichen) Befugnis die Freiheit heraus, den gesunden Menschenverstand am Laufmeter zu beleidigen. Das wiederum sollte ihrer Meinung nach erlaubt und garantiert sein. Und ja: selbstverständlich dürfen sie das tun. Sie dürfen den gesunden Menschenverstand beleidigen. Das tut auch Dieter Bohlen, wenn er einen Schnulzensänger lobt. Kein Problem. Das nennt sich Meinungsfreiheit. Doch unter dieser Voraussetzung müssten die Religionswächter auch die Retourkutsche zulassen. Gleiches Recht für alle. Dieses Recht wird logischerweise nicht durch eine religiöse Instanz gewährleistet. Die Spielregeln werden woanders gemacht. Die Unterscheidung zwischen einer Diffamierung oder Diskriminierung und einer religionskritischen Manifestation oder Äusserung kann nicht vom Beleidigten getroffen werden. Wenn der Farbenblinde befugt wäre, seinen Mitmenschen den korrekten Gebrauch von Farbbezeichnungen vorzuschreiben, wäre das ziemlich fatal. Die juristische Logik ist eine andere. Hier hat nicht der Religionswächter darüber zu befinden, was man darf und was nicht. Wenn sich jemand persönlich beleidigt fühlt, kann er Klage einreichen und eine unabhängige Instanz anrufen, die den Vorwurf überprüft. Wobei der Tatbestand der Blasphemie absolut untauglich ist, um irgendeine Grenzlinie zu ziehen. Was darf man? Und bis wohin? Und ab wo darf man was nicht? Und in Bezug worauf? Es gibt keine Massstäbe, mit denen man etwas so Schwammiges wie Blasphemie rechtlich definieren könnte, da fehlt jegliche Objektivität. So könnte es zum Beispiel für einen Druiden den Gipfel der Blasphemie darstellen, wenn jemand an einen Baum pinkelt. Die meisten andern Menschen werden das aber keineswegs als blasphemisch empfinden, höchstens als unappetitlich. Und so geht es ja auch bei Mohammed- und Papstkarikaturen: wieso sollte man auf die irrationalen Empfindlichkeiten von Muslimen und Katholiken Rücksicht nehmen? Wenn man das täte, müsste man sämtlichen Glaubensgemeinschaften und Sekten das Recht zugestehen, religionskritische Äusserungen zu reglementieren, und worauf das hinauslaufen würde, kann man sich ja ungefähr vorstellen. 

 

2014